Berlin, 25. Juli 2026. Ein Fahrzeug fährt in eine Menschenmenge. Ein Mensch stirbt, 15 weitere werden schwer verletzt. Die Erschütterung ist groß. Mit ihr kommen Angst, Trauer und das Gefühl der Hilflosigkeit.
Fast ebenso vorhersehbar wie das Entsetzen ist die öffentliche Reaktion. Es wird nach mehr Sicherheit gerufen, nach mehr Überwachung, nach härteren Gesetzen, nach einer stärkeren Exekutive. Diese Forderungen sind verständlich. Wer Angst hat, sucht Schutz. Wer sich ausgeliefert fühlt, wünscht sich jemanden, der Sicherheit gibt.
Gerade deshalb sollten wir einen Moment innehalten.
Denn jede Gesellschaft steht nach einer solchen Tat vor zwei Fragen. Die erste lautet: Wie schützen wir Menschen vor weiteren Angriffen? Diese Frage ist wichtig und notwendig. Polizei und Sicherheitsbehörden haben die Aufgabe, Gefahren abzuwehren und Menschen zu schützen.
Die zweite Frage wird jedoch weit seltener gestellt: Wie entsteht eine Gesellschaft, in der Entmenschlichung immer häufiger sichtbar wird?
Zwischen dem Ereignis und unserer Reaktion stehen die Medien. Sie berichten über das Geschehen – und das müssen sie auch. Doch wo Aufmerksamkeit zur wichtigsten Währung wird, besteht die Gefahr, dass schockierende Bilder und dramatische Schlagzeilen vor allem Angst verstärken. Die Ursachen rücken in den Hintergrund, während die unmittelbare Empörung immer neue Nahrung erhält.
Dabei beginnt Entmenschlichung lange vor einem Anschlag.
Sie beginnt dort, wo Saisonarbeiter unter Bedingungen arbeiten, die ihre Würde verletzen. Sie beginnt dort, wo Menschen nur noch als Kostenfaktor, als Arbeitskraft, als Belastung oder als Sicherheitsproblem erscheinen. Sie beginnt dort, wo Geflüchtete, politische Gegner, queere Menschen oder Tiere nicht mehr als Lebewesen mit einer eigenen Geschichte wahrgenommen werden, sondern nur noch als Kategorien.
Eine Gesellschaft, die Menschen verlernt als Menschen zu sehen, schafft einen Boden, auf dem Gewalt leichter wachsen kann. Das bedeutet nicht, dass soziale Missstände einzelne Gewalttaten erklären oder gar rechtfertigen. Aber es bedeutet, dass Gewalt nicht im luftleeren Raum entsteht.
Nach jeder Eskalation konzentriert sich die öffentliche Debatte fast ausschließlich auf die Symptome. Mehr Absperrungen. Mehr Kontrollen. Mehr Überwachung.
Doch absolute Sicherheit gibt es nicht. Wer sie verspricht, verspricht etwas, das keine demokratische Gesellschaft einlösen kann, ohne den Preis der Freiheit immer weiter zu erhöhen. Das eigentliche Problem bleibt bestehen.
Vielleicht zeigt der reflexhafte Ruf nach mehr Sicherheit deshalb weniger den Wunsch nach einem starken Staat als vielmehr die Angst vieler Menschen. Eine Angst, die aus dem Gefühl entsteht, einer immer unübersichtlicheren Welt ausgeliefert zu sein. Diese Angst verdient Verständnis. Aber sie darf uns nicht daran hindern, weiterzufragen.
Denn eine Gesellschaft wird nicht dadurch menschlicher, dass sie immer mehr Kameras aufstellt oder immer höhere Zäune errichtet.
Sie wird menschlicher, wenn sie den Ursachen der Entmenschlichung entgegentritt.
Vielleicht sollten wir deshalb nach jedem schrecklichen Ereignis nicht nur fragen, wie wir uns besser schützen können.
Sondern auch, wie wir unsere Menschlichkeit schützen.

















































































