Der Fall Jens Spahn ist kein reiner Fall der Doppelmoral, worauf er vielfach in der Debatte reduziert wird. Er zeigt, wie sich die Reichen leisten können, die globale Fortpflanzungsindustrie zu nutzen und hiermit Profite auf Kosten der Leihmütter generiert werden.
Berlin. Jens Spahn ist als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurückgetreten. Offiziell wegen eines Glaubwürdigkeitsproblems. Tatsächlich aber ist sein Rücktritt Ausdruck eines tieferen gesellschaftlichen Widerspruchs.
Ausgerechnet einer der führenden Politiker einer Partei, die sich regelmäßig als Hüterin von Familie, Moral und christlichen Werten inszeniert und Leihmutterschaft in Deutschland ausdrücklich ablehnt, ließ seinen Kinderwunsch über den internationalen Markt erfüllen. Was hier zusammenbrach, war nicht nur die politische Glaubwürdigkeit eines einzelnen Politikers. Sichtbar wurde aber nicht nur die Doppelmoral einer Klasse, die Gesetze predigt, solange sie für andere gelten und sich selbst darüber hinwegsetzt. Das ist an sich nur konsequent: Es zeigt außerdem den Anspruch der Herrschaftsanspruch den Spahn hat, wie er mit anderen Menschen umgeht, sie unterordnet, um seine Ziele zu erreichen. Der Schritt einer Leihmutterschaft, unabhängig von der Legalität, verdeutlicht, dass der marktradikale Spahn mehr als nur Dreck wegen Masken am Stecken hat. Er interessiert sich für niemanden außer sich und seine Interessen; er nutzt sein Geld zur Ausbeutung bis zum Zugriff auf den Körper und die reproduktiven Ressourcen anderer, als wäre es ein Selbstbedienungsladen.
Spahn erklärte, dass sein persönliches Familienglück nicht mit seinem politischen Amt vereinbar sei. CDU-Chef und Bundeskanzler Friedrich Merz sprach von einer „richtigen und unvermeidlichen“ Entscheidung und begründete dies mit der Bedeutung politischer Glaubwürdigkeit. Jens Spahn überlebte bis zu diesem Punkt nämlich Spenden- und Masken-Skandale, aber nun wurde die Luft zu dünn und interne Kritik immer lauter. Die Leihmutterschaft steht im Widerspruch zu den konservativen Werten, die seine Partei vor sich herträgt, aber wir müssen uns keine Sorgen machen um den guten Jens, er hat ausgesorgt, und scheint nur als Fraktionsvorsitzender ausgedient zu haben, Abgeordneter bleibt er ohnehin.
Fortpflanzungsindustrie: Kapitalismus greift auf reproduktive Fähigkeiten zu
Reproduktion und Fortpflanzung, der Kinderwunsch wird zunehmend kommerzialisiert, nicht nur in Form von Leihmutterschaft. Der Wunsch nach dem perfekten Kind zum perfekten Zeitpunkt ist ein gutes Geschäft. Sei es über Fertilitätsprogramme von großen Tech-Konzernen, wie Google oder Apple, die ihren Mitarbeiterinnen beispielsweise Social Egg Freezing ermöglichen oder auch kommerzielle Angebote von Samen- und Eizellbanken sowie Kinderwunschkliniken, die in ihren Erfolgsstatistiken konkurrieren, weil je erfolgreicher, umso höher der Preis. Der Kinderwunsch ist ein gutes Geschäft, das international boomt und große Profite bietet. Dies zeigt sich in kommerziellen Adoptionsagenturen ebenso wie in der Leihmutterschaft, aber auch beim Versand von idealem Biomaterial, mit hohem IQ und den richtigen Genen.
Mit Marx und Engels gefasst zeigt sich hier folgendes: „Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ Daraus hat sich eine Fortpflanzungsindustrie, ein reproduktionsindustrieller Komplex entwickelt und die Leihmutterschaft ist nur die Spitze des Eisbergs
Leihmutterschaft mehr als ein Kinderwunsch
Befürworter der Leihmutterschaft stellen häufig den Kinderwunsch der sogenannten Wunscheltern in den Mittelpunkt. Jedoch darf man hierdurch nicht verschleiern, worum es geht: Nicht um eine gute Tat, sondern um Profite. Stattdessen müssen die Interessen der Frauen betrachtet werden, die die Schwangerschaft austragen, sowie die Rechte der Kinder, die aus solchen Arrangements hervorgehen.
Leihmutterschaft ist Ausdruck einer Entwicklung, in der immer mehr Bereiche menschlichen Lebens zu Waren und Dienstleistungen werden, Gegenstand einer Fortpflanzungsindustrie. Nicht nur Arbeitskraft wird verkauft, sondern auch die Fähigkeit, ein Kind auszutragen. Der weibliche Körper wird zu einer Art Produktionsmittel innerhalb eines internationalen Marktes für Fortpflanzung. Jedoch nicht mit einem emanzipativen Potential oder der Chance auf tatsächlichen Profit – es ist eine endliche Ressource.
Es wird nicht lediglich eine Dienstleistung erbracht. Gegenstand des Vertrages ist letztlich ein Kind. Schwangerschaft wird planbar, kalkulierbar und vertraglich geregelt. Aus einem reproduktiven menschlichen Prozess entsteht ein Markt, auf dem Angebot und Nachfrage den Takt vorgeben. Das Kind ist die Ware, es wird verkauft.
Kinder als einwandfreie Ware
In einigen Ländern und Vertragsmodellen existieren Klauseln, nach denen Wunscheltern unter bestimmten Umständen die Annahme eines Kindes verweigern können – etwa wenn schwere Erkrankungen oder Behinderungen festgestellt werden oder andere vertraglich definierte Bedingungen nicht erfüllt sind. Solche Fälle verdeutlichen jedoch die Logik, die hinter kommerzieller Leihmutterschaft stehen kann: Das Kind wird zum Gegenstand eines Vertragsverhältnisses, also zu einer Ware.
Diese Ware ist – wenn sie nicht „schadhaft“ – kostbar für die Wunscheltern, während die Mütter und ihre Körper, Gefühle und Emotionen keine Rolle spielen. Eine Schwangerschaft ist niemals risikofrei. Sie kann mit Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck, Präeklampsie, Thrombosen, Kaiserschnitten oder langfristigen gesundheitlichen Folgen verbunden sein. Hinzu kommen psychische Belastungen, insbesondere wenn unmittelbar nach der Geburt die Trennung vom Kind erfolgt.
Wertlose Leihmütter und Ungleichheit
Wie wertlos die Frauen in diesem Prozess behandelt werden, hat sich immer wieder gezeigt: Israel flog beispielsweise nach einem schweren Erdbeben in Nepal im Jahr 2015 insgesamt 26 von Leihmüttern ausgetragene Babys nach Tel Aviv aus, während die hochschwangeren Leihmütter zurückbleiben mussten. Die Neugeborenen – darunter mehrere Frühgeborene – wurden zusammen mit den israelischen Wunschvätern in Militärmaschinen evakuiert. Die betroffenen Frauen, meist arme Inderinnen oder Nepalesinnen, durften nicht mit ausgeflogen werden. Sie blieben schutzlos im zerstörten Kathmandu zurück, was zu massiver internationaler Kritik führte und folglich zu nationalen Verboten. Defacto bleiben diese jedoch folgenlos, das Geschäft geht weiter und wird leichtlich in andere Teil der Welt verlagert. Dies zeigt sehr deutlich, worum es geht, eine geschäftliche Transaktion und nicht um etwas Menschliches und Emotionales.
Viele Leihmütter stammen aus wirtschaftlich prekären Verhältnissen. Auch wenn in den USA die finanzielle Situation der Frauen häufig besser ist als in anderen Ländern, bleibt die zentrale Frage bestehen: Wie freiwillig ist eine Entscheidung, wenn hohe finanzielle Anreize eine entscheidende Rolle spielen? Wo ökonomischer Druck besteht, wird aus einer vermeintlich freien Entscheidung schnell eine wirtschaftliche Notwendigkeit und diese wird moralisch gepanzert mit der guten Tat, die man für die Wunscheltern begeht.
Profite im reproduktionsindustriellen Komplex
Deshalb ist die kommerzielle Leihmutterschaft zu kritisieren. Ungleichheit bildet auch die Basis eines Geschäfts- oder vielmehr Ausbeutungsmodells, bei dem überwiegend Reiche die reproduktiven Ressourcen finanziell schlechter gestellter Frauen aus der Arbeiterklasse ausbeuten. Um dies zu ermöglichen,früh zahlungskräftigte vermitteln lokale und transnationale Agenturen Wunscheltern mit einem Pool von Leihmüttern in Kliniken im Ausland, aber diese Pakete umfassen noch mehr für zahlungskräftigte Kundinnen und Kunden. Die Vermittlungsagenturen machen ihre Profite mit einem Gesamtpaket, ddazu gehören auch Rechtsanwaltskanzleien, die sich mit der staatsbürgerlichen Legalisierung des Neugeborenen beschäftigen, die Pharmaindustrie und auch Touristikunternehmen sind Teil davon, sodass sich wie Christa Wichterich ihn nennt ein reproduktionsindustrieller Komplex. In diesem können sich die Wunscheltern wie Jens Spahn auch Bioressourcen aussuchen, sodass das Kind die richtige Augen- und Hautfarbe hat. Er und sein Mann sind ja nicht auf die billigere Variante der Leihmutterschaft beispielsweise in ärmeren Regionen angewiesen. Es gibt eine rege Konkurrenz zwischen den Anbietern und ein Unterbieten der Preise. All das zeigt, wo das eigentliche Problem liegt, dass ausgeblendet wird.
Quelle: junge Welt/ORF/Blätter/Kommunistische Manifest


















































































