Nach dem Tod eines 38-jährigen indischen Landarbeiters haben italienische Ermittler zwei Unternehmer festgenommen. Die Justiz wirft ihnen systematische Ausbeutung von Arbeitskräften sowie schwere Umweltverstöße vor.
Tarent. Der Tod eines 38-jährigen Erntehelfers auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der süditalienischen Region Apulien hat weitreichende Ermittlungen ausgelöst. Festgenommen wurden ein Landwirtschaftsunternehmer aus Laterza sowie dessen Sohn. Gegen sie wird unter anderem wegen fahrlässiger Tötung unter erschwerenden Umständen, Arbeitsausbeutung (Caporalato), Umweltverschmutzung, Umweltkatastrophe, illegaler Abfallentsorgung und der Beschäftigung von Migrantinnen und Migranten ohne gültige Aufenthaltspapiere ermittelt.
Das Opfer, der aus Indien stammende Rajwinder Sidhu Singh, starb zwischen dem 25. und 26. Mai 2024. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft erlitt der 38-Jährige tödliche Verletzungen, nachdem er von einem Radlader gestürzt war, der gegen eine Betonleitwand geprallt ist. Zunächst war gegenüber dem Krankenhauspersonal von einem medizinischen Notfall die Rede gewesen. Die späteren Ermittlungen ergaben jedoch einen anderen Unfallhergang.
Sklavenarbeit unter drei Euro pro Stunde
Den Ermittlern zufolge verfügte Singh weder über eine Aufenthaltsgenehmigung noch über die erforderliche Berechtigung zum Führen des Fahrzeugs. Nach derzeitigem Stand der Untersuchungen transportierte er Plastikabfälle, die anschließend verbrannt werden sollten. Das Fahrzeug soll veraltet gewesen sein und erhebliche Sicherheitsmängel aufgewiesen haben.
Im Zuge der Ermittlungen zeichnete sich laut Staatsanwaltschaft ein Bild systematischer Ausbeutung der Beschäftigten ab. Demnach sollen Arbeiter regelmäßig zwölf bis dreizehn Stunden täglich gearbeitet und dafür weniger als drei Euro pro Stunde erhalten haben. Urlaub und ausreichende Ruhezeiten habe es nicht gegeben. Zudem sollen Beschäftigte einen Teil des offiziell ausgewiesenen Lohns an die Arbeitgeber zurückgezahlt haben.
Viele der Arbeitskräfte, überwiegend aus der indischen Region Punjab, lebten nach Angaben der Ermittler direkt auf dem Betrieb. Die Unterkünfte sollen sich in unmittelbarer Nähe der Ställe befunden haben und von Schimmel befallen gewesen sein. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Arbeitgeber hätten die Betroffenen kaum Möglichkeiten gehabt, Missstände anzuzeigen.
Zerstörung von Mensch und Natur
Neben den Vorwürfen der Arbeitsausbeutung ermittelt die Staatsanwaltschaft auch wegen mutmaßlich schwerer Umweltverstöße. Die vorhandenen Anlagen zur Lagerung von Gülle sollen für den Betrieb nicht ausgereicht haben. Nach Auffassung der Ermittler wurde deshalb ein nicht genehmigtes System aus Kanälen, Becken und Rohrleitungen errichtet, um die Abwässer außerhalb der zulässigen Bereiche abzuleiten.
Untersuchungen mit Drohnen und technische Analysen führten zu einem künstlich angelegten Gewässer innerhalb des Regionalparks Terra delle Gravine. Dort wurden erhöhte Konzentrationen von Phosphor, Metallen und weiteren Schadstoffen festgestellt. Zudem soll eine rund 21.000 Quadratmeter große illegale Deponie zur Trocknung und Wiederverwertung der Gülle als Dünger angelegt worden sein. Die Kosten für die Sanierung des betroffenen Geländes werden auf rund 1,6 Millionen Euro geschätzt.
Bei einer Pressekonferenz sprach Oberst Marcello Robustelli von der italienischen Arbeitsschutz-Einheit von einem „System der Ausbeutung“, das auf die Maximierung des Profits ausgerichtet gewesen sei. Nahezu alle gesetzlichen Merkmale der Arbeitsausbeutung seien erfüllt gewesen – von unzureichender Bezahlung über Verstöße gegen Arbeitsschutzvorschriften bis hin zum Fehlen von Schulungen und arbeitsmedizinischer Betreuung. Die Ermittlungen dauern an.
Quelle: IlFattoQuotidiano




















































































