Hamburg. Es gibt Momente, in denen sich die großen Widersprüche des Kapitalismus nicht in Börsenkursen und Konzernbilanzen widerspiegeln, sondern auf der Zugtoilette. Ein ICE der Deutschen Bahn auf dem Weg von Westerland nach Berlin legte am Samstag in Hamburg-Bergedorf einen außerplanmäßigen Halt ein – nicht wegen eines technischen Defekts, sondern weil es schlicht an Klopapier fehlte.
Ein Zugbegleiter stieg aus, ging in einen nahegelegenen Supermarkt, kaufte drei Packungen Toilettenpapier und kehrte damit zum Zug zurück. Ein Fahrgast hielt die Szene fest, das Video landete auf Instagram, und schon hatte das Sommerloch seinen wohl ehrlichsten Beitrag zur Lage der Nation gefunden.
Die Deutsche Bahn bestätigte den Vorfall. Wegen eines kurzfristigen Personalausfalls seien die Vorräte nicht überprüft worden. Künftig wolle man häufiger stichprobenartig kontrollieren, ob ausreichend Toilettenpapier vorhanden sei. Beruhigend.
Das klingt zunächst nach einer kleinen Panne, fast liebenswert. Und natürlich: Der Zugbegleiter hat pragmatisch gehandelt. Er sah das Problem, stieg aus, kaufte ein, löste es. So viel praktische Vernunft findet man in den oberen Etagen großer Unternehmen oft nicht.
Doch gerade diese Geschichte ist entlarvend. Eine hochindustrialisierte Gesellschaft, die Satelliten ins All schickt, Hochgeschwindigkeitszüge betreibt und sich mit Künstlicher Intelligenz brüstet, scheitert im Alltag an der rechtzeitigen Versorgung eines Fernzugs mit Klopapier. Willkommen im Spätkapitalismus des Jahres 2026.
Die offizielle Erklärung verweist auf einen kurzfristigen Personalausfall. Damit ist der eigentliche Punkt bereits genannt. Denn Personalmangel ist nichts anderes als Ergebnis einer Unternehmenspolitik, die über Jahre auf Effizienz, Einsparungen, knappe Personaldecken und Profitlogik setzt.
Wenn zu wenig Personal da ist, bleibt Arbeit liegen. Wenn Arbeit liegen bleibt, fehlen irgendwann Dinge. Manchmal sind es Wartungen, manchmal Anschlüsse, manchmal Informationen – und manchmal eben Toilettenpapier.
Das ist die stille Komik des kapitalistischen Alltags: Alles soll effizienter und billiger werden, bis selbst die einfachsten Grundlagen nur noch funktionieren, wenn Beschäftigte improvisieren. Der Betrieb läuft nicht wegen des Systems, sondern trotz des Systems – und weil Arbeiterinnen und Arbeiter täglich ausbaden, was Managementlogik und Sparpolitik verursachen.
Solche kleinen Absurditäten zeigen, wie brüchig der Alltag wird, wenn öffentliche Infrastruktur nach betriebswirtschaftlicher Logik organisiert wird.
Die Bahn ist für Millionen Menschen ein zentrales Verkehrsmittel. Sie müsste zuverlässig, leistbar, gut ausgestattet und öffentlich im Interesse der Bevölkerung organisiert sein. Stattdessen erleben Fahrgäste regelmäßig Verspätungen, Ausfälle, überfüllte Züge, Personalmangel und Serviceprobleme. Dass nun ein ICE wegen Klopapier hält, ist nur die komischste Variante vieler bekannter Probleme.
Das Sommerloch liefert damit eine erstaunlich präzise Zustandsbeschreibung: Der Kapitalismus, der uns täglich Innovation, Effizienz und marktwirtschaftliche Überlegenheit predigt, bekommt nicht einmal mehr die Klopapierversorgung organisiert. Eine Gesellschaft, die sich für modern hält, aber einen Zug von Sylt nach Berlin nur mit Supermarkt-Zwischenstopp sanitär betriebsfähig halten kann, sollte mit ihren Überlegenheitsfantasien vielleicht kurz Pause machen – zumindest bis die Bordtoilette wieder ausgestattet ist. Oder anders formuliert: Wer den Sozialismus wegen angeblicher Mangelwirtschaft verspottet, sollte zuerst erklären, warum der Kapitalismus an der letzten Rolle Klopapier scheitert.
Bis dahin gilt: Proletarierinnen und Proletarier aller Länder, vereinigt euch – und prüft vor Abfahrt die Bordtoilette.




















































































