Stuttgart/BRD. Beim deutschen Sportwagenhersteller Porsche droht ein weiterer massiver Stellenabbau. Nach Informationen des „Handelsblatts“ könnten bis zu 4.000 zusätzliche Arbeitsplätze wegfallen. Besonders betroffen sein sollen Management und Verwaltung, auch am Entwicklungsstandort Weissach sollen erhebliche Kapazitäten auf den Prüfstand. Porsche selbst bestätigte die kolportierte Zahl bisher nicht, verweist aber auf ein in Arbeit befindliches „Zukunftspaket“, das Ende Juli vorgestellt werden soll.
Schon zuvor hatte der Konzern einen umfassenden Abbau angekündigt. Bis 2029 sollen in der Region Stuttgart rund 1.900 Stellen „sozialverträglich“ wegfallen. Hinzu kommen ausgelaufene Verträge von rund 2.000 befristet Beschäftigten sowie die Schließung mehrerer Tochterfirmen.
Luxusmarke, Krisenlogik, Klassenrealität
Porsche steht wie kaum ein anderer Konzern für die Widersprüche des Kapitalismus. Während die Marke jahrzehntelang als Symbol von Luxus, Status und Profitabilität vermarktet wurde, sollen nun tausende Beschäftigte für Absatzprobleme, Konkurrenzdruck, strategische Fehlentscheidungen und die allgemeine Krise der Autoindustrie zahlen.
Das ist keine Besonderheit von Porsche. Es ist die normale Funktionsweise des Kapitals. Solange Gewinne fließen, werden sie privatisiert, als Erfolg des Managements gefeiert und an Eigentümer, Aktionäre und Spitzenkräfte verteilt. Sobald die Profitrate unter Druck gerät, erscheinen Arbeitsplätze plötzlich als Belastung. Dann werden Menschen zu Kostenstellen, Abteilungen zu Einsparpotenzialen und Standorte zu Verhandlungsmasse.
Die bürgerliche Öffentlichkeit nennt das „Restrukturierung“. Aus Sicht der Arbeiterklasse heißt es schlicht: Arbeitsplatzabbau.
„Sozialverträglich“ ist kein Schutz vor Klassenpolitik
Besonders beliebt ist in solchen Fällen das Wort „sozialverträglich“. Es soll Härte verdecken und den Eindruck vermitteln, der Abbau erfolge geordnet, fair und verantwortungsvoll. Doch auch ein „sozialverträglich“ gestrichener Arbeitsplatz ist ein gestrichener Arbeitsplatz. Auch ein ausgelaufener befristeter Vertrag bedeutet für die Betroffenen Unsicherheit, Einkommensverlust und Zukunftsangst.
Befristete Beschäftigte verschwinden in der Konzernsprache besonders geräuschlos. Sie werden nicht immer als Gekündigte gezählt, sie tauchen seltener in großen Sozialplan-Debatten auf, und doch trifft sie die Krise oft zuerst. Gerade diese Beschäftigten zeigen, wie flexibel das Kapital seine Risiken organisiert: In guten Zeiten werden sie gebraucht, in schlechten Zeiten werden sie aussortiert.
Das ist die reale Bedeutung kapitalistischer Flexibilität. Sie macht nicht das Leben der Arbeiterinnen und Arbeiter leichter, sondern die Krisenverwaltung der Unternehmen.
Die Autoindustrie im Umbruch
Der drohende Stellenabbau bei Porsche steht nicht isoliert da. Die deutsche Autoindustrie befindet sich insgesamt unter Druck. Absatzprobleme, internationale Konkurrenz, technologische Umbrüche, Elektromobilität, hohe Investitionskosten und Standortkonkurrenz verschärfen die Lage. Laut Berechnungen gingen allein im vergangenen Jahr zehntausende Jobs in der Branche verloren.
Doch auch hier darf die Analyse nicht bei der Oberfläche stehen bleiben. Die Krise der Autoindustrie ist nicht bloß ein Ergebnis falscher Modellpolitik oder schlechter Managemententscheidungen. Sie ist Ausdruck der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Produziert wird nicht nach gesellschaftlichem Bedarf, sondern nach Profit. Investiert wird nicht dort, wo es ökologisch und sozial sinnvoll wäre, sondern dort, wo Rendite erwartet wird.
Gerade die Autoindustrie zeigt diese Widersprüche besonders deutlich. Millionen Menschen sind von ihr abhängig, ganze Regionen hängen an ihren Betrieben und Zulieferketten. Gleichzeitig entscheiden Vorstände, Eigentümer und Investoren darüber, welche Standorte bestehen, welche geschlossen werden und welche Beschäftigten noch gebraucht werden.
Taskforce oder Klassenkampf?
Vor diesem Hintergrund fordert der Bosch-Betriebsrat eine „Taskforce“ aus Arbeitgebern, Gewerkschaften und Politik zur Zukunft der Autoindustrie. Der Ruf nach einem runden Tisch ist verständlich, weil die Lage für Beschäftigte dramatisch ist. Doch ist klar: Solange solche Gespräche auf dem Boden der kapitalistischen Standortlogik geführt werden, bleiben sie begrenzt.
Denn die zentrale Frage lautet nicht, wie Deutschland im internationalen Konkurrenzkampf „wettbewerbsfähig“ bleibt. Die zentrale Frage lautet, wer über Produktion, Investitionen, Arbeitsplätze und technologische Entwicklung bestimmt. Wird diese Frage ausgeklammert, endet jede Taskforce früher oder später bei derselben Antwort: Lohnverzicht, Flexibilisierung, Stellenabbau, Subventionen für Unternehmen und Appelle an die Beschäftigten, die „Transformation“ mitzutragen.
Die Arbeiterklasse braucht keine Verwaltung der Krise im Interesse der Konzerne. Sie braucht Gegenmacht. Sie braucht starke betriebliche Organisierung, kämpferische Gewerkschaften und politische Klarheit darüber, dass die Interessen von Kapital und Arbeit nicht versöhnt werden können.
Öffentliche Mittel, private Entscheidungen
Besonders zynisch ist, dass Konzerne wie Porsche und die gesamte Autoindustrie über Jahrzehnte direkt und indirekt von öffentlicher Infrastruktur, Forschung, Ausbildung, Verkehrspolitik und staatlicher Unterstützung profitiert haben. Die Fachkräfte wurden gesellschaftlich ausgebildet, die Standorte öffentlich erschlossen, die Absatzmärkte politisch abgesichert. Wenn es um Investitionen, Förderungen und Standortpolitik geht, ist der Staat stets willkommen.
Genau darin liegt der Klassencharakter dieser Entwicklung. Produktion ist gesellschaftlich, Aneignung und Entscheidungsmacht sind privat. Tausende Beschäftigte schaffen den Reichtum, doch über ihre Zukunft entscheiden Vorstände, Eigentümer und Märkte.
Die Krise darf nicht auf die Beschäftigten abgewälzt werden
Der Ausweg kann daher nicht darin bestehen, die Beschäftigten gegeneinander auszuspielen: Stammbelegschaft gegen Befristete, Verwaltung gegen Produktion, deutsche Standorte gegen ausländische Standorte, Autoindustrie gegen Zulieferer. Diese Spaltung nützt nur dem Kapital.
Die Antwort muss in die entgegengesetzte Richtung gehen: Verteidigung jedes Arbeitsplatzes, Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich, Übernahme befristet Beschäftigter, demokratische Kontrolle über Investitionsentscheidungen und eine planvolle Umstellung der Produktion nach gesellschaftlichen und ökologischen Bedürfnissen.
Wenn eine Industrie so zentral für ganze Regionen ist, darf sie nicht länger den Profitinteressen einzelner Konzerne untergeordnet bleiben. Die Zukunft von Beschäftigten, Standorten und technologischer Entwicklung gehört nicht in die Hände von Aktionären und Vorständen.
Quelle: ORF






















































































