Wieder deckte der Verein gegen Tierfabriken (VGT) Tiertransporte auf. Kalbinnen – junge Kühe, die zum ersten Mal trächtig sind – werden über weite Strecken transportiert. Sie sind nicht einfach Tiere auf einem Lastwagen. Sie sind Lebewesen, deren Körper und deren Fähigkeit, neues Leben hervorzubringen, Teil einer wirtschaftlichen Verwertung geworden sind.
Wer diese Bilder sieht, reagiert oft mit Mitgefühl oder Empörung. Beides ist verständlich. Doch wenn wir es dabei belassen, bleibt die eigentliche Frage unbeantwortet: Warum geschieht das immer wieder?
Die einfache Antwort lautet: Weil sich damit Geld verdienen lässt.
Die schwierigere, aber wichtigere Antwort lautet: Weil eine Wirtschaftsweise, die auf Profitmaximierung beruht, alles Lebendige danach beurteilt, welchen ökonomischen Nutzen es hat.
Karl Marx schrieb, die kapitalistische Produktion untergrabe die Springquellen allen Reichtums: die Erde und den Arbeiter. Dieser Gedanke hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Denn dieselbe Logik, die Böden erschöpft und Arbeitskräfte verschleißt, macht auch Tiere zu Produktionsmitteln. Nicht ihr Leben steht im Mittelpunkt, sondern ihre Verwertbarkeit.
Bei Kalbinnen zeigt sich das besonders deutlich. Es wird nicht nur ihr Körper genutzt. Verwertet wird auch ihre Fähigkeit, Leben hervorzubringen. Ihre Fruchtbarkeit wird Teil eines ökonomischen Kalküls.
Doch der Blick auf die Tiere führt noch weiter.
Der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm unterschied zwischen einer Orientierung am Lebendigen und einer Orientierung am Toten. Paulo Freire griff diesen Gedanken später auf. Eine Gesellschaft, die sich immer stärker an Besitz, Kontrolle und Verwertung orientiert, verliert leicht den Blick für das Lebendige. Nicht Entwicklung zählt, sondern Verfügbarkeit. Nicht Beziehung, sondern Besitz.
Vielleicht kennen wir diesen Unterschied auch aus der Sprache.
Wir sagen: Ich habe.
Ich habe Eigentum.
Ich habe Gewinn.
Ich habe Macht.
Doch Leben lässt sich nicht besitzen. Es entfaltet sich, wächst, verändert sich. Es ist niemals bloß ein Gegenstand.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Gesellschaft, die das Lebendige achtet, und einer Gesellschaft, die es vor allem verwertet. Deshalb wäre es ein Fehler, Tiertransporte ausschließlich als Frage des Tierschutzes zu betrachten. Sie sind Ausdruck derselben gesellschaftlichen Logik, die menschliche Arbeitskraft zur Kostenstelle macht, natürliche Lebensgrundlagen erschöpft und wirtschaftlichen Erfolg höher bewertet als das Leben selbst. Wer nur den einzelnen Transport kritisiert, bekämpft ein Symptom.
Wer verstehen will, warum immer neue Transporte stattfinden, muss die Verhältnisse betrachten, die sie hervorbringen. Die Frage lautet deshalb nicht nur, wie wir Tiertransporte verhindern. Sie lautet, welche Gesellschaft wir schaffen wollen. Eine Gesellschaft, in der Lebewesen nach ihrem Marktwert beurteilt werden. Oder eine Gesellschaft, in der das Lebendige selbst einen Wert besitzt.
Quelle: VGT/Karl Marx, Das Kapital, Band 1/Paulo Freire, Pädagogik der Unterdrückten/Erich Fromm, Haben oder Sein


















































































