Der Sudan wird seit mehr als drei Jahren von einem verheerenden Krieg erschüttert, der Millionen Menschen in die Flucht getrieben hat. 2018/19 wurde das diktatorische Regime, das den Sudan bis dahin beherrschte, von einer Volksbewegung gestürzt. Die folgenden Jahre waren geprägt von einer Konfrontation der Volksbewegung, in der die Sudanesische Kommunistische Partei eine zentrale Rolle spielte, mit den alten Eliten, die durch das sudanesische Militär und die paramilitärischen Rapid Forces repräsentiert wurden. Im Oktober 2021 putschte das Militär angesichts der zunehmenden Stärke der Volksbewegung schließlich gegen die zivile Regierung. Die Volksbewegung und die Sudanesische Kommunistische Partei beantwortete den Putsch mit Massenmobilisierungen. Das Militärregime ging von Anfang an mit massiver Gewalt und zahlreiche Menschen starben. Die SCP mobilisierte für die Verteidigung der Verfassung und trat für die Vertiefung der Volksbewegung auf Grundlage eines eigenen revolutionären Programms ein. Im November flüchtete sich das Militärregime schließlich in ein Abkommen mit dem Inhaftierten Premierminister über die Wiedereinsetzung der vorherigen Verfassung bei gleichzeitiger Straffreiheit für die Putschisten. Die Sudanesische KP lehnte diesen Deal ab und mobilisierte weiter für eine Vertiefung des revolutionären, demokratischen Prozesses.
Die Pattsituation zwischen revolutionärer Volksbewegung einerseits und dem Ancien Régime, repräsentiert durch das sudanesische Militär und die paramilitärischen Rapid Support Forces anderseits führte zu einem zunehmenden Dissens innerhalb der herrschenden Eliten. Dieser Dissens mündete 2023 schließlich in einen offenen Krieg zwischen sudanesischem Militär und Rapid Support Forces mit verheerenden Folgen für das sudanesische Volk. Die Sudanesische Kommunistische Partei lehnt beide Seiten ab und verteidigt die Unabhängigkeit der Volksbewegung von den alten Eliten des Regimes. Sudanesisches Militär und Rapid Support Forces kämpfen nicht nur gegeneinander, von Anfang an richtete sich ihr Kampf gegen die Volksbewegung und Kriegsgegnerinnen und Kriegsgegner. Beide Seiten sind verbunden mit internationalen Kapitalverbänden und begehen schwerste Menschenrechtsverbrechen, wie das Aushungern von Städten, Massaker an der Zivilbevölkerung, der Einsatz von sexueller Gewalt, Plünderungen und vieles mehr.
Im folgenden veröffentlichen wir einen Artikel von Taj al-Sirr Othman zu den Folgen der britischen Kolonialherrschaft im Sudan und welchen Einfluss sie auf die heutige Realität im Sudan haben. Der folgende Artikel von Taj al-Sirr Othman erschien in der Zeitung Al-Midan der Sudanesischen Kommunistischen Partei, Ausgabe Nr. 4467 vom 21. Mai 2026. Die Übersetzung des Artikels in deutsche erfolgte in Verantwortung der Zeitung der Arbeit.
Wie der Kolonialismus die Stammes- und Rassenspaltungen im Sudan vertiefte (How Colonialism Deepened Tribal and Racial Divisions in Sudan)
1. Der andauernde verheerende Krieg zwischen der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces hat die Stammes- und Rassenspannungen verschärft. Dies weckt die Sorge, dass sich der Konflikt aufgrund der engen Stammesverbindungen zwischen dem Sudan und seinen Nachbarländern auf die gesamte Region ausweiten könnte. Zugleich droht er, das Land nach der Abspaltung des Südsudan noch weiter zu zersplittern.
Diese Studie untersucht, wie der britische Kolonialismus zur Vertiefung der Stammes- und Rassenspaltungen im Sudan beitrug und wie diese Spaltungen nach der Unabhängigkeit im Jahr 1956 zu tickenden Zeitbomben wurde
2. Während der britischen Kolonialherrschaft entwickelte sich ein breiteres gemeinsames nationales Bewusstsein, das sich vor allem im Widerstand gegen die Fremdherrschaft ausdrückte. Dieser Widerstand nahm zunächst im Norden, Süden, Osten und Westen des Landes stammesbezogene Formen an, ebenso religiöse Formen, bevor er sich zu modernen Organisationen entwickelte, die Menschen unterschiedlicher Stämme auf politischer, sozialer, kultureller, sportlicher und künstlerischer Grundlage vereinten.
Beispiele hierfür sind die Sudanese Union Society, die White Flag League, der Graduates’ Congress sowie später die politischen Parteien, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Auch Absolventenklubs, Arbeitervereine, Sport- und Kulturverbände, Gewerkschaften und Berufsorganisationen spielten eine wichtige Rolle.
Die nationale Bewegung widersetzte sich den Versuchen, das Land entlang von Stammesgrenzen zu spalten. Dies kommt in einem patriotischen Gedicht zum Ausdruck: „Wir stehen für einen edlen Nationalismus, nicht für Stammesfanatismus.“ Die Revolutionäre von 1924 weigerten sich während ihrer Verhöre vor Gericht, ihre Stammeszugehörigkeit anzugeben, und bezeichneten sich stattdessen schlicht als „Sudanesen“.
3. Die Landwirtschafts‑, Industrie- und Dienstleistungsprojekte, die von den Kolonialbehörden nach der Abschaffung der Sklaverei geschaffen wurden, brachten ebenfalls Arbeiter aus verschiedenen Regionen und Stämmen zusammen. Obwohl diese Projekte in erster Linie dazu dienten, den Sudan in eine große Baumwollkolonie zu verwandeln, förderten sie dennoch den Austausch zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.
Die Verstädterung, die Ausweitung des Handels, das Wachstum der Waren-Geld-Wirtschaft und das moderne säkulare Bildungswesen stärkten das nationale Bewusstsein zusätzlich. Schulen brachten Schüler verschiedener Stämme und ethnischer Gruppen zusammen, während Städte wie Khartum, Atbara und Port Sudan zu Schmelztiegeln wurden, in denen unterschiedliche Gemeinschaften miteinander verschmolzen.
4. Insbesondere nach dem Aufstand von 1924 behinderten die Kolonialbehörden jedoch diesen natürlichen Prozess der nationalen Integration. Die Briten führten eine auf Stammesautoritäten basierende „Native Administration“ ein, erließen die Closed Districts Ordinance, setzten nach der Rejaf-Konferenz eine getrennte Sprachpolitik im Süden durch und schränkten dort den Zugang zu Bildung ein.
Die Kolonialmacht vertiefte außerdem die Spaltung zwischen Nord und Süd, indem sie allein die Araber als Sklavenhändler darstellte, obwohl der Sklavenhandel ein weltweites Phänomen gewesen war, an dem Nord- und Südsudanesen, Ägypter, Europäer und andere beteiligt waren.
Die Kolonialverwaltung verstärkte zudem die ungleiche Entwicklung des Landes. Im Südsudan wurden beispielsweise kaum bedeutende Entwicklungsprojekte durchgeführt; eine Ausnahme bildete das Zande-Projekt, das nach den Ereignissen von 1955 eingestellt wurde. Weitere Ursachen für Unzufriedenheit waren diskriminierende Steuern und ungleiche Löhne für nord- und südsudanesische Arbeiter, die dieselbe Arbeit verrichteten.
Diese Politik hinterließ „Zeitbomben“, welche die nationalen Spannungen und die ungleiche Entwicklung im gesamten Land verschärften.
Dennoch blieb die nationale Bewegung ein wirksames Gegenmittel gegen die koloniale Politik des „Teile und Herrsche“. Das nationale Bewusstsein dominierte den Kampf um die Unabhängigkeit bis zum Abzug der ausländischen Truppen im Jahr 1956.
5. Nach der Unabhängigkeit wurde die politische Souveränität nicht von wirtschaftlicher Unabhängigkeit oder einer ausgewogenen regionalen Entwicklung begleitet. Die aufeinanderfolgenden zivilen und militärischen Regierungen setzten das koloniale Modell der kapitalistischen Entwicklung fort. Dadurch wurden Klassenunterschiede vertieft, die nationale Souveränität geschwächt, Armut verfestigt und wirtschaftliche, soziale sowie kulturelle Rückständigkeit reproduziert.
Religiöse und rassische Überlegenheitsvorstellungen, im Namen der Religion ausgeübter Autoritarismus und die wiederholte Missachtung geschlossener Vereinbarungen verschärften die Spannungen zusätzlich.
Infolgedessen brach die Südsudan-Frage, die erstmals 1955 offen ausgebrochen war, nach dem Scheitern des Addis-Abeba-Abkommens im Jahr 1983 erneut auf. Auch in Darfur, den Nuba-Bergen und unter den Fung entstanden regionale Bewegungen, während der Beja-Kongress bereits 1958 gegründet worden war.
Diese Bewegungen erhoben berechtigte Forderungen nach Entwicklung, Bildung, Gesundheitsversorgung, öffentlichen Dienstleistungen, Elektrizität, Wasserversorgung, veterinärmedizinischer Betreuung und der Anerkennung ihrer kulturellen Identitäten. Sie stellten eine positive politische Erscheinung dar, weil sie die Isolation marginalisierter Regionen durchbrachen und diese stärker in das nationale politische Leben einbezogen.
Während der Herrschaft des sogenannten Nationalen Heilsregimes (Inqaz) erreichte die nationale Frage eine tiefere und umfassendere Krise. Das Regime verschärfte die Klassenspaltungen, die ungleiche Entwicklung sowie die kulturelle, sprachliche und religiöse Diskriminierung, wodurch sich die bewaffneten Konflikte auf den Westen des Sudan, den Osten des Landes, die Nuba-Berge und den Blauen Nil ausweiteten.
Das Regime zerstörte moderne Institutionen, die zuvor zur Einheit der sudanesischen Gesellschaft beigetragen hatten, darunter politische Parteien, Gewerkschaften, Produktionsbetriebe und nationale Einrichtungen wie renommierte Sekundarschulen, das Gezira-Projekt, die Eisenbahn, die Flussschifffahrt und die Hafenbehörde. Tausende Menschen verloren ihre Arbeitsplätze.
Gleichzeitig wurden Stammesbindungen durch Verwaltungsstrukturen auf Grundlage der Stammeszugehörigkeit gestärkt. In staatlichen Formularen mussten Bürger wieder ihre Stammeszugehörigkeit angeben – eine Praxis, die sudanesische Nationalisten selbst unter britischer Herrschaft zurückgewiesen hatten.
Die Politik des Regimes gegenüber den marginalisierten Regionen sowie die ethnische, religiöse und stammesbezogene Diskriminierung trugen zum Aufstieg bewaffneter Bewegungen und letztlich zur Abspaltung des Südsudan bei.
Die Wiederbelebung des Stammesdenkens unter den heutigen Bedingungen stellt daher eine Umkehrung jener historischen Entwicklung dar, die sich über Jahrhunderte in der sudanesischen Gesellschaft vollzogen hatte. Sie droht, das Land in konkurrierende Stammesgebilde zu zersplittern, und lenkt vom zentralen Kampf für unabhängige Entwicklung, nationale Einheit, Demokratie und sozialen Fortschritt ab.
Quelle: International Communist Press


















































































