Was Attac sichtbar macht – und warum marxistische Analyse einen Schritt weitergeht
Wer würde es selbstverständlich finden, wenn ein Tabakkonzern den Biologieunterricht mitgestaltete oder ein Rüstungskonzern Unterrichtsmaterialien zum Thema Frieden entwickelte? Im Bereich der wirtschaftlichen Bildung erscheint der Einfluss wirtschaftlicher Interessengruppen dagegen vielen als normal. Genau diesen Widerspruch greift Attac Österreich in seiner aktuellen Analyse „Finanzbildung in Österreich – Wie Bankenlobbys die Schulen kapern“ auf.
Die Studie zeigt, dass Vertreter der Finanzwirtschaft an der Entwicklung der Nationalen Finanzbildungsstrategie beteiligt sind, Unterrichtsmaterialien bereitstellen und wirtschaftliche Bildung vielfach aus jener Perspektive vermitteln, die den bestehenden Finanzmarkt als selbstverständlichen Ausgangspunkt nimmt. Attac kritisiert insbesondere, dass gesellschaftliche Probleme zunehmend auf individuelles Verhalten reduziert werden. Wer im Alter zu wenig Einkommen hat, habe nicht ausreichend privat vorgesorgt. Wer finanzielle Schwierigkeiten hat, müsse seine Finanzkompetenz verbessern. Die gesellschaftlichen Ursachen von Armut, unsicheren Arbeitsverhältnissen oder sinkenden Reallöhnen treten dabei in den Hintergrund.
Diese Kritik ist wichtig und gut begründet. Sie lenkt den Blick auf eine Entwicklung, die weit über einzelne Unterrichtsmaterialien hinausweist.
Doch gerade an diesem Punkt beginnt eine weiterführende Frage: Handelt es sich hierbei um politische Fehlentscheidungen – oder verweist diese Entwicklung auf ein strukturelles Merkmal kapitalistischer Gesellschaften?
„Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken“
Bereits Karl Marx und Friedrich Engels schrieben in der Deutschen Ideologie: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken.“ Dieser Satz wird häufig missverstanden. Er bedeutet nicht, dass Menschen bewusst manipuliert oder ihnen fertige Meinungen eingeimpft würden. Gemeint ist vielmehr, dass die ökonomisch herrschende Klasse aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung über erhebliche Möglichkeiten verfügt, Vorstellungen darüber zu verbreiten, was als vernünftig, normal oder alternativlos gilt.
Gerade deshalb ist Bildung niemals losgelöst von den gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen sie entsteht.
Der französische Marxist Louis Althusser beschrieb Schulen als einen Teil der ideologischen Staatsapparate. Damit meinte er keine Orte der Propaganda, sondern Institutionen, in denen gesellschaftliche Verhältnisse täglich reproduziert werden. Schulen vermitteln selbstverständlich Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen. Gleichzeitig vermitteln sie aber auch Vorstellungen darüber, was Arbeit bedeutet, was wirtschaftlicher Erfolg ist und welche gesellschaftlichen Verhältnisse als selbstverständlich erscheinen.
Genau hier lohnt sich ein Blick auf den Begriff Finanzbildung selbst. Schon die Wortwahl lenkt den Blick in eine bestimmte Richtung. Finanzbildung beschäftigt sich vor allem mit Geld, Sparen, Investitionen, Krediten, Aktien oder privater Altersvorsorge. All dies sind wichtige Kenntnisse. Niemand wird bestreiten, dass junge Menschen lernen sollten, einen Kreditvertrag zu verstehen oder unseriöse Finanzangebote zu erkennen. Doch Wirtschaft besteht aus weit mehr als Finanzmärkten.
Arbeit schafft Werte
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie gehe ich mit Geld um? Sondern ebenso: Woher entsteht gesellschaftlicher Reichtum überhaupt? Hier setzt die marxistische Analyse an. Für Marx entsteht Reichtum nicht auf den Finanzmärkten, sondern in der gesellschaftlichen Produktion. Arbeit schafft Werte. Erst auf dieser Grundlage entstehen Gewinne, Kapital und schließlich auch Finanzvermögen.
Finanzbildung beginnt häufig dort, wo Kapital bereits vorhanden ist. Marx beginnt seine Analyse früher – bei der Arbeit, die diesen Reichtum überhaupt erst hervorbringt. Gerade deshalb fällt auf, welche Themen in der gegenwärtigen Finanzbildung häufig fehlen. Schülerinnen und Schüler lernen viel über Sparformen, Wertpapiere oder private Vorsorge. Weit weniger erfahren sie über Mehrwert, Eigentumsverhältnisse, Klassen, wirtschaftliche Krisen oder die historische Entstehung kapitalistischer Produktionsweisen. Damit verändert sich auch die Sicht auf gesellschaftliche Probleme. Steigende Mieten erscheinen als Herausforderung des persönlichen Haushaltsbudgets. Sinkende Pensionen werden zur Frage ausreichender privater Vorsorge. Unsichere Beschäftigung wird zur Aufgabe individueller Weiterbildung. Gesellschaftliche Widersprüche werden zu individuellen Problemen.
Genau hier liegt die Stärke der Attac-Analyse. Sie macht sichtbar, dass wirtschaftliche Bildung niemals nur Wissen vermittelt. Sie vermittelt immer auch ein bestimmtes Verständnis davon, welche Fragen überhaupt gestellt werden.
Aus marxistischer Sicht reicht die Analyse jedoch noch weiter. Selbst wenn Banken keinerlei Unterrichtsmaterialien mehr bereitstellten, wäre damit das grundlegende Problem noch nicht gelöst. Denn die entscheidende Frage lautet nicht allein: Wer schreibt die Unterrichtsmaterialien? Sondern ebenso: Welche gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen darin überhaupt als denkbar?
Wenn wirtschaftliche Bildung ausschließlich erklärt, wie Märkte funktionieren, nicht aber, warum sie historisch entstanden sind, welche Interessen sie prägen oder welche Alternativen diskutiert wurden und werden, dann bleibt sie notwendigerweise unvollständig.
Eine umfassende Wirtschaftsbildung müsste deshalb unterschiedliche ökonomische Theorien vorstellen. Sie müsste nach den Ursachen wirtschaftlicher Krisen fragen, Eigentumsverhältnisse untersuchen und deutlich machen, dass jede Wirtschaftsordnung historisch entstanden ist und sich verändern kann.
Attac fordert zu Recht eine unabhängige Wirtschaftsbildung. Diese Forderung verdient Unterstützung. Aus marxistischer Sicht beginnt Unabhängigkeit jedoch nicht erst dort, wo Banken keinen Einfluss mehr auf Unterrichtsmaterialien haben. Sie beginnt dort, wo wirtschaftliche Verhältnisse selbst zum Gegenstand kritischer Untersuchung werden. Eine Bildung, die lediglich erklärt, wie man sich innerhalb des Kapitalismus möglichst erfolgreich bewegt, vermittelt Anpassung. Eine Bildung, die auch fragt, warum unsere Wirtschaft so organisiert ist, wie sie ist – und ob sie auch anders organisiert werden kann –, vermittelt Erkenntnis.
Darin liegt der Unterschied zwischen Finanzbildung und Gesellschaftsbildung.
Quellen:
Attac Österreich (2026):
Finanzbildung in Österreich – Wie Bankenlobbys die Schulen kapern.
Policy Insights 2/2026.

















































































