Onlinecasinos und Sportwetten machen Glücksspiel rund um die Uhr verfügbar. Gleichzeitig werben Influencerinnen und Influencer in sozialen Medien für schnelles Geld und vermeintlich einfache Gewinne. Die Folgen sind dramatisch: In Kärnten sind laut Glücksspielberatung rund 5.000 Menschen von Spielsucht betroffen. Besonders alarmierend ist, dass die Betroffenen immer jünger werden.
Klagenfurt. Was früher vor allem mit Spielautomaten und dem sogenannten „kleinen Glücksspiel“ verbunden wurde, findet heute zunehmend auf dem Smartphone statt. Onlinecasinos und Sportwetten sind jederzeit verfügbar – zu Hause, unterwegs und längst auch für eine Generation, die mit sozialen Medien aufgewachsen ist.
Petra Hinteregger von der Glücksspielberatungsstelle „S.u.S“ in Klagenfurt beobachtet eine deutliche Veränderung: Die Menschen, die wegen ihrer Spielsucht in die Beratung kommen, sind heute wesentlich jünger als noch vor einigen Jahren. Viele sind gerade einmal 18 bis 20 Jahre alt und bereits mit zehntausenden Euro verschuldet. Damit zeigt sich, wohin die Digitalisierung und Liberalisierung des Glücksspiels führt: Die Glücksspielindustrie erreicht ihre potenziellen Kundinnen und Kunden immer früher und kann sie rund um die Uhr ansprechen.
Glücksspiel in der Hosentasche
Die Hürden für das Spielen sind dabei so niedrig wie nie zuvor. Während man früher eine Spielhalle oder ein Wettbüro aufsuchen musste, genügt heute ein Smartphone. Ein Konto bei einem Onlineanbieter ist schnell eingerichtet, gespielt werden kann jederzeit.
Auch Altersbeschränkungen bieten offenbar keinen ausreichenden Schutz. Die legalen Glücksspielangebote in Österreich sind zwar grundsätzlich erst ab 18 Jahren erlaubt. In der Beratungspraxis zeigt sich jedoch, dass Jugendliche und junge Erwachsene trotzdem mit Glücksspielangeboten in Kontakt kommen und Zugangsmöglichkeiten finden.
Das Problem liegt damit nicht allein beim einzelnen Spieler oder der einzelnen Spielerin. Es geht um ein Geschäftsmodell, das darauf ausgelegt ist, möglichst viele Menschen zum Spielen zu bewegen und sie möglichst lange im Spiel zu halten um möglichst viel Profite zu machen.
Influencer machen Glücksspiel zum Lifestyle
Eine besondere Rolle spielen dabei soziale Medien. Influencerinnen und Influencer mit teilweise Millionen von Followerinnen und Followern werben für Onlinecasinos und andere Glücksspielangebote. Für Jugendliche können sie als Vorbilder wirken. Dabei wird Glücksspiel nicht unbedingt als das dargestellt, was es ist: eine Tätigkeit, bei der die Anbieter – also die Glückspielkonzerne – langfristig gewinnen müssen, damit sich ihr Geschäftsmodell rechnet. Stattdessen dominieren Bilder von Luxus, Unterhaltung und schnellen Gewinnen.
Teilweise spielen Influencerinnen und Influencer vor laufender Kamera mit hohen Geldbeträgen. Für junge Menschen entsteht dadurch ein völlig verzerrtes Bild der Realität. Die Glücksspielberatung warnt genau vor dem hieraus resultierenden Effekt. Wenn vor allem große Gewinne gezeigt werden, entsteht der Eindruck, Glücksspiel sei eine einfache Möglichkeit, schnell zu Geld zu kommen. Die Verluste bleiben hingegen unsichtbar.
Die Verluste sieht niemand
Darin liegt eine der größten Gefahren der Glücksspielwerbung – man sieht nicht die Menschen, die ihr Geld verloren haben, keine verschuldeten Familien, keine Kredite, keine finanziellen Notlagen und keine psychischen Folgen der Sucht. Glücksspiels wird dadurch auf den spektakulären Moment des Gewinns reduziert – der jedoch statistisch die Ausnahme ist.
Für Jugendliche ist diese Verzerrung besonders problematisch. Sie verfügen oft noch nicht über die notwendige Medienkompetenz, um Werbung, Unterhaltung und vermeintlich persönliche Empfehlungen voneinander zu unterscheiden. Es reicht nicht, Jugendlichen lediglich zu sagen, dass Glücksspiel gefährlich ist. Sie müssen auch verstehen, wie die Werbung funktioniert – und warum ihnen in sozialen Netzwerken gerade jene Inhalte gezeigt werden, die Aufmerksamkeit erzeugen und Konsum fördern.
Wer den Markt öffnet, darf über die Folgen nicht schweigen
Diese Entwicklung ist auch vor dem Hintergrund der geplanten Liberalisierung des österreichischen Online-Glücksspielmarktes brisant. Ab 2027 soll das bisherige Monopol durch ein Mehrlizenzsystem ersetzt werden. Mehr private Anbieter sollen künftig legal auf dem österreichischen Markt tätig sein können.
Die Befürworter der Reform verweisen auf strengere Spielerschutzmaßnahmen und zusätzliche Einnahmen. Doch gerade angesichts der zunehmenden Spielsucht unter jungen Menschen stellt sich die Frage, ob eine Ausweitung des Angebots tatsächlich der richtige Weg ist.
Mehr Anbieter bedeuten mehr Konkurrenz. Und mehr Konkurrenz bedeutet in einem solchen Markt auch mehr Werbung, mehr Bonusangebote und mehr Versuche, neue Spielerinnen und Spieler zu gewinnen. Das Problem lässt sich deshalb nicht allein mit Einzahlungslimits oder Sperrdateien lösen. Solange Konzerne wirtschaftlich davon profitieren, dass Menschen möglichst viel und möglichst häufig spielen, bleibt ein grundlegender Interessenkonflikt bestehen.
Jugend schützen statt Glücksspiel normalisieren
Moritz Pamminger, der Vorsitzende der Jugendfront hält zu den Entwicklungen Folgendes fest: „Wenn junge Menschen bereits mit 18 oder 20 Jahren zehntausende Euro Schulden haben, dann kann die Antwort nicht sein, den Glücksspielmarkt weiter auszubauen. Gerade Jugendliche werden über soziale Medien immer früher mit einer Industrie konfrontiert, die ihnen schnelles Geld und Unterhaltung verspricht. Wir brauchen deshalb nicht mehr Glücksspielangebote, sondern mehr Schutz, Aufklärung über die Interessen der Glücksspielindustrie und leistbare und vielfälitige Freizeitangebote für Jugendliche, bei denen man nicht dazu gedrängt wird, das eigene Geld zu verwetten:
Jugendliche brauchen keine Glücksspielwerbung in ihrem Alltag. Sie brauchen Freizeitangebote, Sport, Bildung und Perspektiven – und eine Gesellschaft, in der wirtschaftlicher Profit nicht wichtiger ist als der Schutz vor Sucht.“
Sport darf nicht von den Verlusten der Spieler leben
Gerade der Sport sollte dabei eine besondere Verantwortung übernehmen. Wie bereits bei der Debatte über die geplante Liberalisierung des Online-Glücksspiels sichtbar wurde, versprechen sich Sportverbände von steigenden Glücksspielumsätzen zusätzliche Einnahmen. Doch wenn die Finanzierung des Sports davon abhängig gemacht wird, dass mehr Menschen mehr Geld beim Glücksspiel verlieren, entsteht ein grundsätzlicher Widerspruch.
Sport soll Gesundheit fördern, Gemeinschaft schaffen und insbesondere jungen Menschen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung bieten. Seine Finanzierung sollte deshalb nicht auf einem Geschäftsmodell beruhen, das nachweislich Menschen in Überschuldung und Abhängigkeit treiben kann.
Die aktuellen Entwicklungen zeigen vielmehr, dass es an der Zeit wäre, die öffentliche Finanzierung von Sport und Jugendarbeit zu stärken – statt die Einnahmen einer Suchtindustrie als Lösung zu betrachten.
Quelle: ORF/Zeitung der Arbeit





















































































