Künstliche Intelligenz wird gegenwärtig entweder als Beginn einer neuen Epoche grenzenlosen Fortschritts gefeiert oder als Bedrohung dargestellt, die Arbeitsplätze vernichtet und den Menschen irgendwann selbst überflüssig machen könnte. Beide Sichtweisen greifen zu kurz. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob KI an sich „gut“ oder „schlecht“ ist. Entscheidend ist, wer über diese Produktivkraft verfügt, zu welchem Zweck sie eingesetzt wird und wem die Ergebnisse ihrer Anwendung zugutekommen.
KI entsteht nicht außerhalb der bestehenden Gesellschaft. Hinter den großen Sprachmodellen, Rechenzentren und automatisierten Produktionssystemen stehen jahrzehntelange wissenschaftliche Forschung, die Arbeit hunderttausender Menschen, gesellschaftlich erzeugte Daten und eine hochgradig arbeitsteilige internationale Produktion. Gesellschaftliches Wissen wird damit immer unmittelbarer zur Produktivkraft.
Doch über diese Produktivkraft verfügt nicht die Gesellschaft. Rechenzentren, Halbleiterproduktion, Cloud-Infrastruktur und die größten KI-Modelle befinden sich überwiegend in den Händen weniger mächtiger Konzerne. Microsoft, Amazon, Google oder Nvidia kontrollieren entscheidende Teile jener Infrastruktur, auf die mittlerweile auch Tausende kleinere Unternehmen angewiesen sind. Ein Start-up mag rechtlich selbständig sein – wirtschaftlich kann es vollständig davon abhängen, zu welchen Bedingungen ihm die großen Monopole Rechenleistung, Chips oder Plattformzugänge bereitstellen.
Damit zeigt sich bei KI ein Widerspruch, den Marx bereits für die kapitalistische Maschinerie beschrieben hat: Gesellschaftlich hervorgebrachene Produktivkräfte treten den Arbeiterinnen und Arbeitern als Macht des Kapitals gegenüber.
Mehr Produktivität heißt nicht weniger Arbeit
Technischer Fortschritt kann enorme Mengen menschlicher Arbeitszeit einsparen. Das ist keine Bedrohung, sondern grundsätzlich eine große gesellschaftliche Möglichkeit. Wenn dieselbe Menge an Gütern und Dienstleistungen in weniger Arbeitszeit hergestellt werden kann, könnte dies bedeuten: kürzere Arbeitstage, weniger körperlich und psychisch belastende Tätigkeiten, mehr Zeit für Familie, Bildung, Kultur und gesellschaftliche Tätigkeit. Im Kapitalismus stellt sich die Frage jedoch anders.
Das einzelne Unternehmen führt neue Technologien nicht ein, um seinen Beschäftigten mehr Freizeit zu verschaffen. Es investiert, um Kosten zu senken, Marktanteile zu gewinnen und den Profit zu erhöhen. Werden durch KI bestimmte Tätigkeiten schneller erledigt, kann das deshalb bedeuten, dass weniger Personal benötigt wird, Arbeitsabläufe verdichtet und Leistungsvorgaben erhöht werden.
Schon heute können digitale Systeme Arbeitsgeschwindigkeit, Reaktionszeiten, Fehler, Wege oder Produktivität einzelner Beschäftigter erfassen. KI erweitert die Möglichkeiten, solche Daten automatisiert auszuwerten und daraus Entscheidungen abzuleiten. Der Chef muss nicht mehr ständig hinter der Arbeiterin oder dem Arbeiter stehen. Ein Teil seiner Kontrollfunktion steckt bereits in der Software.
Die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) weist in ihrer Beschäftigung mit KI auf einen grundlegenden Punkt der marxistischen politischen Ökonomie hin: Nur lebendige Arbeitskraft schafft Mehrwert – nicht der Roboter und nicht der Algorithmus. Maschinen können die Produktivität steigern, vorhandenen Wert übertragen und einzelnen Kapitalisten einen Konkurrenzvorteil verschaffen. Neuen Wert schaffen sie nicht.
Gerade deshalb hebt eine hochautomatisierte Produktion den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit nicht auf. Sie kann ihn vielmehr verschärfen.
KI und die Macht der Monopole
Besonders deutlich wird das bei den materiellen Voraussetzungen moderner KI. Leistungsfähige Modelle benötigen gewaltige Mengen an Rechenleistung, Energie und hochentwickelten Halbleitern. Der Aufbau dieser Infrastruktur erfordert Milliardeninvestitionen.
Die gesellschaftliche Nutzung wird dadurch immer breiter, während sich die Kontrolle über ihre Grundlagen gleichzeitig konzentriert.
Hinzu kommen Daten. Suchanfragen, Einkäufe, Kommunikation, Arbeitsvorgänge oder Bewegungsdaten entstehen aus gesellschaftlicher Tätigkeit. Wer jedoch die Plattform besitzt, kann diese Daten sammeln und wirtschaftlich verwerten. Wissenschaftliches Wissen wiederum kann grundsätzlich vervielfältigt und gemeinsam genutzt werden, wird aber durch Patente, Lizenzen und proprietäre Standards in Privateigentum verwandelt.
Gesellschaftlich erzeugtes Wissen wird so zur Grundlage privater ökonomischer Macht.
Diese Entwicklung ist nicht vom Staat zu trennen. Halbleiterfabriken, Rechenzentren und KI-Forschung entstehen keineswegs auf einem angeblich freien Markt. Staaten fördern Forschung, subventionieren Chipproduktion, stellen Infrastruktur zur Verfügung und vergeben milliardenschwere Aufträge.
Auch die Europäische Union ist dabei kein neutraler Vermittler zwischen den USA und China. Sie versucht selbst, die technologische Position des europäischen Monopolkapitals zu stärken, eigene Rechenkapazitäten aufzubauen und die Abhängigkeit bei Halbleitern und KI zu reduzieren. Technologische Souveränität ist damit Bestandteil der Konkurrenz zwischen den imperialistischen Zentren.
KI wird zu einem weiteren Feld im Kampf um Märkte, Standards, Rohstoffe und politische Einflussmöglichkeiten.
Keine Angst vor der Maschine
Für die Arbeiterbewegung wäre es falsch, daraus eine technikfeindliche Haltung abzuleiten. Maschinen sind nicht unsere Gegner. Die Geschichte der Produktivkräfte ist zugleich die Geschichte einer wachsenden Möglichkeit, Menschen von notwendiger Arbeit zu entlasten. Das Problem besteht darin, dass diese Möglichkeit unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen dem Profit untergeordnet bleibt.
Genau deshalb eröffnet die Entwicklung der KI auch eine andere Perspektive. In einer sozialistischen Gesellschaft könnten Rechenleistung, Datenverarbeitung und Automatisierung anderen Zielen dienen. Voraussetzung dafür ist jedoch mehr als bloße staatliche Beteiligung an Technologieunternehmen. Verstaatlichung allein ist noch kein Sozialismus. Entscheidend sind Arbeitermacht, die Vergesellschaftung der entscheidenden Produktionsmittel, wissenschaftliche Planung und die gesellschaftliche Kontrolle der Produktion.
KI könnte unter solchen Bedingungen beispielsweise helfen, gesellschaftliche Bedürfnisse besser zu erfassen, Produktionskapazitäten aufeinander abzustimmen, Material- und Energieverbrauch zu optimieren oder Versorgungsengpässe frühzeitig zu erkennen.
Aber auch im Sozialismus würde kein allwissender Computer die Gesellschaft regieren. Die Maschine kann rechnen. Die Gesellschaft muss entscheiden.
Ob zusätzliche Ressourcen in Krankenhäuser, Wohnungen oder öffentlichen Verkehr fließen, ist keine mathematische Frage. Es ist eine gesellschaftliche Entscheidung über Prioritäten. Am deutlichsten wird der Unterschied bei der Arbeitszeit. Das Kapital fragt: Wie viele Arbeitskräfte können wir einsparen, um die Kosten zu reduzieren? Eine sozialistische Gesellschaft könnte fragen: Wie viel notwendige Arbeit können wir den Menschen ersparen?
Der technische Fortschritt würde dann nicht mehr zwangsläufig bedeuten, dass Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, weil ihre Arbeitskraft für ein Unternehmen nicht mehr profitabel genug ist. Produktivitätssteigerungen könnten in bessere Versorgung und kürzere Arbeitszeiten umgesetzt werden.
Die entscheidende Auseinandersetzung verläuft deshalb nicht zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz. Sie verläuft zwischen gesellschaftlichen Klassen um die Verfügung über die Produktivkräfte.
Nicht die KI wird entscheiden, welche Zukunft wir haben. Entscheidend ist, welche Klasse über sie verfügt – und welchem gesellschaftlichen Zweck sie dient.
Quelle: KKE
















































































