Bundeskanzler Christian Stocker erklärte in Salzburg, Kinderbetreuung sei für ihn keine Arbeit. Nach heftiger Kritik nahm er den Satz zurück. Doch sein ursprünglicher Gedanke war aufschlussreicher als seine spätere Entschuldigung. Denn der Kapitalismus ist auf die Reproduktion der Arbeitskraft angewiesen, möchte für sie aber möglichst wenig bezahlen. Dass diese Arbeit überwiegend Frauen aufgebürdet wird, ist dabei kein Zufall.
Stocker spricht aus, was besser unausgesprochen bleibt
Manchmal geschieht es, dass ein Vertreter der herrschenden Klasse einen Gedanken etwas deutlicher ausspricht, als es politisch ratsam wäre. Christian Stocker ist dies bei einem Bürgergespräch im Rahmen seiner Sommertour in Salzburg gelungen. Eine Frau aus dem Publikum sprach den Bundeskanzler auf die enorme Belastung durch Kinderbetreuung an, die weiterhin vor allem Frauen trifft. Sie verwies auf 96 Stunden unbezahlte Kinderbetreuung pro Woche, auf fehlende Wochenenden und fehlenden Urlaub und darauf, dass immer mehr Frauen angesichts der Doppelbelastung von Erwerbsarbeit und Familie auf Kinder verzichten. Stocker antwortete darauf: „Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen, sage ich Ihnen ganz ehrlich.“ Familie dürfe nicht als „Business Case“ oder als „Rechenbeispiel“ betrachtet werden. Familie bedeute vielmehr, füreinander Verantwortung zu übernehmen und etwas zu tun, „ohne etwas dafür zu bekommen“.
Nach der erwartbaren Empörung zog Stocker seine Aussage zurück. Kinderbetreuung sei selbstverständlich Arbeit, erklärte er nun und entschuldigte sich. An seiner Vorstellung von Familie als einem Bereich, der nicht in Kategorien von Bezahlung und ökonomischer Rechnung betrachtet werden solle, hielt er jedoch fest. Gerade darin liegt der interessantere Teil seiner Aussage. Stockers Formulierung ist keine bloße persönliche Geschmacklosigkeit und auch nicht einfach das Ergebnis eines antiquierten Familienbildes. In ihr kommt eine gesellschaftliche Logik zum Ausdruck, die älter und tiefer ist als Christian Stocker und die sich aus den materiellen Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise ergibt.
Die Ware Arbeitskraft fällt nicht vom Himmel
Marx unterscheidet präzise zwischen Arbeit und Arbeitskraft. Der Arbeiter verkauft dem Kapitalisten nicht einfach seine „Arbeit“, sondern seine Arbeitskraft, also seine Fähigkeit, für eine bestimmte Zeit zu arbeiten. Diese Arbeitskraft nimmt im Kapitalismus Warenform an. Ihr besonderer Gebrauchswert für den Kapitalisten besteht darin, dass sie mehr Wert schaffen kann, als zu ihrer eigenen Erhaltung notwendig ist. Der Arbeiter erhält einen Lohn, der ihm ermöglicht, seine Arbeitskraft zu reproduzieren. Er muss essen, wohnen, sich kleiden, schlafen und am nächsten Tag erneut arbeitsfähig erscheinen. Im Produktionsprozess schafft er jedoch einen größeren Wert, als er in Form des Lohnes zurückerhält. Diese Differenz eignet sich der Kapitalist als Mehrwert an. Darin liegt der Kern kapitalistischer Ausbeutung.
Die Ware Arbeitskraft besitzt allerdings eine Besonderheit, die in der bürgerlichen Betrachtung gerne verschwindet. Sie fällt nicht jeden Morgen fertig, gesund und arbeitsfähig vom Himmel. Sie muss täglich wiederhergestellt und über die Generationen hinweg immer neu hervorgebracht werden. Menschen müssen essen, Wohnungen müssen gereinigt, Kleidung gewaschen und Kranke versorgt werden. Kinder müssen geboren, ernährt, betreut und erzogen werden. Die bestehenden Arbeitskräfte müssen erhalten und neue Arbeitskräfte müssen großgezogen werden. Marx berücksichtigt bei der Bestimmung des Werts der Arbeitskraft deshalb nicht nur die Lebensmittel des einzelnen Arbeiters, sondern auch jene Mittel, die notwendig sind, damit sich die Arbeiterklasse als Klasse reproduziert. Der Kapitalismus benötigt nicht nur die Arbeitskraft von heute. Er benötigt ebenso jene von morgen.
Die Arbeit muss gemacht werden, bezahlen soll jemand anderer
Damit kommen wir zu Stockers „Business Case“. Selbstverständlich braucht das Kapital Kinderbetreuung. Es braucht Menschen, die kochen, waschen, putzen, pflegen, organisieren, erziehen und trösten. Diese Tätigkeiten produzieren nicht unmittelbar Mehrwert in derselben Weise wie Lohnarbeit in einem kapitalistischen Unternehmen. Aber sie schaffen und erhalten jene menschliche Arbeitskraft, ohne deren Ausbeutung überhaupt kein Mehrwert produziert werden könnte. Der Kapitalismus kann auf diese Reproduktionsarbeit nicht verzichten. Er hat lediglich ein großes Interesse daran, ihre Kosten möglichst weit von den Kapitalisten wegzuschieben.
Natürlich wird ein Bundeskanzler nicht erklären, dass die Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft möglichst von privaten Haushalten übernommen werden sollen, damit sie nicht gesellschaftlich finanziert werden müssen. Er wird nicht sagen, dass kostenlose Arbeit für das Kapital praktischer ist als bezahlte Arbeit. Er spricht von Liebe, Verantwortung und Familie. Er erklärt, Familie bedeute, etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen. Das klingt menschlich und warmherzig. Ökonomisch ist es ausgesprochen bequem. Denn die Arbeit muss trotzdem erledigt werden. Kinder müssen trotzdem betreut, Kranke gepflegt, Wohnungen gereinigt und Mahlzeiten gekocht werden. Die Frage ist nicht, ob diese Arbeiten notwendig sind. Die Frage lautet, wer ihre Kosten trägt.
Wird ein größerer Teil dieser Aufgaben gesellschaftlich organisiert, braucht es Kindergärten, Pflegeeinrichtungen, Ganztagsschulen, ausreichend Personal und entsprechende öffentliche Ausgaben. Werden Arbeitszeiten verkürzt, damit Menschen tatsächlich genügend Zeit für Kinder, Pflege und gesellschaftliches Leben haben, wird die Verfügbarkeit der Arbeitskraft für das Kapital eingeschränkt. Werden Löhne erhöht, Sozialleistungen ausgebaut und Menschen während Betreuungszeiten umfassend abgesichert, muss ein größerer Teil des gesellschaftlich geschaffenen Reichtums für die Reproduktion der Arbeiterklasse aufgewendet werden. Aus der Perspektive des Kapitals ist eine andere Lösung erheblich günstiger. Die notwendige Arbeit wird in den privaten Haushalt verschoben und dort unbezahlt erledigt. Bis heute wird sie überwiegend Frauen zugeschoben.
Doppelte Belastung, doppelter Nutzen für das Kapital
Genau darin besteht die ökonomische Grundlage jener Doppelbelastung, über die so gerne gesprochen wird, ohne ihre Ursache zu benennen. Die kapitalistische Entwicklung hat Frauen in großer Zahl in die Lohnarbeit integriert, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wird. Die gesellschaftlich notwendige Sorgearbeit ist deshalb aber nicht verschwunden. Sie wird weiterhin zu einem erheblichen Teil innerhalb der Familie organisiert und aufgrund der bestehenden geschlechtlichen Arbeitsteilung vor allem Frauen auferlegt. Frauen sollen gleichzeitig auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sein, Einkommen erwirtschaften, Kinder bekommen und betreuen, Angehörige pflegen und einen erheblichen Teil der Hausarbeit übernehmen. Das Kapital erhält damit beides: die weibliche Arbeitskraft in der Produktion und einen großen Teil der Reproduktionsarbeit kostenlos im Haushalt. Für die eine Arbeit zahlt es möglichst wenig, für die andere möglichst gar nichts.
Vor diesem Hintergrund wirkt Stockers Satz, Familie bedeute etwas zu tun, „ohne etwas dafür zu bekommen“, plötzlich weniger romantisch. Die kapitalistische Gesellschaft rechnet nämlich sehr wohl. Der Unternehmer rechnet, der Vermieter rechnet, die Bank rechnet und der Energiekonzern rechnet. Der Staat rechnet, wenn Sozialausgaben gekürzt, öffentliche Einrichtungen geschlossen oder beim Personal gespart wird. Auch die Pension einer Frau wird am Ende exakt danach berechnet, wie viele Jahre und Stunden sie bezahlter Erwerbsarbeit nachgehen konnte. Nur wenn Frauen darauf hinweisen, dass Kinderbetreuung ebenfalls Zeit kostet, ihre Erwerbsmöglichkeiten einschränkt und ihre spätere materielle Absicherung verschlechtert, soll das Rechnen plötzlich unanständig sein. Dann wird aus einer materiellen Frage eine Frage der Liebe.
Viel Empörung, wenig Klassenanalyse
Kaum hatte Stocker seine Aussage gemacht, begann das übliche Ritual der bürgerlichen Politik. FPÖ-Chef Herbert Kickl sprach von einer „Verhöhnung der Mütter“. Marlene Svazek nannte Stockers Worte „unverschämt und zynisch“. Grünen-Chefin Leonore Gewessler betonte, dass Mütter arbeiten, sich kümmern und das Land am Laufen halten. Vertreterinnen und Vertreter der Sozialdemokratie verwiesen darauf, dass Frauen den Großteil der unbezahlten Arbeit leisten und dadurch Einbußen bei Einkommen, Karriere und Pension hinnehmen müssen. Alles das ist richtig. Und doch bleibt die Empörung eigentümlich folgenlos, weil sie genau dort endet, wo die gesellschaftlichen Verhältnisse beginnen.
Besonders grotesk ist die Empörung der FPÖ. Sie verteidigt seit Jahren ein sogenanntes traditionelles Familienbild und stellt die Familie mit klar zugewiesenen Geschlechterrollen als gesellschaftliches Ideal dar. Sie möchte genau jene Ordnung stärken, in der ein erheblicher Teil von Kinderbetreuung, Pflege und Hausarbeit in den privaten Haushalt zurückverwiesen wird. Dass diese Arbeit dann vor allem von Frauen geleistet wird, ist keine überraschende Nebenwirkung des traditionellen Familienmodells, sondern seine historische Realität. Die FPÖ möchte die Mutter ehren, solange sie Mutter in der von ihr vorgesehenen Rolle bleibt. Stockers Fehler besteht aus ihrer Sicht weniger darin, dass Frauen diese Arbeit unbezahlt zugemutet wird, sondern darin, dass er die aufopferungsvolle Mutter dafür nicht ausreichend würdigt. Man darf die unbezahlte Arbeit der Frau nicht geringschätzen. Man soll sie feiern.
Die Sozialdemokratie erkennt den materiellen Widerspruch besser und fordert durchaus mehr Kinderbetreuung, bessere Vereinbarkeit und soziale Absicherung. Doch auch hier bleibt die entscheidende Grenze bestehen. Die SPÖ sitzt gemeinsam mit ÖVP und NEOS in der Bundesregierung und verwaltet genau jene gesellschaftliche Ordnung, in der die Arbeitskraft Ware bleibt, die Produktion dem Profit untergeordnet ist und ein erheblicher Teil der Reproduktionskosten weiterhin in die privaten Haushalte verschoben wird. Die Grünen unterscheiden sich gesellschaftspolitisch erheblich von ÖVP und FPÖ und ihre Kritik an Stockers Frauenbild ist berechtigt. Aber auch ihre Perspektive bleibt auf eine gerechtere Verwaltung der bestehenden Ordnung beschränkt. Alle Beteiligten können für mehr Anerkennung unbezahlter Arbeit eintreten, über Väterkarenz, Kindergärten und Gleichstellung sprechen und einzelne Folgen der bestehenden Arbeitsteilung mildern. Was sie nicht erklären können, ohne ihre eigene gesellschaftliche Grundlage infrage zu stellen, ist, weshalb diese Arbeit im Kapitalismus überhaupt systematisch ausgelagert wird.
Nicht die Last gerechter verteilen, sondern das Verhältnis überwinden
Die bürgerlichen Parteien streiten deshalb darüber, wie die Lasten innerhalb dieser Ordnung verteilt werden sollen. Als Kommunisten stellen wir eine andere Frage. Warum ist die Befriedigung grundlegender gesellschaftlicher Bedürfnisse überhaupt den Bedingungen der Kapitalverwertung unterworfen? Warum entscheidet die Profitabilität darüber, wie viele Kindergärten existieren, wie viel Personal beschäftigt wird, wie lange Menschen arbeiten müssen und wie viel Zeit ihnen für Kinder, Familie, Pflege und gesellschaftliche Tätigkeit bleibt? Genau diese Frage taucht in der Empörungswelle um Stocker nicht auf.
Eine kommunistische Antwort besteht dabei nicht darin, jede Stunde zwischen Eltern und Kindern mit einem Preisschild zu versehen. Der Sozialismus soll nicht die Familie endgültig in einen Markt verwandeln. Im Gegenteil. Erst eine Gesellschaft, die die Produktion nach den Bedürfnissen der Menschen organisiert, kann die materielle Grundlage dafür schaffen, dass menschliche Beziehungen tatsächlich nicht ständig vom ökonomischen Zwang bestimmt werden. Dazu gehören umfassende öffentliche Kinderbetreuung, Bildung und Pflege, ausreichende Einkommen, kürzere Arbeitszeiten, vollständige soziale Absicherung und eine gesellschaftliche Organisation der Reproduktionsarbeit, die diese nicht selbstverständlich Frauen aufbürdet.
Der Kapitalismus braucht die Reproduktionsarbeit, aber er versucht beständig, ihre Kosten von der Kapitalistenklasse wegzuschieben. Er braucht den Arbeiter am Montagmorgen. Er braucht die Arbeiterin ebenso. Er braucht ihre Kinder als nächste Generation von Arbeitskräften. Und er profitiert davon, wenn große Teile der notwendigen Arbeit zu ihrer Erhaltung kostenlos im privaten Haushalt geleistet werden.
Stocker wollte erklären, warum Familie kein „Business Case“ sein dürfe. Tatsächlich hat er unbeabsichtigt einen Teil des Business Case des Kapitalismus beschrieben: Die Arbeit muss gemacht werden. Die Frau soll sie übernehmen. Und wenn möglich soll niemand dafür bezahlen.
Quelle: ORF

















































































