In der letzten Juliwoche wurden Einblicke und Gedanken eines Straßenbahnfahrers in Graz im Blatt „Mein Bezirk“ veröffentlicht. Während es sehr erfreulich ist, wenn Menschen aus der Arbeiterklasse zu Wort kommen, scheint der Artikel einen individualistischen Diskurs über Gesundheit und Schichtarbeit zu verbreiten und letztlich den Interessen der Arbeitgeber zu dienen.
Bald ein halbes Jahrhundert im Schichtdienst
Wie im erwähnten Artikel berichtet wird, arbeitet der Straßenbahnfahrer seit fast 42 Jahren im Schichtdienst. Wie dort ebenfalls angeführt wird – und allgemein bekannt ist –, bedeutet Schichtarbeit vor allem, dass der biologische Rhythmus des Körpers durch ständig wechselnde Schlaf- und Essenszeiten immer wieder gestört wird. Das kann sich negativ auf das Wohlbefinden sowie auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirken.
Die möglichen Folgen reichen von Schlaf- und Essstörungen über Depressionen und ständige Müdigkeit bis hin zu Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und einem erhöhten Krebsrisiko.
Vor diesem Hintergrund, aber vor allem aufgrund des anhaltenden Gefühls von Erschöpfung und fehlender Energie, entschied sich der Straßenbahnfahrer, einen neuen Weg einzuschlagen. Wie er berichtet, setzte er ein ganzheitliches Gesundheitskonzept um, das unter anderem eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und weitere gesundheitsfördernde Maßnahmen umfasst.
Gut für den Körper, noch besser für das Kapital
Solche individuellen Lösungen gegen die negativen Folgen von Schichtarbeit sind gut und schön, jedoch nur in einem bestimmten Rahmen. Es ist gut, wenn Kolleginnen und Kollegen sich zwischenmenschlich darüber austauschen. Es ist auch gut, wenn man solche Gedanken und Ideen in einem Blog veröffentlicht. Mein Bezirk ist jedoch eine Zeitung. Damit wird dieser Ansatz Teil des öffentlichen Diskurses.
Das ist von großer Bedeutung, denn der öffentliche Diskurs prägt, welche Ansichten und Anliegen gesellschaftlich wahrgenommen und als relevant erachtet werden. Und dieser Diskurs wird nicht von selbst geformt, sondern von bestimmten Akteuren.
Die Vorstellung, ein persönliches ganzheitliches Gesundheitskonzept sei die Strategie gegen die gesundheitlichen Folgen der Schichtarbeit, findet ihren Platz in einer Zeitung nicht unbedingt deshalb, weil sie die Gesundheit verbessert, sondern weil sie dem Dienstgeber nicht schadet. Mehr noch: Sie ist für die Herrschenden sogar vorteilhaft, da die Folgen einer Arbeit, die für die gesamte Gesellschaft notwendig ist, allein von den betroffenen Beschäftigten getragen werden sollen.
Unternehmen, Krankenkassen des bürgerlichen Staates, private Versicherungen, das Kapital und seine Lakaien begrüßen Erzählungen wie jene des Straßenbahnfahrers und verschaffen ihnen größere Sichtbarkeit. Sie wollen uns davon überzeugen, dass nicht die Schichtarbeit in ihrer heutigen Form – die wir unter ihren Bedingungen und für ihre Profite leisten – unsere Gesundheit gefährdet. Stattdessen wollen sie uns glauben machen, wir allein seien für unsere Gesundheit verantwortlich oder sogar selbst schuld, weil wir nach einer zwölfstündigen Nachtschicht weder Sport treiben noch gesund kochen können.
Kollektives Handeln als echtes ganzheitliches Gesundheitskonzept
Anstelle begrenzter Versuche, die eigene Gesundheit zu verbessern, die von Profitinteressen verbreitet und unterstützt werden, gibt es bessere und realistischere Alternativen. Diese werden im gegenwärtigen öffentlichen Diskurs jedoch weitgehend ausgeblendet.
Dabei muss der Blick nicht nur auf eine ferne Zukunft gerichtet werden, in der die Produktionsmittel dem Volk gehören und die Produktion zentral geplant wird. Hier und heute dominiert die kapitalistische Produktionsweise, die gesellschaftlich streng hierarchisch organisiert ist, während die Produktion selbst ungeordnet bzw. unkoordiniert und widersprüchlich verläuft.
Unter diesen Bedingungen ist kollektives Handeln der Werktätigen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen eine realistische und vielversprechende Möglichkeit. Schichtarbeit mit mindestens 38,5 Wochenstunden und zusätzlichen Überstunden ist belastend. Nachtschichten mit kurzen Pausen und unpassenden Aufenthaltsräumen stellen eine enorme Belastung für Beschäftigte im Schichtbetrieb dar. Fünf Wochen Urlaub pro Jahr bieten oft nicht genügend Zeit zur Erholung – insbesondere dann nicht, wenn zusätzlich familiäre Verpflichtungen bestehen. Erst nach einem halben Jahrhundert im Schichtdienst in Pension gehen zu können, ist schlicht provokant und gesundheitlich bedenklich.
Es erscheint daher, zumindest für den Fahrbetrieb, nachvollziehbar, dass es:
- eine deutliche Reduzierung der Arbeitszeit, etwa auf drei Arbeitstage pro Woche bei maximal zehn Stunden pro Arbeitstag mit ausreichend langen Pausen zwischen den verschiedenen Fahrten,
- längere nächtliche Pausen gibt,
- eine Verbesserung der Aufenthaltsräume,
- zusätzliche Urlaubstage sowie
- ein Pensionsantritt, bevor gesundheitliche Einschränkungen wie die Abhängigkeit von einem Gehwagen oder Windel für Erwachsene eintreten,
Für Schichtarbeiterinnen und Schichtarbeiter hätte dies wesentlich greifbarere positive Auswirkungen als abstrakte individuelle Gesundheitstipps. Das wären die ersten Schritte eines Gesundheitskonzept, das den Möglichkeiten und Bedürfnissen im 21. Jahrhundert entspricht und mehr als genug Spielraum für individuelle Ansätze rund um Gesundheit sowie Wohlbefinden ermöglicht.
Quelle: Mein Bezirk/Graz















































































