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Die Kriegswirtschaft im Sudan: Wer zahlt den Preis?

19. August 2026
in Internationales
Die Kriegswirtschaft im Sudan: Wer zahlt den Preis?

Während der Krieg im Sudan Millionen Menschen ins Elend stürzt, entstehen zugleich ökonomische Netzwerke, die vom Zusammenbruch des Landes profitieren. Die sudanesische Kommunistische Partei analysiert die Kriegswirtschaft als ein System, in dem Ressourcen, Einkommen und gesellschaftlicher Reichtum von der Mehrheit weg und in die Hände jener fließen, die an Krieg, Schmuggel, Spekulation und der Kontrolle von Rohstoffen verdienen.

Der Sudan befindet sich seit mehr als drei Jahren im Krieg. Millionen Menschen wurden vertrieben, Städte zerstört und die ohnehin fragile wirtschaftliche Grundlage des Landes weiter zerschlagen. Doch die Katastrophe erschöpft sich nicht in den unmittelbaren Folgen der Kämpfe. Mit der Dauer des Krieges hat sich eine Wirtschaftsordnung herausgebildet, die von der Krise lebt.

Der Krieg zerstört zwar Produktion, Infrastruktur und staatliche Institutionen. Gleichzeitig schafft er neue Möglichkeiten für jene, die von Knappheit, Chaos und dem Zusammenbruch öffentlicher Kontrolle profitieren. Schmuggel, Spekulation, Schwarzhandel, die Kontrolle von Handelswegen und Rohstoffen sowie Einnahmen aus informellen Abgaben bilden zunehmend einen eigenen Wirtschaftskreislauf.

Die sudanesische Kommunistische Partei fasst den Zustand im Land als Kriegswirtschaft: eine parasitäre Wirtschaftsweise, die ihren Reichtum nicht durch die Ausweitung gesellschaftlicher Produktion schafft, sondern durch die Aneignung vorhandener Ressourcen und Einkommen.

Vom Volksaufstand zum Krieg

Um diese Entwicklung zu verstehen, muss man die politische Vorgeschichte des heutigen Krieges betrachten. 2018/19 stürzte eine breite Volksbewegung das jahrzehntelang herrschende diktatorische Regime. Die folgenden Jahre waren von einem offenen Kampf zwischen den Kräften der Volksbewegung und den alten Eliten geprägt. Diese fanden ihren wichtigsten Ausdruck im sudanesischen Militär und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF).

Als die Volksbewegung zunehmend an Stärke gewann, putschte das Militär im Oktober 2021 gegen die zivile Regierung. Gegen den Putsch entwickelte sich eine neue Welle von Massenmobilisierungen. Die sudanesische Kommunistische Partei trat für die Verteidigung der Verfassung und zugleich für eine Vertiefung des revolutionären Prozesses ein.

Ein im November 2021 zwischen dem Militär und dem damaligen Premierminister Abdullah Hamdok geschlossenes Abkommen konnte die politische Krise nicht lösen. Die Kommunistische Partei lehnte die Vereinbarung ab, weil sie den Putschisten Straffreiheit gewährte und nach ihrer Einschätzung die Grundlagen des revolutionären Prozesses untergrub.

Die Konfrontation zwischen der Volksbewegung und den alten Machteliten blieb damit ungelöst. Innerhalb dieser alten Eliten verschärften sich zugleich die Widersprüche. Was zunächst als gemeinsames Herrschaftsinteresse von Militär und RSF erscheinen konnte, entwickelte sich zu einem offenen Machtkampf. Im April 2023 eskalierte dieser Konflikt zum Krieg zwischen den sudanesischen Streitkräften und den RSF.

Die sudanesische Kommunistische Partei stellt sich dabei weder auf die Seite des Militärs noch auf jene der RSF. Beide Kräfte werden als Bestandteile der alten Machtordnung betrachtet, deren Auseinandersetzung sich auf dem Rücken der Bevölkerung austrägt. Für die Partei ist entscheidend, die politische und organisatorische Unabhängigkeit der Volksbewegung gegenüber beiden Kriegsparteien zu bewahren.

Wenn Zerstörung profitabel wird

Mit der Verlängerung des Krieges verändert sich auch seine wirtschaftliche Bedeutung. Ein Krieg kostet nicht nur Geld – er schafft zugleich neue Möglichkeiten, Geld zu verdienen.

Die Produktionsbasis des Landes wird immer weiter beschädigt. Landwirtschaft, Industrie und Handel sind von Zerstörung, Vertreibung, unterbrochenen Lieferketten und fehlender Infrastruktur betroffen. Gleichzeitig steigen Transport‑, Energie- und Versorgungskosten.

An die Stelle einer funktionierenden produktiven Wirtschaft treten zunehmend informelle und illegale Märkte. Gold, Devisen, Lebensmittel und andere Rohstoffe werden zu Spekulationsobjekten. Schmuggel und die Kontrolle von Handelswegen gewinnen an Bedeutung. Wo staatliche Institutionen ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen können, entstehen alternative Zentren der Einnahmenerhebung.

Damit entsteht ein grundlegender Widerspruch: Je größer die wirtschaftliche Zerstörung, desto größer kann der Raum für parasitäre Geschäfte werden. Der Zusammenbruch der Produktion wird so nicht nur zur Folge des Krieges. Er wird zugleich zur Grundlage neuer ökonomischer Interessen, die an der Fortsetzung der bestehenden Verhältnisse verdienen.

Inflation als Umverteilung von unten nach oben

Für die arbeitende Bevölkerung zeigt sich diese Entwicklung vor allem im täglichen Leben. Die Preise steigen, während Einkommen und Löhne an Wert verlieren. Was zu Beginn eines Monats noch für die Versorgung einer Familie reicht, kann wenige Wochen später bereits unerschwinglich sein. Ersparnisse werden durch Inflation entwertet. Der Warenkorb wird kleiner, während grundlegende Bedürfnisse – Lebensmittel, Transport, Energie, Medikamente – immer mehr kosten.

Betroffen sind Arbeiterinnen und Arbeiter, Angestellte, Bäuerinnen und Bauern ebenso wie kleine Gewerbetreibende. Dabei handelt es sich nicht lediglich um eine allgemeine Verschlechterung der Lebensbedingungen. Die Inflation wird zu einem Mechanismus der Umverteilung von Einkommen und Vermögen. Wer ausschließlich über ein festes Einkommen verfügt, kann seine Kaufkraft nicht im gleichen Maß an steigende Preise anpassen. Wer dagegen Waren, Rohstoffe, Devisen oder Handelswege kontrolliert, kann von Preissteigerungen und Knappheit profitieren.

Der Krieg führt damit zu einer Verschiebung gesellschaftlichen Reichtums: weg von jenen, die arbeiten und produzieren, hin zu jenen, die Zugang zu Renten, Monopolen, Ressourcen und spekulativen Märkten besitzen.

Der Kreislauf der Kriegsökonomie

Die wirtschaftliche Entwicklung folgt dabei einem sich selbst verstärkenden Kreislauf. Der Krieg zerstört Produktionskapazitäten. Die sinkende Produktion führt zu Knappheit. Knappheit treibt die Preise nach oben. Steigende Preise reduzieren die Kaufkraft. Die sinkende Nachfrage schwächt wiederum die Produktion. Gleichzeitig erhöhen zerstörte Infrastruktur und schlechte Dienstleistungen die Kosten wirtschaftlicher Tätigkeit.

Hinzu kommt die Vertreibung von Millionen Menschen. Wer seine Heimat verlassen muss, verliert häufig Arbeit, Einkommen, Besitz und soziale Netzwerke. Landwirtschaftliche Flächen können nicht bestellt werden, Betriebe schließen und lokale Märkte brechen zusammen.

So entsteht eine Spirale aus Krieg, Produktionsrückgang, Inflation, Armut und weiterer wirtschaftlicher Zerstörung. Doch diese Spirale hat Gewinner. Je stärker die reguläre Wirtschaft zusammenbricht, desto größer wird der Raum für Schmuggel, Schwarzhandel, Spekulation und die Kontrolle knapper Ressourcen. Die Kriegswirtschaft ist damit nicht einfach ein Nebeneffekt des Krieges. Sie kann selbst zu einem materiellen Interesse an dessen Fortsetzung werden.

Gold, Ressourcen und die Frage nach dem Reichtum des Sudan

Der Sudan ist keineswegs ein Land ohne Ressourcen. Im Gegenteil: Das Land verfügt über große landwirtschaftliche Flächen, Goldvorkommen, Viehbestände, Wasserressourcen und eine strategisch bedeutende geografische Lage. Hinzu kommt das enorme menschliche Potenzial seiner Bevölkerung. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob der Sudan über genügend Reichtum verfügt. Die Frage lautet, wer über diesen Reichtum verfügt und wofür er eingesetzt wird.

Rohstoffe und Einnahmen, die eigentlich zur Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen, von Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und produktiver Entwicklung beitragen könnten, werden dem nationalen Wirtschaftskreislauf entzogen. Schmuggel, Korruption und private Aneignung ermöglichen es einzelnen Netzwerken, Reichtum außerhalb öffentlicher Kontrolle zu konzentrieren.

Währenddessen wird die Mehrheit der Bevölkerung mit steigenden Preisen, Steuern, Gebühren und dem Zusammenbruch grundlegender Dienstleistungen konfrontiert. Der gesellschaftliche Reichtum verschwindet also nicht. Er wird umverteilt.

Stromausfälle als Ausdruck der Krise

Besonders deutlich zeigt sich die Verbindung von Krieg und wirtschaftlichem Zusammenbruch am Beispiel der Energieversorgung. Steigende Preise für Treibstoff, Transport und Rohstoffe treffen Haushalte und Betriebe unmittelbar. Gleichzeitig verschlechtert sich die Stromversorgung. Ausfälle beeinträchtigen Krankenhäuser, Wasserstationen, Fabriken, Märkte und Haushalte.

Jede Unterbrechung verursacht zusätzliche Kosten. Unternehmen und Haushalte müssen auf teurere Alternativen zurückgreifen. Produktionsprozesse werden unterbrochen, Dienstleistungen verteuert und die Versorgung der Bevölkerung erschwert. Auch hier greifen die einzelnen Krisen ineinander: Der Krieg behindert die Produktion, die sinkende Produktion erhöht die Preise, steigende Preise verschärfen die Armut und die Armut schwächt wiederum die Fähigkeit der Gesellschaft, Produktion und Versorgung aufrechtzuerhalten.

Wer trägt die Kosten?

Der Klassencharakter dieser Entwicklung wird nach Ansicht der sudanesischen Kommunistischen Partei immer deutlicher. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die von Renten, Monopolen, Spekulation, Schmuggel und der Kontrolle von Ressourcen profitieren. Auf der anderen Seite steht die große Mehrheit der Bevölkerung, die den Krieg mit sinkenden Einkommen, Inflation, Arbeitslosigkeit, Vertreibung und dem Zusammenbruch öffentlicher Dienstleistungen bezahlt. Die Kosten werden gesellschaftlich getragen, während die Gewinne privatisiert werden.

Das ist der entscheidende Widerspruch der Kriegswirtschaft: Die Zerstörung trifft Millionen, während eine Minderheit aus der Zerstörung Reichtum und politischen Einfluss gewinnt. Damit ist die wirtschaftliche Frage unmittelbar mit der politischen Frage verbunden. Solange Machtzentren über Ressourcen, Handelswege und Einnahmequellen verfügen, gibt es auch materielle Interessen, die gegen eine grundlegende Veränderung der bestehenden Verhältnisse gerichtet sind.

Ein Waffenstillstand allein reicht nicht

Aus dieser Perspektive kann die Beendigung des Krieges nicht auf einen bloßen Waffenstillstand reduziert werden. Ein Ende der Kämpfe ist eine unmittelbare Notwendigkeit. Doch wenn die wirtschaftlichen Strukturen, die während des Krieges entstanden sind, unangetastet bleiben, kann sich die soziale und wirtschaftliche Krise fortsetzen.

Notwendig wäre daher eine Rückgewinnung öffentlicher Ressourcen, die Bekämpfung von Schmuggel und Korruption, die Wiederherstellung staatlicher Institutionen und die Umlenkung wirtschaftlicher Ressourcen von der Kriegsfinanzierung hin zu Produktion und gesellschaftlicher Versorgung. Gold, landwirtschaftliche Erzeugnisse und andere Ressourcen müssten nicht länger der Bereicherung einzelner Netzwerke dienen, sondern zur Finanzierung von Wiederaufbau, Bildung, Gesundheitsversorgung und sozialer Infrastruktur beitragen.

Die entscheidende wirtschaftliche Aufgabe bestünde darin, die produktive Basis des Landes wiederherzustellen: Arbeit und Produktion statt Spekulation und Renten; öffentliche Dienstleistungen statt privater Abschöpfung; Wiederaufbau statt Zerstörung.

Quellen: International Communist Press/Zeitung der Arbeit

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Bildquelle: Jill Craig (VOA), Public domain, via Wikimedia Commons
Schlagworte: ArmutInflationKriegKriegswirtschaftSudanSudanesische Kommunistische ParteiUngleichheit

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