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Home Klassenkampf Frauen

Wenn aus Erwartung Herrschaft wird – Stockers Familienbild zu Ende gedacht 

8. August 2026
in Frauen
Wenn aus Erwartung Herrschaft wird – Stockers Familienbild zu Ende gedacht 

Christian Stockers Aussage über unbezahlte Kinderbetreuung offenbart mehr als ein rückständiges Familienbild. Hinter der Vorstellung, Frauen hätten bestimmte Leistungen innerhalb der Familie selbstverständlich zu erbringen, steht ein gesellschaftliches Anspruchsdenken. Es schafft Abhängigkeit und Machtverhältnisse, die im äußersten Fall auch den Boden für Gewalt gegen Frauen bereiten.

Von der unbezahlten Arbeit zur gesellschaftlichen Erwartung

Als Bundeskanzler Christian Stocker erklärte, Familie bedeute für ihn, etwas füreinander zu tun, „ohne etwas dafür zu bekommen“, sprach er nicht nur über Kinderbetreuung. In diesem Satz steckt ein bestimmtes Verständnis davon, was innerhalb einer Familie als selbstverständlich zu gelten hat. Jemand betreut die Kinder, organisiert den Alltag, kocht, putzt, pflegt, tröstet, steckt zurück und übernimmt Verantwortung, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. In der abstrakten Vorstellung könnte dieser Jemand jeder sein. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit wissen wir allerdings ziemlich genau, wer damit überwiegend gemeint ist: Frauen.

Die kapitalistische Gesellschaft verlangt heute von Frauen beides. Sie sollen ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt verkaufen und gleichzeitig weiterhin einen überproportional großen Teil der Reproduktionsarbeit übernehmen. Sie sollen Beschäftigte sein und Mütter, Lohnarbeiterinnen und Pflegerinnen, beruflich leistungsfähig und zu Hause verfügbar. Diese Doppelbelastung ist nicht bloß das Ergebnis privater Fehlentscheidungen einzelner Familien. Sie besitzt eine materielle Grundlage. Der Kapitalismus benötigt die weibliche Arbeitskraft im Produktionsprozess und ist gleichzeitig darauf angewiesen, dass Kinder großgezogen, Haushalte geführt, Kranke versorgt und Arbeitskräfte täglich wiederhergestellt werden. Je mehr davon kostenlos im privaten Haushalt geschieht, desto weniger dieser gesellschaftlich notwendigen Kosten muss das Kapital selbst tragen.

Doch diese Arbeitsteilung erzeugt nicht nur ökonomische Nachteile. Sie schafft zugleich gesellschaftliche Erwartungen und damit Machtverhältnisse. Wenn über Generationen vermittelt wird, die gute Mutter habe sich aufzuopfern, die gute Partnerin müsse sich kümmern und Familie bedeute gerade, Leistungen zu erbringen, ohne etwas dafür zu erwarten, dann entsteht daraus ein Anspruchsdenken. Was ständig als natürliche Aufgabe der Frau erscheint, wird irgendwann nicht mehr als ihre freiwillige Leistung wahrgenommen. Es wird zur vermeintlichen Pflicht.

Wenn Selbstlosigkeit zur Pflicht erklärt wird

Genau deshalb sind Aussagen wie jene Stockers nicht harmlos. Natürlich ruft ein Satz des Bundeskanzlers keinen Mann unmittelbar dazu auf, seine Partnerin zu kontrollieren oder zu schlagen. Eine solche Erklärung wäre ebenso simpel wie falsch. Aber Politiker, Medien, Kirchen, Unternehmen und andere gesellschaftliche Institutionen wirken daran mit, bestimmte Vorstellungen von Familie, Mutterschaft und Weiblichkeit immer wieder als selbstverständlich erscheinen zu lassen. Wird Frauen dabei besonders die Rolle der fürsorglichen, verfügbaren und verzichtenden Person zugeschrieben, entsteht daraus ein gesellschaftliches Verhältnis, das weit über die Aufteilung der Hausarbeit hinausgeht.

Die ökonomische Abhängigkeit bildet dafür eine wichtige Grundlage. Wer wegen Kinderbetreuung weniger Stunden erwerbstätig ist, verdient weniger. Wer jahrelang in Teilzeit arbeitet, hat schlechtere Aufstiegschancen und bekommt später eine geringere Pension. Wer Kinder betreut und über kein ausreichendes eigenes Einkommen verfügt, ist materiell stärker an den Partner gebunden. Wer keinen leistbaren Kindergartenplatz findet oder keine Wohnung bezahlen kann, hat weniger Möglichkeiten, eine Beziehung zu verlassen. Die gesellschaftliche Organisation der Reproduktionsarbeit entscheidet deshalb ganz unmittelbar darüber, welche Freiheit eine Frau tatsächlich besitzt. Formale Gleichberechtigung auf dem Papier hilft nur begrenzt, wenn die materiellen Bedingungen Abhängigkeit reproduzieren.

Diese Abhängigkeit verbindet sich mit älteren patriarchalen Vorstellungen, die der Kapitalismus keineswegs beseitigt hat. Er hat sie verändert, angepasst und in seine eigene Ordnung aufgenommen. Die Frau ist längst nicht mehr einfach auf den Haushalt beschränkt. Sie verkauft ihre Arbeitskraft wie der Mann. Gleichzeitig bleibt aber eine historisch entstandene Vorstellung bestehen, wonach sie für Familie, Kinder, Fürsorge und emotionalen Zusammenhalt in besonderer Weise verantwortlich sei. Genau deshalb wird bei berufstätigen Vätern oft davon gesprochen, dass sie „bei den Kindern helfen“, während bei der Mutter die Zuständigkeit vorausgesetzt wird. Genau deshalb müssen Frauen sich häufiger dafür rechtfertigen, wenn sie keine Kinder wollen, wenn sie nach einer Geburt rasch in den Beruf zurückkehren oder wenn sie familiäre Verpflichtungen nicht über ihre eigenen Bedürfnisse stellen.

Aus Zuständigkeit wird Verfügbarkeit

Aus gesellschaftlicher Erwartung kann privates Anspruchsdenken entstehen. Die Partnerin soll sich kümmern. Sie soll zuhören. Sie soll verfügbar sein. Sie soll den Haushalt führen, Kinder versorgen und die Beziehung emotional zusammenhalten. Im schlimmsten Fall wird auch sexuelle Verfügbarkeit als Anspruch betrachtet. Was als gesellschaftliche Rolle beginnt, kann im einzelnen Verhältnis als vermeintliches Recht des Mannes erscheinen. Die Frau schuldet ihm dann nicht mehr nur Zuneigung, sondern bestimmte Leistungen und Verhaltensweisen.

Gerade dort, wo Frauen diese Erwartungen zurückweisen, tritt die Machtfrage offen hervor. Eine Frau trennt sich. Sie sucht eine eigene Wohnung. Sie verweigert Kontrolle. Sie möchte arbeiten gehen. Sie verlangt eine andere Verteilung der Hausarbeit. Sie entscheidet selbst über ihre Sexualität oder darüber, mit wem sie Kontakt hat. Sie erklärt also praktisch, dass der Mann keinen Anspruch auf ihre Verfügbarkeit besitzt. Für einen Mann, der diese Verfügbarkeit als selbstverständlich betrachtet, ist dies nicht nur ein persönlicher Konflikt. Es erscheint ihm als Verlust von Kontrolle.

Deshalb ist es kein Zufall, dass Gewalt gegen Frauen besonders häufig in Partnerschaften und im Zusammenhang mit Kontrolle, Trennung und Besitzansprüchen auftritt. Der berühmte Satz „Wenn ich dich nicht haben kann, soll dich niemand haben“ bringt dieses Denken in seiner brutalsten Form auf den Punkt. Die Frau erscheint darin nicht als selbstständiger Mensch, sondern als etwas, über das verfügt werden kann. Ihre Entscheidung, eine Beziehung zu beenden, wird nicht als ihr Recht akzeptiert, sondern als Auflehnung gegen einen vermeintlichen Anspruch.

Gewalt als Wiederherstellung von Kontrolle

Der Täter trägt dabei selbstverständlich die Verantwortung für seine Tat. Ein Mann wird nicht durch „die Gesellschaft“ gezwungen, eine Frau zu schlagen oder zu ermorden. Die gesellschaftliche Analyse darf niemals zur Entschuldigung des Täters werden. Sie erklärt vielmehr, warum bestimmte Formen der Gewalt immer wieder unter ähnlichen Bedingungen auftreten. Gewalt gegen Frauen ist nicht einfach eine unerklärliche Ansammlung individueller Ausraster. Sie entsteht in einer Gesellschaft, in der zwischen Männern und Frauen weiterhin reale Machtunterschiede bestehen und in der Vorstellungen männlicher Verfügungsmacht immer wieder hervorgebracht werden.

Der einzelne Täter braucht dafür weder Marx gelesen zu haben noch bewusst im Interesse der Kapitalistenklasse zu handeln. Er kann dennoch zum Vollstrecker eines gesellschaftlich produzierten Anspruchsdenkens werden. Wenn er die Partnerin kontrolliert, ihre Kontakte einschränkt, ihre ökonomische Selbstständigkeit verhindert oder schließlich Gewalt einsetzt, versucht er im privaten Verhältnis eine Hierarchie durchzusetzen. Er verlangt die Wiederherstellung einer Ordnung, in der die Frau verfügbar, abhängig und untergeordnet bleibt.

In diesem begrenzten, aber wichtigen Sinne besitzt Gewalt gegen Frauen auch eine systemstabilisierende Seite. Sie sanktioniert die Überschreitung jener Rolle, die Frauen gesellschaftlich zugeschrieben wird. Die Frau, die bleiben soll, aber geht. Die Frau, die schweigen soll, aber widerspricht. Die Frau, die abhängig sein soll, aber selbstständig wird. Die Frau, die ihre Arbeitskraft, ihre Zeit, ihren Körper und ihr Leben selbst bestimmen möchte. Gewalt dient dem Täter dann als Mittel, um die verlorene Kontrolle wiederherzustellen.

Der Kapitalismus hat das Patriarchat nicht erfunden, aber er nutzt es

Das bedeutet nicht, dass der Kapitalismus Frauenunterdrückung erfunden hätte. Patriarchale Verhältnisse sind älter als die kapitalistische Produktionsweise. Entscheidend ist vielmehr, dass der Kapitalismus diese Verhältnisse nicht beseitigt hat. Er hat sie seinen eigenen Bedürfnissen entsprechend umgeformt und nutzt ihre Ergebnisse. Die private Familie übernimmt weiterhin große Teile jener Reproduktionsarbeit, auf die die kapitalistische Produktion angewiesen ist. Die ungleiche Verteilung dieser Arbeit schafft ökonomische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Diese Unterschiede wiederum können Abhängigkeiten verstärken, die es Frauen erschweren, Kontrolle und Gewalt zu entkommen.

Deshalb ist auch die immer wiederkehrende politische Antwort auf Gewalt gegen Frauen unzureichend, wenn sie sich auf Empörung, Strafrecht und Appelle beschränkt. Selbstverständlich braucht es ausreichend finanzierte Frauenhäuser, Beratungsstellen, wirksamen Gewaltschutz und konsequente Strafverfolgung. Eine bedrohte Frau braucht nicht zuerst eine Vorlesung über gesellschaftliche Produktionsverhältnisse, sondern unmittelbaren Schutz. Doch eine Politik, die erst eingreift, wenn die Gewalt bereits stattfindet, behandelt die Folgen und lässt einen Teil ihrer gesellschaftlichen Voraussetzungen bestehen.

Befreiung braucht materielle Unabhängigkeit

Wer Gewalt gegen Frauen ernsthaft bekämpfen will, muss deshalb auch jene materiellen Bedingungen bekämpfen, die Frauen abhängig machen. Eine Frau, die über ein ausreichendes eigenes Einkommen verfügt, kann eine gewalttätige Beziehung leichter verlassen als eine Frau ohne eigenes Geld. Eine Frau, deren Kinder öffentlich und kostenlos betreut werden können, besitzt größere Handlungsmöglichkeiten als eine Frau, deren gesamte Existenz an die private Familie gebunden ist. Eine Frau mit eigener sozialer Absicherung, eigener Wohnung und einem dichten öffentlichen Unterstützungsnetz ist einem kontrollierenden Partner weniger ausgeliefert als eine Frau, deren materielle Existenz mit ihm steht und fällt.

Doch selbst das reicht nicht aus. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung selbst muss überwunden werden. Solange Kinderbetreuung, Pflege, Hausarbeit und emotionale Sorge in erster Linie als Aufgaben von Frauen gelten, wird auch die Vorstellung ihrer besonderen Zuständigkeit und Verfügbarkeit immer wieder neu hervorgebracht. Die Befreiung der Frau kann deshalb nicht allein darin bestehen, Frauen den gleichen Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Eine Gesellschaft hat wenig gewonnen, wenn Frauen acht Stunden im Betrieb ausgebeutet werden und anschließend zu Hause die zweite Schicht beginnt.

Die kommunistische Perspektive geht weiter. Die Reproduktion der Gesellschaft muss selbst als gesellschaftliche Aufgabe organisiert werden. Kinderbetreuung, Pflege, Bildung und Versorgung dürfen nicht vom Einkommen einer Familie oder von der kostenlosen Arbeit einzelner Frauen abhängig sein. Arbeitszeiten müssen so weit reduziert werden, dass Männer und Frauen tatsächlich Zeit für Kinder, Beziehungen, Erholung und gesellschaftliche Tätigkeit besitzen. Die materielle Abhängigkeit der Frau vom Mann muss vollständig verschwinden. Zugleich muss die gesellschaftliche Vorstellung überwunden werden, wonach Fürsorge weibliche Natur und Selbstaufopferung weibliche Tugend sei.

Wo Anspruch entsteht, entsteht Herrschaft

Erst dann verliert auch das von Stocker formulierte Ideal seinen scheinbar unschuldigen Charakter. „Etwas tun, ohne etwas dafür zu bekommen“ kann zwischen Menschen Ausdruck von Liebe und Solidarität sein. Es wird jedoch zur Ideologie, sobald eine ganze gesellschaftliche Gruppe systematisch dazu erzogen wird, diese Selbstlosigkeit zu leisten, während eine andere davon profitiert.

Wenn Frauen auf ihre ihnen zugeschriebene Rolle verpflichtet werden, entsteht nicht nur unbezahlte Arbeit. Es entsteht ein Anspruch auf ihre Zeit, ihre Fürsorge und ihre Verfügbarkeit. Aus diesem Anspruch erwächst Macht. Und wo diese Macht infrage gestellt wird, kann sie mit Gewalt verteidigt werden.

Wer über Gewalt gegen Frauen sprechen will, darf deshalb über die gesellschaftliche Ordnung, die Abhängigkeit und Anspruchsdenken immer wieder hervorbringt, nicht schweigen.

Quelle: Der Standard

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Schlagworte: ArbeitFamilieGerechtigkeitGeschlechtLohnarbeitMütterMutterschaftProduktionReproduktionStockerWert

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