Graz. Die Vorwürfe gegen einen Internisten aus Graz wiegen schwer. Laut Medienberichten und bestätigten Ermittlungen der Polizei soll der Arzt über Jahre hinweg Patientinnen sexuell missbraucht, heimlich gefilmt und medizinische Untersuchungen als Vorwand für Übergriffe genutzt haben. Nach derzeitigem Stand sind acht Betroffene bekannt, die tatsächliche Zahl könnte jedoch deutlich höher liegen. Sichergestellte Foto- und Videoaufnahmen sollen teilweise bis ins Jahr 2012 zurückreichen.
Demnach soll der Mediziner vor allem junge Frauen außerhalb regulärer Ordinationszeiten behandelt haben. Die Untersuchungen sollen teilweise ohne nachvollziehbare medizinische Notwendigkeit erfolgt sein. Besonders erschütternd sind die Vorwürfe, wonach Patientinnen sediert und anschließend sexuell missbraucht worden sein sollen. Der Beschuldigte bestreitet die Vorwürfe und behauptet, die Handlungen seien medizinisch indiziert und die Aufnahmen abgesprochen gewesen.
Die Ermittlungen dauern an. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens wirft der Fall ein Schlaglicht auf ein gesellschaftliches Problem, das weit über die Person des Beschuldigten hinausgeht. Ärztinnen und Ärzte genießen zu Recht großes Vertrauen. Patientinnen und Patienten befinden sich in einer Situation besonderer Verletzlichkeit. Sie suchen Hilfe, geben intime Informationen preis und müssen sich oft körperlichen Untersuchungen unterziehen.
Gerade deshalb wiegen Vorwürfe wie diese besonders schwer. Wenn medizinische Autorität dazu missbraucht wird, Menschen zu erniedrigen, auszunutzen oder Gewalt anzutun, handelt es sich nicht nur um individuelle Straftaten. Es handelt sich um den Missbrauch gesellschaftlicher Machtpositionen.
Gewalt gegen Frauen tritt nicht nur in Familien oder Partnerschaften auf. Sie findet ebenso in Institutionen statt, in denen Macht ungleich verteilt ist.
Der weiße Kittel, akademische Titel oder gesellschaftliches Ansehen schaffen keine Immunität gegen patriarchale Gewalt. Im Gegenteil: Solche Positionen können Tätern zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, Kontrolle auszuüben und sich hinter ihrer Autorität zu verstecken.
Die Tatsache, dass viele Betroffene sexueller Gewalt lange schweigen oder sich zunächst nicht wehren können, wird von Tätern häufig bewusst einkalkuliert. Scham, Angst, Abhängigkeit und Zweifel an der eigenen Wahrnehmung gehören zu den Mechanismen, die Gewaltverhältnisse stabilisieren.
Besonders betroffen sind dabei häufig Frauen, deren Aussagen immer wieder infrage gestellt oder relativiert werden. Noch immer müssen viele Betroffene sexueller Gewalt um Glaubwürdigkeit kämpfen, während Beschuldigte zunächst vom Schutz ihres gesellschaftlichen Status profitieren.
Der Fall aus Graz zeigt einmal mehr, dass sexuelle Gewalt viele Gesichter hat. Sie tritt nicht nur offen und sichtbar auf, sondern oft hinter den Fassaden von Autorität, Respektabilität und gesellschaftlichem Ansehen.
Quelle: ORF





















































































