Von Milchkühen, Geburtenrückgang und der politischen Ökonomie der Reproduktion
Wenn über Ausbeutung gesprochen wird, denken die meisten Menschen an Fabriken, Büros oder Baustellen. Seltener wird darüber gesprochen, dass jede Gesellschaft nicht nur Arbeit, sondern auch die Menschen hervorbringen muss, die diese Arbeit leisten. Reproduktion ist deshalb keine private Angelegenheit. Sie ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
Besonders sichtbar wird das in der Tierindustrie
In Österreich wurden 2024 rund 539.400 Milchkühe gehalten. Sie produzierten mehr als vier Millionen Tonnen Rohmilch. Eine Kuh gibt jedoch nur dann Milch, wenn sie regelmäßig Kälber zur Welt bringt. Ihre Reproduktionsfähigkeit ist Voraussetzung ihrer wirtschaftlichen Nutzung. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Kühe, während die Milchproduktion weiter steigt. Das bedeutet, dass jede einzelne Kuh noch mehr leisten muss.
Auch bei Legehennen und Zuchtsauen steht die weibliche Reproduktionsleistung im Zentrum der Produktion. Die Tierindustrie macht damit etwas sichtbar, das in jeder Klassengesellschaft eine politische Frage ist: Wer reproduziert die Gesellschaft?
Natürlich wäre es falsch, Frauen mit Nutztieren gleichzusetzen. Dennoch verweist die industrielle Nutzung weiblicher Tierkörper auf eine grundlegende Tatsache: Reproduktion ist niemals bloß privat. Jede Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass neue Generationen hervorgebracht, versorgt und erzogen werden.
Karl Marx beschrieb diesen Zusammenhang als Reproduktion der Arbeitskraft. Kapital benötigt nicht nur Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern ständig neue Arbeitskräfte. Jede Arbeitskraft, die heute ausgebeutet wird, musste gestern geboren, ernährt, erzogen und ausgebildet werden.
Eine entscheidende Frage ist: Wer produziert eigentlich die Arbeitskraft selbst?
Denn Kinder wachsen nicht von selbst auf. Menschen müssen versorgt, gepflegt, erzogen und ausgebildet werden. Alte und Kranke müssen betreut werden. Diese Arbeit wird gesellschaftlich benötigt, erscheint aber häufig nicht als gesellschaftliche Arbeit. Sie wird überwiegend in Familien organisiert und historisch vor allem Frauen zugeschrieben.
Die Fabrik produziert Waren. Die Familie produziert die Menschen, die diese Waren herstellen.
Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf die aktuelle Debatte über den Geburtenrückgang.
In Österreich liegt die durchschnittliche Kinderanzahl pro Frau mittlerweile bei nur noch 1,29 Kindern und erreichte damit 2025 einen historischen Tiefstand. Während Anfang der 1960er Jahre noch rund 2,8 Kinder pro Frau geboren wurden, liegt die Geburtenrate seit Jahrzehnten deutlich unter dem Niveau, das für eine stabile Bevölkerungsentwicklung notwendig wäre.
2025 wurden in Österreich 75.718 Kinder geboren, gleichzeitig starben 86.766 Menschen. Damit war die Geburtenbilanz bereits zum sechsten Mal in Folge negativ. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung Österreichs bereits schrumpfen.
Auffällig ist dabei die Art, wie über diese Entwicklung gesprochen wird.
Wirtschaftsverbände, OECD, Industriellenvertretungen und politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger warnen regelmäßig vor den Folgen sinkender Geburtenraten. Genannt werden Arbeitskräftemangel, Fachkräftemangel, Probleme bei der Finanzierung der Pensionen oder geringeres Wirtschaftswachstum.
Die Sorge wird meist nicht als Sorge um Menschen formuliert, sondern als Sorge um die Verfügbarkeit zukünftiger Arbeitskräfte.
Aus marxistischer Sicht ist das nicht überraschend. Kapitalistische Gesellschaften sind auf die ständige Reproduktion der Arbeitskraft angewiesen. Sinkt die Zahl der potenziellen zukünftigen Beschäftigten, entsteht ein ökonomisches Problem. Marx sprach in diesem Zusammenhang von der industriellen Reservearmee – jenem Reservoir an Arbeitskräften, das die Konkurrenz unter Beschäftigten erhöht und Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen ausüben kann.
Die gegenwärtige Debatte enthält jedoch einen bemerkenswerten Widerspruch.
Denn dieselbe Gesellschaft, die den Geburtenrückgang beklagt, schafft vielfach Bedingungen, die Familiengründung erschweren. Hohe Wohnkosten, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, steigender Leistungsdruck, lange Arbeitszeiten und die Privatisierung von Sorgearbeit prägen den Alltag vieler Menschen.
Frauen sollen heute möglichst umfassend am Arbeitsmarkt teilnehmen. Gleichzeitig sollen sie die demographische Krise lösen, Kinder bekommen und weiterhin einen Großteil der Sorgearbeit leisten.
Gerade dieser Widerspruch steht im Zentrum marxistischer Analysen der sozialen Reproduktion.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, warum Menschen zu wenige Kinder bekommen, sondern unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen überhaupt Kinder bekommen und großziehen sollen.
Solange die Kosten gesellschaftlicher Reproduktion überwiegend auf Familien und insbesondere Frauen abgewälzt werden, bleibt jede Klage über sinkende Geburtenzahlen unvollständig. Wer neue Generationen fordert, muss auch bereit sein, die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen: leistbares Wohnen, Arbeitszeitverkürzung, öffentliche Kinderbetreuung, soziale Absicherung und die kollektive Organisation von Sorgearbeit.
Reproduktion ist keine private Angelegenheit. Sie ist eine gesellschaftliche Frage. Und gerade deshalb auch eine politische.
Quellen: Statistik Austria/Statistik Austria/AMA/WKÖ




















































































