Gastbeitrag von Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i. R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.
Für P. Georg Sporschill SJ im Rumänien der Straßenkinder zum 80. Geburtstag
Die programmatischen Forderungen der Arbeiterbewegung, wann und wo immer sie aufgetreten ist, lassen sich nämlich in dem einen Satz zusammenfassen: Kampf um die Befreiung von ökonomischer Ausbeutung, politischer Unterdrückung und geistiger Manipulierung des Menschen durch den Menschen, damit ein jeder seine menschliche Natur entfalten kann.
Hermann Klenner (*1926)[1]
Vorbemerkungen. Konrad Farner, Max Frisch und Rossana Rossanda nehmen zur Kulturrevolution in der Volksrepublik China Stellung
Die Schweizerische Eidgenossenschaft war am zweiten Weltkrieg nicht unmittelbar beteiligt, „dank energischer, schlauer, organisierter Komplizenschaft mit dem Dritten Reich“, wie der Menschenrechtsaktivist Jean Ziegler (1934–2026) über seine Heimat meint.[2] Die Veränderungen in der Volksrepublik (VR) Chinas wurden in der Schweiz, deren Banken Fluchtdepots für verbrecherische Reiche aus allen Ländern waren und sind, aufmerksam beobachtet. Die dort seit 1966 einsetzende „Große proletarische Kulturrevolution“[3] gehört zu den nachhaltigsten Umgestaltungen einer Gesellschaft unter kommunistischer Führung. Impuls und strategische Orientierung sind von Mao Tse-tung (1893–1976) ausgegangen. Der Zürcher Kommunist Konrad Farner (1903–1974) hat über diese Kulturrevolution in der in Schweden erscheinenden Jesuitenzeitschrift „Credo“ 1971 eine tiefgehende marxistische Einschätzung veröffentlicht:
„… das, was heute als Kulturrevolution in China vor sich geht ist nichts anderes als die radikale Absage an den Revisionismus aller Schattierungen. Erstmals in der bisherigen Menschheitsgeschichte wird im denkbar umfänglichsten Sinne der Versuch unternommen, nicht nur eine neue Materialität zu schaffen, sondern eine neue Spiritualität – Spiritualität nicht im Sinne der europäischen Philosophie und Theologie, sondern im Sinne der chinesischen Philosophie, also als umfassende Ethik der Gemeinschaft. Erstmals wird in solch großen Umfängen einer Qualität in eine neue Qualität verwandelt, der alte Mensch einer alten Gesellschaft in einen neuen Menschen einer neuen Gesellschaft. Wohl werden die moderne Technologie und Wissenschaft als notwendige Industrialisierung vorwärtsgetrieben, jedoch wird nicht der technische und technisierte Mensch von der weißen Welt übernommen. Im Gegenteil, man bettet diesen stets umgehend ein in eine neue Anthropologie der Gemeinschaft. Dem nur-wissenschaftlichen Experiment wird die zentrale gestaltende Rolle aberkannt, das Sachwissen wird umgewandelt in ein Menschenwissen, das Besser-Leben in ein Besser-Sein. Man will eindeutig nicht eine Verwirklichung der Technik und Wissenschaft, sondern vor allem eine Selbstverwirklichung des Menschen. Dieser Zielsetzung dient alles und jedes: die gleichzeitige Erziehung von oben nach unten und von unten nach oben, die demokratische Kritik und Selbstkritik, die Gleichstellung aller Berufe, die Aufhebung der Hierarchien, die Auflösung der städtischen Konglomerationen als Gleichstellung von Stadt und Land in materieller und geistiger Hinsicht, die Ausmerzung jeglichen elitären Denkens, die Liquidation parasitärer Bürokratie, die scharfe Kontrolle der Partei durch das Volk, der ständige Appell an die Schöpferkraft des einfachen Menschen, der fortwähren revolutionäre Enthusiasmus als sozialethischer Impetus. Es ist die Revolution in Permanenz, die vor sich geht, als ewig existierende Dialektik von These-Antithese-Synthese als neue These, als ständiger Widerspruch im gesamten Kosmos. […] Diese chinesische Kulturrevolution ist zugleich das Zeichen dafür, dass das herkömmliche Abendland nicht mehr global geschichtsbildend ist, sei es das Europa des Christentums oder das des Marxismus. Sie ist das Zeichen dafür, dass ein neues Zentrum der globalen Revolution, die die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auszeichnet, entstanden ist. Und es stellt sich die Frage, ob das herkömmliche Christentum und der herkömmliche Marxismus dieses Zeichen zu deuten vermögen. Ob sie imstande sind, darauf Lehren zu ziehen, neue Impulse aufzunehmen. Mit anderen Worten: ob sie imstande sind, ihren bisherigen Revisionismus einer Revision zu unterziehen.“[4]
Der hochgebildeten Konrad Farner hatte zu der von der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) seit etwa 1960 vermittelten Interpretation der chinesischen Zeitgeschichte eine konträre Position.[5] Konrad Farner kannte den sozial-politischen Hintergrund der Chinesen mit ihrer Tradition und jenen in Europa. Noam Chomsky (*1928) vermeldet, dass Europa mit seinen Beutezügen jahrhundertelang „die barbarischste Gegen der Welt“ war, „zerrissen von scheußlichen und verheerenden Kriegen“.[6] Zusammen mit dem Zürcher Buchhändler Theo Pinkus (1909–1991) hat er Quellen und Dokumenten zum Weg des Sozialismus gesammelt und dort festgehalten, dass die Verfassung der VR China vom 20. September 1954 gleich den Verfassungen der Sowjetunion und der anderen Volksrepubliken keinen statischen Charakter hat, sondern „Ausdruck von Übergangsperioden“ sei.[7] Der Konrad Farner persönlich nahestehende Zürcher Max Frisch (1911–1991) ist bei seiner „kurzen Reise nach China“ (28. Oktober – 4. November 1975) aufgefallen, dass die maoistische Polik „über den Ökonomismus hinaus zielt und in erster Linie eine sozialethische Entwicklung anstrebt (trotz so dürftiger Lebenshaltung notfalls mit ökonomischen Einbußen) und allein daraus die Rechtfertigung der Staatsmacht ableitet; der praktizierende Glaube an eine gewisse Wandlungsfähigkeit der Menschen“.[8] Der Vatikan schaut auf die Revolution der VR China mit dem aus Lateinamerika kommenden Papst Franziskus (1936–2025) konstruktiv zurück: „Die Machtübernahme des kommunistischen Regimes in China war eine Folge der Revolution des Mao Tse-tung. Ihr Ziel war die Befreiung der Massen von der Dominanz des Westens, von Armut, Unwissenheit, der Unterdrückung durch die alten Eliten, aber auch von den traditionellen Vorstellungen über Gott und Religion. Damit begann eine besonders kontrastreiche historische Phase, die Hirten und Gläubigen viel Leid beschert hat.“[9] Die unter der längst versunkenen westeuropäischen Linken oft mystifizierte italienische Intellektuelle Rossana Rossanda (1924–2020) ihre Sympathien zur VR China artikuliert und hervorgehoben, dass Mao Tse-tung mit Karl Marx (1818–1883), Friedrich Engels (1820–1895), Wladimir I. Lenin (1870–1924) und Josef Stalin (1878–1953) die Übergangsgesellschaften marxistisch interpretiert hat, „… d. h. nicht durch ihr Bewußtsein von sich selbst, sondern durch ihr wirkliches Sein. Und er war dazu imstande, nicht weil er Marx abgelehnt oder ‚überwunden‘ hätte, sondern weil er den ganz Marxschen Ansatz wiedergewonnen hat, zugleich mit dem ganzen Leninschen Willen zum Umsturz – beides nicht als bloß theoretische Errungenschaft, sondern eines noch andauernden gesellschaftlichen Konfliktes, den er mit Entschiedenheit ans Licht gezerrt und zum Inhalt eines politischen Massenkampfes erhoben hat. Welcher Sinn läge darin, das Denken Maos auszuhöhlen, ihm gerade diese brisant materialistische Dimension zu nehmen?“[10] Rossana Rossanda hat den „Historischen Kompromiss“ der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP) unter Führung von Erinco Berlinguer (1922–1984) abgelehnt. Dieser wurde seit dem XX. Parteitag (1956) der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) mit seiner Abwendung von Josef Stalin (1878–1953) gegenüber solchen herausragenden geschichtlichen Persönlichkeiten wie Mao Tse-tung skeptisch.[11] 1969 wurde Rossana Rossanda mit der Gruppe Manifesto aus der IKP ausgeschlossen, 1990 ist die IKP in den sozialdemokratischen Partito Democratico della Sinistra (PDS) umgewandelt worden.
Anerkennung der Volksrepublik China durch die Schweizerische Eidgenossenschaft
Am 17. Jänner 1950 anerkannte die Schweizerische Eidgenossenschaft mit einem Telegramm von Bundespräsident Max Petitpierre (1899–1994) an Mao Tse-tung die am 1. Oktober 1949 vom Tor des Himmlischen Friedens in Peking von diesem ausgerufene VR China als eines der ersten Länder außerhalb der von der Sowjetunion unterstützten sozialistischen Länder offiziell an. Das Vereinigte Königreich und die skandinavischen Länder waren der Schweiz vorausgegangen.[12] Die Schweiz und die VR China, die sich am 20. September 1954 durch den I. Nationalen Volkskongress in Peking mit Bezugnahme auf die revolutionären Grundgesetze der chinesischen Räterepublik von 1931 eine Verfassung gegeben hat, hoben den Status ihrer beiden Gesandtschaften im Jänner 1956 und im April 1957 in den Status von Botschaften an. Erster schweizerischer Botschafter in Peking war der aus einem alten, in der Gelehrtenwelt bekannten Basler Geschlecht stammende Fernand Bernoulli (1905–1978). Die durch den Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 unabhängig und seit dem Bundesverfassungsgesetz vom 26. Oktober 1955 sich als neutral deklarierende Republik Österreich hat mit der VR China ihr Übereinkommen über den Austausch von Botschaftern erst am 26. Mai 1971 getroffen.[13]
In den späten 1950er Jahren ist es zwischen der Sowjetunion und der VR China zu einem scharfen und anhaltenden Zerwürfnis gekommen. Für die Kommunistische Partei Chinas war die von der Sowjetunion angestrebte friedliche Koexistenz mit den USA und mit den von dieser in Abhängigkeit gehaltenen Ländern ein Verrat an der revolutionären Weltbewegung, ein Verrat insbesondere an den mit Waffen um Unabhängigkeit kämpfenden Kolonien der Dritten Welt. Die Chinesen wussten selbst, was es heißt, wenn imperialistischen Aggressoren ein Land überfallen und in „Einflußsphären“ aufteilen. Der aus Ungarn stammende marxistische Wirtschaftswissenschaftler Eugen Varga (1879–1964), der sich 1919 für die Ungarische Räterepublik als Finanzminister zur Verfügung gestellt hat und dann einige Zeit, auch bei der Potsdamer Konferenz, Josef Stalin in Wirtschaftsfragen beraten hat, schreibt, dass die imperialistischen Plünderer für sich in besetzten chinesischen Städten eine „Exterritorialität“ beanspruchten und „an den Parkeingängen Schilder anbrachten: ‚Eintritt für Chinesen und Hunde verboten‘, sich von chinesischen Kulis fahren ließen usw.“ Wie hätte, stellt Eugen Varga fest, ein Chinese das vergessen können?[14] Fidel Castro (1926–2016), der wie Ernesto Che Guevara (1928–1967) von den großartigen Ergebnissen der unter Führung von Mao Tse-tung siegreichen chinesischen Revolution beeindruckt war, bedauerte, dass dieser in der letzten Phase seines Lebens „linke Fehler oder besser gesagt linksextremistische Fehler“ begangen habe.[15]
Vier ausgewählte Dokumente der Schweizerischen Botschaft in Peking (1976)
Der seit 1975 in Peking residierende Schweizer Botschafter Heinz Langenbacher (1919–2013) hat den Maoismus gewiss nicht theoretisch „studiert“, er berichtet mit seinem von den gesellschaftlichen, kulturellen und institutionellen Lebensumständen der Schweiz geprägten Blick.[16] Wenige Tage vor dem Ableben von Mao Tse-tung (9. September 1976) war der Corps Diplomatique in Peking zu einer einwöchigen Reise in die autonome Provinz Xinjiang eingeladen worden. Botschafter Langenbacher schreibt am 10. September 1976 aus Peking nach Bern:[17]
„1. Hauptzweck der Reise war, uns zu beweisen, dass die grösste Provinz der Volksrepublik seit jeher indiskutabel ein Teil Chinas war, und dass Minoritätenprobleme, die dieses Völkergemisch von Uighuren, Kazaken, Mongolen, Tataren und Hans stellt, von der Volksrepublik ein für allemal befriedigend gelöst wurden.
2. Die wirtschaftliche Entwicklung auf dem Gebiet der Landwirtschaft wie auch der Industrialisierung ist beeindruckend. Sie darf als eigentlicher Triumph der Menschen über eine widerwärtige Natur bezeichnet werden, liegt jedoch zu 80–90% in den Händen der Chinesen die Hunderttausenden mit hartem Pioniergeist in Sinkiang im Einsatz stehen.
3. Die Minderheiten haben als Statisten wohl eine gewisse Mitsprache, die politisch allerdings kaum ins Gewicht fällt. Sie befinden sich im eisernen ideologischen Griff der Chinesen und geniessen lediglich auf kulturellem Gebiet eine gewisse ‚Narrenfreiheit‘. Bezeichnend für ihre Lage: der Tanz junger Uighuren-Mädchen, die ihre Nationaltracht tragen, nach Art der Peking-Oper geschminkt sind, nach chinesischer Choreographie tanzen und in einem alten, bearbeiteten Uighuren-Lied Mao besingen. Dass die Substanz des Kulturgutes auf diese Weise langsam zerstört wird, ist klar.
4. Die Minderheiten und vor allem die Jugend scheinen sich mit ihrem neuen Schicksal fatalistisch abgefunden zu haben. Wirtschaftlich geht es ihnen, wie allen Chinesen, wesentlich besser als vor 30 oder 40 Jahren. Die Bevölkerung macht mehrheitlich einen gesunden und zufriedenen Eindruck.
5. Die Chinesen lassen sich für den konsequent betriebenen Integrationsprozess Zeit, konzentrieren sich grosszügig auf die junge Generation und zeigen den Alten gegenüber, etwa in der Frage der Religion, dem Hauptträger des Kulturgutes (Moslems!) flexible Kompromissbereitschaft. Eine bevorstehende Kraftprobe bringt möglicherweise die beschlossene Einführung des phonetischen lateinischen Alphabets (bisher arabisch!). Dass die Chinesen der Ruhe nicht ganz trauen, belegen die starken Armee-Kontingente in der Provinz.
6. Die UdSSR versucht immer wieder, über die Grenze hinweg und unter Einsatz der gleichrassigen Minderheiten im sowjetischen Grenzgebiet in Sinkiang Unruhe zu stiften, und da die Chinesen auch Gebiete jenseits der Grenze zur UdSSR beanspruchen (‚illegale Verträge der Zaren‘) hält die Spannung in dieser Provinz an. Die Befreiungsarmee ist – auch aus diesem Grunde – in Sinkiang stark vertreten.“
Der Tod von Mao Tse-tung erfasst die ganze VR China, er hat den Charakter des Volkes geprägt und war ihm ein Wegweiser. Am 20. September 1976 schreibt Botschafter Langenbacher aus Peking betreffend „China: ‚Trauer in Kraft verwandeln‘ oder wie lange lässt sich mit der Trauer regieren?“ nach Bern:[18]
„Obwohl es noch verfrüht ist, schon heute, kurz nach Beendigung der Landestrauer, Prognosen zu stellen, so lassen sich doch gewisse Zeichen erkennen, die in die Zukunft weisen könnten.
- Die echte Trauer des Volkes wurde und wird tiefgekühlt unter Kontrolle gehalten und die Lage bewusst entdramatisiert. Spontaneität und Emotionen sollen nicht in Massenhysterie ausbrechen und zu politisch unerwünschten Situationen führen, sondern ruhig und diszipliniert zur Zementierung der ‚revolutionären Einheit‘ und zur Förderung der Produktivität eingesetzt werden. Die Massen werden im Sinne einer gedämpften Mobilisation programmiert, wobei geschickt mit der Zukunftserwartung des Volkes gespielt wird. Der ‚Mythos Mao‘ (Maoismus ohne Mao) wird sorgfältig gepflegt. Vermag er das hinterlassene riesige Vakuum zu füllen? Warnende Aufrufe, jetzt ‚nicht alte Rechnungen begleichen zu wollen‘, lassen erkennen, dass man sich der Gefahren bewusst ist, die sich aus den bestehenden bekannten Meinungsverschiedenheiten ergeben könnten, nachdem mit dem Führer und seiner Autorität auch der Lehrer und Interpret der Lehre verschwunden ist.
- Wie die Aufrufe zur Einigkeit, Disziplin und Stärkung der zentralen Führung zeigen, scheint man vorerst allseits Kontinuität und Einigung auf die Mitte unter kollektiver Führung anzustreben. De Bewahrung der Erreichten und die Verhinderung des Zerfalls scheint für die überwiegende Mehrheit das Gebot der Stunde zu sein. Beide Seiten vermeiden deshalb extreme Ausfälle; sie geben sich offenbar Rechenschaft, dass der Zeitpunkt noch nicht gekommen ist, die Entscheidung zu suchen. Es herrscht somit weiterhin ein labiles Gleichgewicht, wie es bisher von Mao zusammengehalten wurde. Die Auseinandersetzung ist damit jedoch nur aufgeschoben und dürfte nach menschlichem Ermessen auf die Dauer unvermeidbar sein. Der Kampf zur Vorbereitung und Festigung der Positionen geht weite rund viel wird davon abhängen, ob, wann und wer sich stark genug fühlt unter Anrufung der Legitimität der Nachfolge die Entscheidung zu suchen. Die Armee und die Provinzen scheinen diese Linie, wie ihre Trauerbotschaften zeigen, ebenfalls zu respektieren, wenn auch die Tonart sehr unterschiedlich ist. Auffallend ist, wie profiliert die Armee in den verschiedenen Publikationen in Erscheinung tritt. Man ist sich allseits ihrer entscheidenden Rolle bewusst.
- Angesichts dieses primär innenpolitischen Engagements dürfte die Aussenpolitik vorläufig unverändert bleiben. Die Chinesen machen uns auf diese Absicht ausdrücklich aufmerksam. Dies gilt vor allem für den ‚Glaubensstreit‘ mit der UdSSR. Die chinesischen Angriffe gehen unvermindert weiter. Auch die schroffe chinesische Rückweisung des Beileids der KPdSU weist in dieser Richtung. Nach übereinstimmender Meinung wird dieses sowjetische Beileid als ein Signal Moskaus an pro-sowjetische Kreise in China betrachtet. An der Haltung der UdSSR Botschaft gemessen, nimmt Moskau jedoch vorerst eine nichts präjudizierende Wartestellung ein. Ich erinnere bei der Gelegenheit an die von osteuropäischer Seite seit längerer Zeit schon gehörte Meinung, dass nach Maos Tod die Stunde Moskaus komme. Erst die nächste Zukunft wird zeigen, ob der chinesische Russenhass Maos fixe Idee war oder ob er eine weitere Basis hat. Schliesslich sei noch festgehalten, dass man sich in Peking Rechenschaft gibt, dass in der Entwicklung der nächsten Zukunft das Risiko einer weltweiten aussenpolitischen Schwächung Chinas liegt.
- Mao hat einmal erklärt, dass ‚ein Revolutionär nicht ernannt werden kann, sondern aus dem Kampf hervorgehen muss‘, was auch für den echten Nachfolger eines grossen Revolutionärs gelten dürfte. Die Nachfolge Maos ist noch völlig offen. Die Presse stellte bisher lediglich fest, dass ‚wertvolle Nachfolger vorhanden‘ seien – jedoch keiner, der sich aufdrängen würde und das Format Maos hätte. Die Stunde scheint einem ‚Mann der Mitte‘ günstig zu sein“.
Die diplomatischen Vertreter in Peking wussten, dass die Frage des Verhältnisses zwischen der Sowjetunion und der VR China für die internationale Politik von fundamentaler Bedeutung war. Botschafter Langenbacher unterhielt sich darüber in Peking mit westeuropäischen Botschaftern, wobei deren Interpretation der Konfliktursachen zwischen der UdSSR und der VR China zur Geltung kommt. Am 4. Oktober 1976 schreibt Botschafter Langenbacher mit Kopien an die Schweizerischen Botschaften in Moskau und Washington nach Bern:[19]
- Hiesige Beobachter sind mehrheitlich der Meinung, dass mit einer Annäherung im Sinne einer Allianz in nächster Zukunft nicht zu rechnen ist, eine langsame Normalisierung der Beziehungen indessen mit der Zeit nicht auszuschliessen ist. Welche Gründe sprechen gegen eine Annäherung?
- Der ideologische Konflikt sitzt tief. China erhebt Anspruch auf Allgemeingültigkeit seiner Auslegung des Marxismus-Leninismus.
- China lehnt den Führungsanspruch der UdSSR in der kommunistischen Welt strikte ab. Es plädiert für Gleichberechtigung. Seine Unterordnung ist unvorstellbar. Chinas Emanzipationswille ist heute stärker denn je. Andererseits erhebt es Anspruch auf seinen Modell-Charakter für die Dritte Welt (vor der es im Falle einer Schwenkung das Gesicht verlieren würde).
- Der Konflikt zwischen Ideologie und nationalen Interessen besteht weiterhin. (Gegensatz Entwicklungsland – Industriestaat). Chinesischer Nationalismus!
- Der Zündstoff der ungelösten Grenzprobleme (geopolitische Lage, Bevölkerungsdruck etc.). Die Nachbarschaft der beiden Riesenreiche führt nach den Regeln der ‚Machtphysik‘ naturgemäss zu Reibungen.
- China und UdSSR haben in Ostasien keinen gemeinsamen Feind mehr wie in früheren Jahrhunderten. Der Aufbau des chinesischen ‚Feindbildes UdSSR‘ ist indessen schon sehr weit fortgeschritten.
- Das ‚Trauma des Bruches‘ mit der UdSSR von 1960 sitzt ausserordentlich tief und ist psychologisch ebenso wenig zu unterschätzen wie das Gewicht von Maos Grundsatz ‚aus eigener Kraft‘, der auch im politischen Felde zählt.
- Wie schwierig eine Annäherung wäre, zeigt die Problematik der gegebenenfalls nötigen Abstimmung der Aussenpolitik (Koexistenz der Sowjets im Gegensatz zur anti-imperialistischen Politik Chinas, Einfluss in der Dritten Welt, Abstimmung der Politik im Pazifik, Südostasien, Indischen Ozean, Verhältnis zu Europa, Rüstung usw.). Eine Einigung scheint aus heutiger Sicht undenkbar.
- Welche Gründe führen die hiesigen Vertreter der osteuropäischen Staaten an, die angeblich für eine Annäherung sprechen?
- Das geschichtlich bedingte gute Verständnis zwischen China und UdSSR (‚special relationship‘).
- Die engere ‚politisch-geistige Verwandtschaft‘ als mit dem Westen.
- Die strategischen Vorzüge der Einheit des Weltkommunismus und die Attraktivität einer weltweiten Rollenverteilung.
- Grosse wirtschaftliche Vorteile für das Entwicklungsland China auf der Basis des devisensparenden Clearings (Industrialisierung, Rüstung!). Industrie und Streitkräfte arbeiten weitgehend noch mit sowjetischer Ausrüstung. Verminderung der Abhängigkeit von den kapitalistisch-imperialistischen ‚Erbfeinden‘.
- Sicherung der Nordgrenze, um in Ruhe seine Revolution weiterzuführen. Weniger Rüstungsausgaben.
- Die zunehmende Gefahr der Stärke der USA (Gleichgewicht der Macht!). Ein potentieller gemeinsamer Feind sei immer noch vorhanden.
Osteuropäische Kollegen geben zu, dass der Weg zur Annäherung nicht unproblematisch, jedoch mit der nötigen beidseitigen Geduld keineswegs unmöglich sei. Sie sind auch mehrheitlich der Meinung, dass eine solche Entwicklung ‚auf partnerschaftlicher Basis‘ Zeit brauche. Sie rechnen dabei, wie bereits berichtet, mit der Unterstützung von drei Gruppen von Chinesen: mit den ideologischen Anhängern, den Vertretern der Industrie, für welche die Zeit der Zusammenarbeit mit den Sowjets eine wirtschaftlich dynamische Zeit war, mit gewissen Armeekreisen, die mit sowjetischen Waffen rechnen, und den hunderttausenden, in Oststaaten ausgebildeten jungen chinesischen Akademikern.
Inzwischen gehen die chinesischen Angriffe gegen die UdSSR weiter. Vor allem Europa wird vor der militärischen Gefahr der Sowjets, der ‚Mentalität von München‘[20] und den Konsequenzen der Ausweitung des Handelns mit Osteuropa gewarnt. Aber auch die Entwicklungsländer melden eine verstärkte anti-sowjetische Aktivität der Chinesen“.
Am 2. November 1976 veröffentlichte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas eine Erklärung zur Außenpolitik der VR Chinas. Ihr Kerngehalt sind die erstmals am 31. Dezember 1953 gegenüber einer indischen Delegation von Tschou En-lai (1898–1976) vorgestellten und von Mao Tse-tung befürworteten „Fünf Prinzipien des friedlichen Zusammenlebens“, die lauten: 1. Gegenseitige Respekt der Souveränität und territorialen Integrität. 2. Gegenseitige Nichtangriffspolitik. 3. Gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten. 4. Gleichheit und gegenseitiger Nutzen. 5. Friedliches Miteinander. In einem von Tschou En-lai und 29. April 1954 Jawaharlal Nehru (1889–1964) am 29. April 1954 unterzeichneten Abkommen (Panchsheel-Abkommen) wurden diese „Fünf Prinzipien“ für die VR China und Indien, das Millionen von Menschen mit seiner Landwirtschaft ernähren muss, praktiziert. Zum 70. Jahrestag der „Fünf Prinzipien“ hat am 24. Juni 2024 Staatspräsident Xi Jinping (*1953) in der Großen Halle des Volkes in Peking am 28. Juni 2024 dazu aufgerufen, diese voranzutreiben.[21] Botschafter Langenbacher berichtet am 8. November 1976 über die chinesische Außenpolitik nach Bern.[22]
„Die Aussenpolitik Chinas vorläufig unverändert.
- Bei Umstürzen und politischen Krisen pflegt in der Regel jede Regierung aus naheliegendem Gründen sofort zu erklären, dass die Aussenpolitik unverändert bleibe. Auch China macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme.
- In einer Verlautbarung vom 2. November 1976 (siehe Beilage) teilt das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas mit, dass die Aussenpolitik unverändert von den folgenden Prinzipien bestimmt werde:
- Als Leitidee: die revolutionäre Linie und Politik Maos.
- Der proletarische Internationalismus.
- Nie Hegemonie anstreben. Nie eine Supermacht werden.
- Vereinigung mit allen marxistisch-leninistischen Parteien und Organisationen der Welt.
- Kampf gegen den modernen Revisionismus bis zum Ende.
- Gemeinsamer Kampf zur Verwirklichung des Kommunismus und der Emanzipation der gesamten Menschheit.
- Stärkung der Einheit mit dem internationalen Proletariat, den unterdrückten Nationen, den unterdrückten Völkern der Welt, den Völkern der Dritten Welt und mit allen Ländern, die Aggression, Subversion, Einmischung, Kontrolle und Einschüchterung durch Imperialismus oder Sozial-Imperialismus ausgesetzt sind. Auf diese Weise Schaffung einer weiten, einigen Front gegen den Imperialismus und vor allem den Hegemonismus der Supermächte.
- Schaffung und Entwicklung der Beziehungen mit allen Ländern auf der Basis der fünf Grundsätze der friedlichen Koexistenz.
- Diese Prinzipien lassen an Klarheit und Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig und sprechen für sich selbst. Was auffällt, ist die Betonung des weltweiten Konzepts, das auch in Publikationen der vergangenen Wochen vermehrt zum Ausdruck kommt. Es geht China offensichtlich darum, der UdSSR weiterhin die Führung streitig zu machen und durch den Wechsel ja nicht Boden zu verlieren. Die Vertreter der Dritten Welt melden in diesem Zusammenhang denn auch ihn letzter Zeit verstärkte Aktivität Chinas und machen auf die geschickte und attraktive Kombination von Aussen‑, Handels- und wirksamer Entwicklungspolitik aufmerksam, die in der Dritten Welt zunehmend Erfolge zeitigt.
- Auch die Aussenpolitik war in den vergangenen Monaten Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen Radikalen und Gemässigten, insbesondere die Mao am Herzen liegende Unabhängigkeit Chinas vom Ausland, eine Forderung, die dem Volke – etwa im Zusammenhang mit der Beschaffung ausländischer Technologie – immer wieder eingehämmert wurde.“
Die Regierung muss in der Aussenpolitik wie auf anderen Gebieten den Eindruck erhalten, sie respektiere Maos Direktiven strikt und schreite auf dem vom Lehrmeister vorgezeichneten Weg unentwegt weiter. Diese Absicht kommt auch in der zitierten Regierungserklärung zum Ausdruck. Allfällige Kursänderungen können nur mit aller Vorsicht und nach politisch-psychologischer Vorbereitung vollzogen werden. Nuancen in der Interpretation lassen sich bereits inbezug auf die Öffnung Chinas zur Welt im Aussenhandel erkennen.
[1] Hermann Klenner: Marxismus und Menschenrechte. Studien zur Rechtsphilosophie. Anhang: Menschenrechtskataloge aus Vergangenheit und Gegenwart. Akademie Verlag Berlin 1982, S. 14.
[2] Jean Ziegler: Die Schweiz, das Gold und die Toten. C. Bertelsmann Verlag München, 1. A. 1997, S.25.
[3] Verlag für Fremdsprachige Literatur Peking 1967. Druck und Verlag in der Volksrepublik China; Das Rote Buch. Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung. Eingeleitet und herausgegeben von Tilemann Grimm. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt a. Main 1967, 1969; Alexander V. Pantsov in Zusammenarbeit mit Steven I. Levine.: Mao. Die Biographie. Zur Erinnerung an meinen Großvater Georgii Borisovich Ehrenburg (1902–1967) – ein russischer Sinologe, einer der ersten Biographen Mao Zedongs und ein Autor, dessen Werke mich sehr inspiriert haben. Alexander V. Pansov. S. Fischer Frankfurt a. M. 2013/2014 (Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff); Sabine Dabringhaus: Mao Zedong. Verlag C. H. Beck München 2008.
[4] Vgl. Gerhard Oberkofler: Konrad Farner. Vom Denken und Handeln des Schweizer Marxisten. StudienVerlag Innsbruck/Wien/Bozen 2918, hier S. 276–281.
[5] Roland Felber: Zur Interpretation der chinesischen Zeitgeschichte. In: Unbewältigte Vergangenheit. Kritik der bürgerlichen Geschichtsschreibung in der BRD. Herausgeberkollektiv Gerhard Lozek (Leiter), Werner Berthold, Heinz Heitzer, Helmut Meier, Walter Schmidt. 3., neu bearbeitet und erweiterte Auflage. Akademie Verlag Berlin 1977, S. 422–435.
[6] Noam Chomsky: Weil wir es so sagen. Texte gegen die amerikanische Weltherrschaft im 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Gregors Kneussel. Promedia Verlag Wien 2015, S. 117
[7] Konrad Farner / Theodor Pinkus: Der Weg des Sozialismus. Quellen und Dokumente 1891–1962. Rowohlt Taschenbuch Reinbek bei Hamburg 1964, S. 280–289; Hermann Klenner, Marxismus und Menschenrechte, S. 357–359 (Volksrepublik China. Verfassung vom 20. September 1954. Auszug), S. 359–361 (Verfassung der Volksrepublik China vom 17. Januar 1975. Auszug).
[8] Max Frisch: Forderungen des Tages. Porträts, Skizzen, Reeden 1943–1982. Hg. von Walter Schmitz. Suhrkamp Taschenbuchverlag Frankfurt a. M. 1983, S. S. 283.
[9] Sergio Centofanti und P. Bernd Hagenkord SJ – Vatikanstadt: Dialog mit China: Es gibt keinen Zauberstab – Vatican News
[10] Rossana Rossanda: Über die Dialektik von Kontinuität und Bruch. Zur Kritik revolutionärer Erfahrungen – Italien, Frankreich, Sowjetunion, Polen, China, Chile. Ins Deutsche übersetzt von Burkhart Kroeber. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1. A. 1975, hier S. 99–107; Rossana Rossanda. Die Tochter des 20. Jahrhunderts. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Maja Pflug. Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M. 2007.
[11] Vgl. Enrico Berlinguer: Die internationale Politik der italienischen Kommunisten. Reden und Schriften 1975/76. Herausgegeben von Antonio Tatò. Mit einer Einleitung von Wolfgang Leonhard. Klett-Cotta Verlag Stuttgart 1978.
[12] Timeline: 75 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Schweiz und China – SWI swissinfo.ch
[13] China vor 50 Jahren. – Zeitung der Arbeit
[14] E. S. Varga: Ausgewählte Schriften 1918 – 1964. Dritter Band: Der Kapitalismus nach dem zweiten Weltkrieg. Zweite, überarbeitete Auflage mit erweiterter Bibliographie. Pahl-Rugenstein Verlag Köln 1982, S. 166 f.; Jürgen Kuczynski war Schüler und Freund von Eugen Varga und hat u. a. im Neuen Deutschland (4./5. November 1989) ihn als „Lehrer mit Mut und Zivilcourage“ gewürdigt.
[15] Fidel Castro, Mein Leben. Fidel Castro mit Ignacio Ramonet. Asus dem Spanischen von Barbara Köhler. Rotbuch Verlag Berlin 2008, S. 647.
[16] Für die freundliche Vermittlung der Berichte des Schweizerischen Botschafters in Peking aus dem Schweizerischen Bundesarchiv Bern danke ich Herrn Remo Althaus, Fachspezialist Bereitstellung.
[17] Schweizerische Botschaft in China, Peking, Sanlitun Dongwujie No.3, den 10. September 1976. RP Nr. 51-LB/we. Vertraulich. Unterstreichungen im Original. Maschineschrift, eigenhändige Unterschrift Langenbacher. Wie A. 13.
[18] Schweizerische Botschaft in China, Peking, Sanlitun Dongwujie Nr. 3, den 20. September 1976, PB Nr. 54-LB/we. Vertraulich. Unterstreichungen im Original. Maschineschrift, eigenhändige Unterschrift Langenbacher. Wie A. 13.
[19] Schweizerische Botschaft in China, Peking, Sanlitun Dongwujie No. 3, den 4. Oktober 1976, PB Nr. 55- LB/w. Vertraulich. Unterstreichungen im Original. Maschineschrift, eigenhändige Unterschrift Langenbacher. Wie A. 13.
[20] Bezugnahme auf das Treffen am 29. September 1938 in München von Adolf Hitler, Benito Mussolini, Houston Stewart Chamberlain und Edouard Daladier mit dem Vertrag, der Deutschland tschechoslowakische Grenzgebiete zusprach und ein Ultimatum an die tschechoslowakische Regierung in Prag stellte. Dass diese Repräsentanten ihrer Staaten nicht am Frieden interessiert waren, ist offenkundig und deshalb wird gelegentlich von der „Mentalität von München“ gesprochen.
[21] Xi ruft dazu auf, Fünf Prinzipien der Friedlichen Koexistenz voranzutreiben – Xinhua | German.news.cn
[22] Schweizerische Botschaft in China, Peking, Sanlitun Dongwujie No. 3, den 8. November 1976, PB Nr. 62 – LB/we. Vertraulich. Unterstreichungen im Original. Maschineschrift. Eigenhändige Unterschrift Langenbacher. Wie A. 13.



















































































