Während der Genozid und die humanitäre Krise im Gazastreifen andauern, gerät auch das internationale Hilfssystem in Bewegung. Ein Report von Infocooperazione beschreibt, wie langjährige Organisationen unter Druck geraten – und neue, politisch angepasste Akteure an ihre Stelle treten.
Seit Ende Februar stehen 37 im Gazastreifen tätige Organisationen vor dem Aus. Betroffen sind laut einem dokumentierten Bericht von Infocooperazione – einer Plattform der internationalen Zusammenarbeit – nahezu alle großen internationalen NGOs außerhalb des UN-Systems. Der Grund: Sie weigern sich, sich einem neuen israelischen Registrierungsgesetz zu unterwerfen.
Hilfsorganisationen unter Druck
Der Bericht beschreibt die Entwicklung in deutlichen Worten: „Während in Gaza die Bombardierungen andauern und sich eine der schwersten humanitären Krisen der letzten Jahrzehnte hinzieht, erlebt das Hilfssystem eine tiefgreifende und kontroverse Umgestaltung.“
Zu den Organisationen, denen ein Verbot droht, zählen unter anderem Médecins Sans Frontières, der Norwegian Refugee Council, Mercy Corps, Medical Aid for Palestinians, Oxfam sowie das traditionsreiche American Friends Service Committee, das seit 1948 in Gaza tätig ist.
Diese Organisationen verbanden operative Hilfe mit öffentlicher Stellungnahme. Sie dokumentierten Einschränkungen beim humanitären Zugang und kritisierten wiederholt militärische Maßnahmen. Genau diese Rolle scheint nun zum Problem zu werden. Nach Darstellung des Reports öffnen die Restriktionen den Raum für neue Akteure, die bereit sind, Bedingungen zu akzeptieren, „welche die Unabhängigkeit humanitärer Arbeit und die Möglichkeit zur öffentlichen Anklage stark einschränken“.
Ein neues, kontrollierbares Hilfsnetz
Parallel zum Rückzug etablierter Organisationen wächst ein neues Netzwerk „autorisierter“ NGOs. Mehrere humanitäre Helfer sprechen laut Bericht von einer gezielten Strategie: Ziel sei es, „ein paralleles, besser kontrollierbares Hilfssystem zu schaffen“, in dem die Akteure politisch leichter steuerbar seien und öffentliche Kritik vermeiden.
Eine Untersuchung von The New Humanitarian bestätigt diese Tendenz. Demnach verzichten die derzeit bevorzugten Organisationen weitgehend auf öffentliche Bewertungen des israelischen Militäreinsatzes in Gaza. Einige Verantwortliche hätten sogar offizielle Narrative übernommen, etwa die Zurückweisung einer Hungersnot – trotz gegenteiliger Einschätzungen internationaler Gremien.
Als Beispiel nennt der Report das Netzwerk Helping Hand Global Forum, dem unter anderem Global Aid Network und Fundacja Czas Wolnosci angehören. Nach UN-Daten hätten diese Organisationen nach dem Waffenstillstand 2025 Hunderte von Lastwagen mit Hilfsgütern nach Gaza gebracht und gehörten damit zu den wichtigsten nicht dem UN-System zugehörigen Anbietern.
Spenden gingen an Kriegsverbrecher
Zugleich verweist der Bericht auf umstrittene Verbindungen: Dokumente und öffentliche Mitteilungen zeigten, dass Organisationen aus diesem Netzwerk Ausrüstung an israelische Streitkräfte gespendet hätten, darunter auch an Einheiten, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Zudem seien Güter an israelische Siedlungen im Westjordanland geliefert worden. Vertreter derselben Gruppen seien außerdem an Verteilstellen der Gaza Humanitarian Foundation fotografiert worden – einem militarisierten Verteilungssystem, das von den USA und Israel unterstützt wird. Zwischen Mai und September 2025 wurden an solchen Standorten über 1.100 Palästinenserinnen und Palästinenser während Hilfsverteilungen getötet, was international scharfe Kritik ausgelöst habe.
Zu den neu zugelassenen Organisationen zählt auch die The Sumner Foundation. Bis 2025 war sie kaum bekannt. Geleitet wird sie von einem Unternehmer mit Interessen im Sicherheits- und Verteidigungssektor. Laut Report weitete die Stiftung ihre Aktivitäten in Gaza rasch aus, bot Gesundheits- und Logistikprojekte an, ließ jedoch Fragen zur Transparenz ihrer Finanzierung offen. Im Vorstand sitzen ehemalige britische und US-Militärangehörige sowie eine israelische Unternehmerin aus dem Verteidigungsbereich.
Infocooperazione kommt zu einem grundsätzlichen Befund: Die Entwicklung gehe „über eine bloße operative Neuordnung hinaus“ und stelle den Versuch dar, „die Rolle humanitärer Hilfe selbst neu zu definieren“. Der Bericht spricht von einem „humanitären Tarnmanöver“, bei dem der Zugang zu lebensnotwendiger Hilfe zu einem Instrument politischer und militärischer Kontrolle werde.
Selbst Organisationen, die sich den neuen Bedingungen anpassen, seien weiterhin von Blockaden und Einschränkungen betroffen. Konformität garantiere weder Stabilität noch dauerhaften Zugang. Das Hilfssystem in Gaza steht damit nicht nur vor logistischer, sondern auch vor politischer Neuordnung – mit weitreichenden Folgen für seine Unabhängigkeit.
Quelle: l‘Unità




















































































