Wien. Der aktuelle Bericht der Anti-Rassismus-Beratungsstelle ZARA kann auf den ersten Blick als vorsichtig positive Nachricht verstanden werden: 1.539 gemeldete rassistische Vorfälle im Jahr 2025, ein Rückgang um 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch wer genauer hinsieht, erkennt schnell, dass diese Zahl keine Entwarnung ist – sondern vielmehr ein Spiegel struktureller Probleme, die tief im kapitalistischen System verankert sind.
Zahlen, die mehr verschleiern als erklären
Ein „Rückgang“ klingt nach Fortschritt. Doch gleichzeitig zeigt der Bericht eine massive Verschiebung: 47 Prozent der Meldungen stammen mittlerweile von Betroffenen selbst – mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Das bedeutet nicht weniger Rassismus, sondern eher, dass Betroffene zunehmend gezwungen sind, selbst aktiv zu werden, weil institutionelle Schutzmechanismen versagen oder gar nicht greifen.
Dass weiterhin über die Hälfte der Vorfälle (56 Prozent) im digitalen Raum stattfinden, ist kein Zufall. Plattformökonomien, die auf Aufmerksamkeit und Profitmaximierung beruhen, fördern polarisierende und diskriminierende Inhalte systematisch. Hass wird nicht trotz, sondern oft wegen seiner Reichweite toleriert – weil er Klicks bringt. Der Kapitalismus externalisiert die sozialen Kosten von Rassismus, während er gleichzeitig von der Empörungsökonomie profitiert.
Staatliche Institutionen als Teil des Problems
Besonders alarmierend ist, dass ein signifikanter Anteil der Vorfälle auf staatliche Akteurinnen und Akteure entfällt: acht Prozent durch Behörden, sieben Prozent durch die Polizei. Dass in nur 13 von 61 Fällen rassistischer Polizeigewalt formale Beschwerden eingebracht wurden, zeigt nicht Vertrauen in den Rechtsstaat, sondern dessen Grenzen. Wer Diskriminierung durch jene erlebt, die eigentlich Schutz garantieren sollten, steht vor einer strukturellen Machtasymmetrie.
Diese Zahlen legen nahe, dass Rassismus nicht bloß ein individuelles Fehlverhalten ist, sondern institutionell reproduziert wird. In einem System, das auf Kontrolle, Effizienz und Hierarchie ausgerichtet ist, geraten marginalisierte Gruppen besonders schnell ins Visier. Der Staat agiert hier nicht neutral, sondern als verlängerter Arm gesellschaftlicher Machtverhältnisse.
Bildungssystem: Reproduktion sozialer Ungleichheit
Der Schwerpunkt des Berichts – Rassismus im Bildungsbereich – legt ein weiteres strukturelles Problem offen. 96 dokumentierte Fälle mögen zunächst gering erscheinen, doch die Hinweise auf eine hohe Dunkelziffer sind eindeutig. Schülerinnen und Schüler fürchten Konsequenzen, wenn sie Diskriminierung melden: schlechtere Noten, subtile Sanktionen oder soziale Ausgrenzung.
Hier zeigt sich besonders deutlich, wie das Bildungssystem im Kapitalismus funktioniert: Es ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch der Selektion. Wer bereits benachteiligt ist, trägt ein höheres Risiko, durch Beschwerden zusätzliche Nachteile zu erleiden. Leistung wird dabei oft als objektives Kriterium dargestellt, verschleiert aber soziale Ungleichheiten und strukturelle Diskriminierung.
Wenn Kinder und Jugendliche lernen, dass sie sich gegen Ungerechtigkeit besser nicht wehren, weil es ihnen schaden könnte, dann ist das kein individuelles Problem – sondern ein systemisches Versagen.
Rassismus als funktionaler Bestandteil kapitalistischer Verhältnisse
Rassismus ist im Kapitalismus kein „Betriebsunfall“, sondern erfüllt konkrete Funktionen. Er spaltet die arbeitende Bevölkerung, schafft Hierarchien und legitimiert Ungleichheit. Migrantinnen und Migranten oder Menschen mit zugeschriebenem „Anderssein“ werden oft in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt, schlechter bezahlt und politisch marginalisiert. Diese Spaltung verhindert kollektiven Widerstand gegen Ausbeutung.
Auch im Alltag zeigt sich diese Logik: Wer diskriminiert wird, hat weniger Zugang zu Bildung, Jobs oder Wohnraum – und wird so in eine Position gedrängt, die ökonomisch verwertbar bleibt. Rassismus stabilisiert somit bestehende Macht- und Besitzverhältnisse.
Kein Grund zur Entwarnung
Der Zara-Bericht zeigt nicht weniger Rassismus, sondern ein System, das weiterhin Diskriminierung produziert und oft nicht ausreichend sanktioniert. Der scheinbare Rückgang der Zahlen darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Verantwortung zunehmend auf die Betroffenen verlagert – während strukturelle Ursachen unangetastet bleiben.
Wer Rassismus ernsthaft bekämpfen will, muss daher mehr tun, als Einzelfälle zu dokumentieren. Es braucht eine grundlegende Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, die Diskriminierung hervorbringen und aufrechterhalten. Ohne diese Perspektive bleibt jede Statistik nur ein Symptom – und keine Lösung.
Quelle: Der Standard

















































































