„Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert, und Tage, in denen Jahrzehnte passieren.“ Kaum ein Satz beschreibt die Lage Venezuelas treffender als dieser. Seit der militärischen Intervention der USA am 3. Januar und der Entführung des gewählten Präsidenten Nicolás Maduro nach New York hat sich die politische Realität des Landes grundlegend verändert.
Die Operation verlief schnell und ohne ernsthaften Widerstand. Innerhalb weniger Stunden wurde die staatliche Führung ausgeschaltet, ohne dass die venezolanischen Streitkräfte reagierten. Die vielbeschworene Verteidigungsfähigkeit erwies sich als leere Hülle.
Trotz dieser Intervention kam es nicht zu dem von Teilen der Opposition erhofften Machtwechsel. Stattdessen übernahm Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Regierungsgeschäfte – unter Bedingungen, die von Anfang an durch massiven Druck aus Washington geprägt waren.
Washingtons Favoritin: Rodríguez statt Opposition
Bereits am Tag der Intervention machte US-Präsident Donald Trump deutlich, auf wen Washington setzt. In einer Pressekonferenz erklärte er: „Wir haben gerade ein Gespräch mit ihr geführt, und sie ist im Grunde bereit, das zu tun, was wir für notwendig halten, um Venezuela wieder groß zu machen, ganz einfach.“
Diese Aussage steht in auffälligem Kontrast zu Trumps demonstrativ abfälligem Ton gegenüber der rechten Oppositionspolitikerin María Corina Machado, der er zwar Höflichkeit, aber keinerlei politische Unterstützung zusprach.
Die politische Botschaft war eindeutig: Nicht die offen pro-westliche Opposition, sondern die amtierende Regierung unter Rodríguez gilt als verlässlicher Partner – sofern sie bereit ist, „das Notwendige“ zu tun.
Noch am selben Tag schlug Rodríguez einen „Kooperationskurs“ mit den USA vor. Anstelle einer klaren Verurteilung des Angriffs dominierte eine auffallend versöhnliche Sprache, die auf Zusammenarbeit, Stabilität und gemeinsame Entwicklung abzielte.
Schnelle Zugeständnisse: Öl, Diplomatie und politische Öffnung
Unmittelbar nach der Intervention wurden zentrale Forderungen Washingtons umgesetzt. Die US-Botschaft in Caracas wurde wiedereröffnet, politische Gefangene freigelassen und umfangreiche Öl-Lieferungen in Aussicht gestellt.
Berichten zufolge geht es um 30 bis 50 Millionen Barrel Öl – ein Volumen im Wert von mehreren Milliarden Dollar. Gleichzeitig erklärte die Führung der regierenden Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas (PSUV), Venezuela sei offen für „für beide Seiten vorteilhafte“ Energiekooperationen.
Wie genau dieser Vorteil für die venezolanische Bevölkerung aussieht, bleibt unklar.
Die US-Seite zeigte sich hingegen zufrieden. Trump erklärte wenige Tage später, die Zusammenarbeit verlaufe erfolgreich, und verwies darauf, dass eine zweite Angriffswelle ausgesetzt worden sei – ein deutlicher Hinweis auf das Kräfteverhältnis.
Rätselhafte Passivität des Staatsapparats
Die Entführung Maduros durch die USA warf zudem zahlreiche Fragen auf:
- Wie konnte eine ausländische Militäraktion ohne nennenswerten Widerstand ablaufen?
- Warum wurden Luftabwehrsysteme nicht aktiviert?
- Weshalb verfügten die Angreifer über präzise Informationen zu Aufenthaltsort und Bewegungen der Staatsführung?
- Warum reagierten Geheimdienste und Sicherheitskräfte nicht rechtzeitig?
Diese Fragen führen zwangsläufig zu einer weiteren: Welche Absprachen existierten bereits vor dem 3. Januar zwischen Teilen der Staatsführung und den USA?
Schon unmittelbar nach der Entführung Maduros wurde unter anderem auf intransparente Verhandlungen gesetzt. Insbesondere im Energiesektor, wo die Verhandlungen unter dem Deckmantel von Sondergesetzen geführt worden seien. Jetzt, fast 3 Monate nach diesen Ereignissen und einer Neubesetzung der Militärführung sowie der Neubesetzung von verschiedenen Regierungsposten, wird immer deutlicher, dass es im Vorfeld wohl Absprachen mit den USA von Teilen der Regierungspartei gab.
Außenpolitische Verschiebung und strategische Neuorientierung
Die politische Anpassung zeigt sich nicht nur im Verhältnis zu den USA, sondern auch in der internationalen Positionierung Venezuelas.
Bei internationalen Konflikten vermeidet die Regierung zunehmend klare antiimperialistische Positionen. Selbst bei militärischen Eskalationen, etwa im Nahen Osten, bleiben Stellungnahmen vage und vermeiden die Benennung der Hauptverantwortlichen.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel liefert ein internationales Investorenforum in Miami, organisiert unter Beteiligung saudischer Staatsfonds. Dort trat Präsidentin Delcy Rodríguez per Video auf – da sie selbst aufgrund von US-Sanktionen nicht einreisen darf – und präsentierte Venezuela offensiv als „sicheren Investitionsstandort“. Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Inhalt ihrer Rede, sondern auch das, was sie bewusst ausklammerte: Die Entführung von Nicolás Maduro, die von der eigenen Regierung als Akt der Aggression bezeichnet wird, blieb vollständig unerwähnt.
Öffnung für internationales Kapital
Grundlage dafür ist eine Reform der Erdölgesetzgebung, die internationalen Konzernen weitreichenden Zugang zu den venezolanischen Ressourcen ermöglicht.
Parallel dazu wurden Exportkanäle für Rohstoffe in die USA wieder geöffnet. Währenddessen bleiben Handelsbeziehungen zu traditionellen Partnern eingeschränkt oder unterbrochen.
Stattdessen richtete Rodriguez auf besagter Konferenz in Miami ihre Botschaft gezielt an internationale Energiekonzerne und Finanzakteure. Sie betonte die Schaffung stabiler Rahmenbedingungen, die unabhängig von politischen Veränderungen Investitionssicherheit garantieren sollen. Grundlage dafür ist die jüngst verabschiedete Reform der venezolanischen Hydrokarbongesetzgebung, die den Einfluss ausländischer Unternehmen auf die Ölproduktion erheblich ausweitet.
Parallel dazu fand nahezu zeitgleich mit dem Miami-Forum die weltweit bedeutende Energiekonferenz CERAWeek in Houston statt. Auch dort wurde Venezuela thematisiert – allerdings aus einer anderen politischen Perspektive. Die rechte Oppositionspolitikerin María Corina Machado versprach vor internationalem Publikum eine vollständige Öffnung der Ölreserven für privates Kapital sowie den Rückzug des Staates aus der Produktion zugunsten einer reinen Regulierungsfunktion.
Diese parallelen Auftritte verdeutlichen, dass unterschiedliche politische Lager in Venezuela – trotz ihrer Gegensätze – in zentralen wirtschaftspolitischen Fragen eine ähnliche Stoßrichtung verfolgen: die verstärkte Integration des Landes in globale Kapitalstrukturen und die Öffnung strategischer Ressourcen.
Zugleich zeigt sich, dass diese Entwicklung auf Skepsis selbst unter Teilen des internationalen Kapitals stößt. Berichten zufolge äußerten einzelne Investoren Zweifel an der tatsächlichen Stabilität und Verlässlichkeit der neuen Rahmenbedingungen.
Quelle: Tribuna Popular/Haber soL/Global Bridge






















































































