Seit mehreren Tagen stehen auf Zypern die Räder still. Die Fahrer der Lieferplattform Wolt befinden sich im Streik – mit breiter Beteiligung, wachsender Entschlossenheit und trotz massiven Drucks von Unternehmensseite. Was sich derzeit in Städten wie Nikosia, Limassol und Larnaka abspielt, ist mehr als ein betrieblicher Konflikt: Es ist ein exemplarischer Arbeitskampf in der digitalen Plattformökonomie Europas.
Vom „flexiblen Job“ zur prekären Realität
Bereits im Sommer 2025 hatten Beschäftigte gegen drastische Verschlechterungen protestiert. Damals stand vor allem eine Kürzung der Mindestvergütung im Zentrum – von zwei Euro auf 1,10 Euro pro Lieferung. Doch die aktuellen Streiks zeigen: Die Probleme reichen tiefer.
Fahrerinnen und Fahrer berichten von langen Arbeitstagen, unbezahlten Wartezeiten und Einkommen, die oft nicht einmal die Betriebskosten decken. Benzin, Wartung, Risiko – all das tragen die Zustellerinnen und Zusteller selbst. Viele steigen inzwischen notgedrungen auf Fahrräder um und legen täglich Dutzende Kilometer zurück, um überhaupt ein minimales Einkommen zu erzielen.
Das Geschäftsmodell basiert dabei auf formaler Selbstständigkeit. Die große Mehrheit der Fahrerinnen und Fahrer gilt nicht als angestellt, sondern als „unabhängige Partnerinnen und Partner“. In der Praxis bedeutet das: keine garantierten Einkommen, kein bezahlter Krankenstand, keine soziale Absicherung. Gleichzeitig üben algorithmische Bewertungssysteme und Kundenratings erheblichen Druck aus – bis hin zur faktischen „Kündigung“ bei schlechten Bewertungen.
Subunternehmen und rechtliche Grauzonen
Ein zentrales Element der Kritik ist der Einsatz von Subunternehmen. Fahrerinnen und Fahrer berichten von unbezahlter Mehrarbeit, illegalen Arbeitszeiten und Lohnabzügen von bis zu 30 Prozent durch Zwischenfirmen. Gerichtliche Entscheidungen – etwa in Griechenland – haben in einzelnen Fällen bereits festgestellt, dass solche Konstruktionen Scheinselbstständigkeit verschleiern und die Fahrerinnen und Fahrer de facto Beschäftigte des Plattformunternehmens sind.
Auch auf Zypern ist dieses Modell weit verbreitet. Schätzungen zufolge arbeitet ein erheblicher Teil der Zustellerinnen und Zusteller über solche Konstruktionen – oft ohne realistische Möglichkeit, ihre Rechte einzuklagen. Besonders betroffen sind migrantische Arbeiterinnen und Arbeiter, die einen großen Teil der Belegschaft stellen und sich in einer besonders verletzlichen Lage befinden.
Eskalation: Einschüchterung und Gewalt
Der aktuelle Streik hat eine neue Qualität erreicht. Fahrerinnen und Fahrer berichten von Drohungen durch das Unternehmen und – besonders schwerwiegend – von gewaltsamen Angriffen durch faschistische Schlägertrupps am ersten Streiktag. Streikende wurden mit Stangen und Brecheisen attackiert, verletzt und ihre Fahrzeuge beschädigt.
Ebenso brisant sind Vorwürfe gegen staatliche Behörden: Anzeigen der Arbeiterinnen und Arbeiter wurden ignoriert, stattdessen gab es sogar Drohungen, migrantische Beschäftigte auszuweisen. Diese Vorwürfe lassen tief blicken – nicht nur über die Arbeitsbedingungen, sondern zeigen in aller Deutlichkeit den Klassencharakter des bürgerlichen Staates.
Kollektive Organisierung gegen ein fragmentiertes System
Trotz – oder gerade wegen – dieser Bedingungen zeigt der Streik eine bemerkenswerte Dynamik. Die Beteiligung ist hoch, die Aktionen dauern an, und selbst Schließungen des sogenannten „Wolt Markets“ konnte durchgesetzt werden.
Unterstützung kommt vom Gesamtzyprischen Gewerkschaftsbund (PEO) sowie von politischen Organisationen, darunter die Kommunistische Initiative Zyperns und die Kommunistische Partei Griechenlands. Auch der Austausch mit Fahrern und Gewerkschaftern aus Griechenland spielt eine Rolle: Erfahrungen aus früheren Arbeitskämpfen werden weitergegeben, internationale Solidarität konkretisiert sich. Kader beider Organisationen beteiligen sich am Streik und an Kundgebungen und tragen zur politischen und organisatorischen Vernetzung bei.
Im Zentrum stehen klare Forderungen:
- existenzsichernde Bezahlung pro Lieferung
- Vergütung von Wartezeiten
- Übernahme von Betriebskosten
- Schutz vor willkürlichen Sperren und Repression
- sowie vor allem: stabile Arbeitsverhältnisse und kollektive Verträge
Ein Treffen zwischen einer Delegation der Fahrerinnen und Fahrer gemeinsam mit PEO und der mit der Unternehmensseite fand zwar statt, jedoch unter dem Druck des Streiks selbst. Bei dem Treffen übergaben die Streikenden ihre Forderungen an Wolt. Konkrete Zusagen gab es keine. Ein nächstes Treffen wurde für den 26. März vereinbart.
Quelle: 902.gr/902.gr/902.gr/902.gr/in


















































































