Wien. Die reichsten zehn Prozent halten mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens, die ärmeren 50 Prozent dürfen sich mit vier Prozent begnügen, das zeigt nun auch eine Studie der österreichischen Nationalbank (OeNB). Anders gesagt: Die Mehrheit besitzt fast nichts, während eine kleine Minderheit alles hat – kapitalistische Normalität in Reinform. Dass sich die Schere „zumindest nicht weiter geöffnet“ habe, wird dabei gleich als beruhigende Botschaft verkauft. Stillstand auf hohem Ungleichheitsniveau gilt offenbar schon als sozialpolitischer Erfolg.
Martin Kocher verweist routiniert auf soziale Netze und das öffentliche Pensionssystem, die Nachteile eines geringen Vermögens „abfedern“ würden. Übersetzt heißt das: Wer nichts besitzt, soll sich mit der Hoffnung auf künftige Sozialleistungen trösten, während die Vermögenden ungestört weiter anhäufen. Das System ist also so konstruiert, dass es Armut abmildert, ohne den Reichtum anzutasten – ein Klassenkompromiss zugunsten des Kapitals.
Die Studie zeigt auch, dass rund die Hälfte der Menschen im Eigenheim lebt und 80 Prozent ein Auto besitzen. Das klingt nach Wohlstand für alle, verschleiert aber die Realität der Verschuldung: Ein Drittel der Haushalte lebt mit Schulden, meist abgesichert durch die eigene Wohnung. Das Eigenheim ist für viele längst kein Ausdruck von Reichtum mehr, sondern eine lebenslange Hypothek. Besitz auf Pump ist die bürgerliche Version von Sicherheit.
Besonders ernüchternd ist auch der Blick auf die Geschlechterverhältnisse. Martin Schürz stellt fest, dass Frauen nicht nur weniger verdienen, sondern auch weniger besitzen. Patriarchat und Kapitalismus reichen sich hier die Hand: Niedrigere Löhne, Teilzeit, unbezahlte Reproduktionsarbeit – und am Ende auch noch geringeres Vermögen. Die ökonomische Abhängigkeit ist damit zementiert.
Während die unteren Schichten jeden Euro zweimal umdrehen, erreichen die Finanzanlagen der Haushalte neue Rekordwerte. 2024 flossen 79 Prozent der nicht konsumierten Mittel in Finanzinvestitionen, insgesamt hortet der heimische Haushaltssektor mittlerweile 936,7 Milliarden Euro an Finanzvermögen.
Die bürgerliche Erzählung lautet: Österreich ist stabil, die Ungleichheit steigt nicht weiter, die Haushalte sparen fleißig. Ehrlicher wäre: Dieses Land ist reich – aber der Reichtum gehört nicht denen, die ihn erarbeiten. Die „hohe Sparquote“ ist für viele nichts anderes als erzwungener Konsumverzicht, während sich das Kapital in immer neue Finanzprodukte flüchtet.
Am Ende bleibt die zentrale Botschaft der Studie unbeabsichtigt klar: Der Kapitalismus funktioniert. Er sorgt zuverlässig dafür, dass Reichtum oben konzentriert bleibt, Abhängigkeit unten verwaltet wird und Ungleichheit als bloße statistische Konstante erscheint. Wer daraus soziale Fairness herausliest, muss entweder sehr naiv – oder zynisch sein.
Quelle: ORF



















































































