Nun wird auch das letzte Stück Papier entsorgt: Der Reisepass zieht ins Smartphone ein. Ab 2027 soll mit der sogenannten EUDI-Wallet die digitale Identität aller Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union Realität werden. Reisepass, Führerschein, Ausweis – alles in einer App. Was als Fortschritt verkauft wird, ist in Wahrheit der nächste Schritt in Richtung totaler Durchdigitalisierung des Alltags.
Natürlich heißt es, alles diene der „Vereinfachung“. Schneller einchecken, leichter identifizieren, weniger Bürokratie. Wer könnte schon etwas dagegen haben? Die Antwort ist einfach: alle, die verstehen, dass Bequemlichkeit im Kapitalismus nie kostenlos ist.
Die EUDI-Wallet wird als digitale Brieftasche präsentiert, die das Leben erleichtert. Behördenwege, Vertragsabschlüsse, Altersnachweise – alles soll künftig digital abgewickelt werden. Der analoge Reisepass bleibt vorerst bestehen, aber nur so lange, bis die digitale Lösung ausreichend „akzeptiert“ ist.
Identität als Infrastruktur – und als Ware
Die EUDI-Wallet ist keine neutrale technische Spielerei. Sie ist Infrastruktur. Und Infrastruktur bedeutet im Kapitalismus immer auch Macht und Geschäft. Über 100 Unternehmen arbeiten bereits daran, Anwendungen zu entwickeln. Warum wohl?
Weil digitale Identität der Schlüssel zu allem ist: Zugang zu Dienstleistungen, Vertragsabschlüsse, Zahlungsströme, Bewegungsprofile. Wer die Schnittstellen kontrolliert, kontrolliert das Leben selbst.
Offiziell bleibt alles dezentral, verschlüsselt und sicher. Natürlich. Genau wie jede andere digitale Großlösung, die später von Datenlecks, Sicherheitslücken oder „unerwarteten Nutzungsmöglichkeiten“ eingeholt wird. Entscheidend ist nicht, was technisch versprochen wird, sondern was politisch möglich gemacht wird. Und möglich wird vieles.
Freiwillig – bis es nicht mehr freiwillig ist
Noch heißt es, der analoge Reisepass bleibe bestehen. Noch. Doch die Logik ist bekannt: Erst kommt die Option, dann die Erwartung, dann die Notwendigkeit. Wer sich nicht anpasst, bleibt außen vor.
Wer kein Smartphone hat, hat ein Problem. Wer keines nutzen will, ebenfalls. Wer sich dem System entzieht, wird nicht mehr „frei“, sondern schlicht ausgeschlossen sein – von Behördenwegen, Dienstleistungen, möglicherweise sogar von grundlegenden gesellschaftlichen Funktionen.
Die viel beschworene „Selbstbestimmung“ endet dort, wo die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben an digitale Systeme gebunden wird.
Mangelndes Vertrauen als Hürde
Noch allerdings hapert es an einem entscheidenden Punkt: dem Vertrauen. Laut Umfragen hat die Mehrheit der Bevölkerung noch nie von der EUDI-Wallet gehört oder versteht sie nicht. Nur ein Bruchteil kann das Konzept erklären.
Das wird von Branchenvertretern nicht als Problem des Projekts gesehen, sondern als Problem der Kommunikation. Gefordert wird daher keine Debatte, sondern eine „Aufklärungskampagne“. Die Richtung ist klar: Nicht das System soll sich erklären müssen, sondern die Bevölkerung soll lernen, es zu akzeptieren.
Dass Datenschützer vor Risiken warnen, ist dabei nur eine Randnotiz wert. Die Speicherung sensibler Daten am Smartphone, mögliche Sicherheitslücken, Abhängigkeit von Geräten und Infrastruktur – all das sind keine theoretischen Fragen.
Offiziell wird betont, dass keine zentrale Vollspeicherung vorgesehen sei und die Daten verschlüsselt auf den Geräten liegen. Doch die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Wer definiert die Regeln des Systems, wer kontrolliert die Standards und wer hat Zugriff auf die Infrastruktur?
Österreich als Vorreiter
Mit der ID Austria existiert bereits eine Vorstufe dieser Entwicklung. Sie dient als technische Grundlage für die europäische Lösung und wird als Vorbild präsentiert. Behördenwege lassen sich bereits digital erledigen, Identifikation erfolgt per App.
Was heute noch als zusätzliche Option verkauft wird, kann morgen zur Voraussetzung werden.
Fortschritt für wen?
Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Wem nützt dieses System?
Nicht den Menschen, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu bekommen. Nicht denjenigen, die sich gegen digitale Abhängigkeit wehren wollen. Und sicher nicht denen, die glauben, dass Freiheit mehr ist als die Wahl zwischen zwei Apps. Nützen wird es jenen, die Daten sammeln, Prozesse kontrollieren und Zugang regulieren können.
Der Reisepass im Smartphone ist dabei nur der Anfang. Die eigentliche Entwicklung ist viel umfassender.



















































































