Wien. Die Folgen der extremen Hitze im vergangenen Sommer waren in Österreich deutlich messbar. Laut einer aktuellen Auswertung der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) sind in den Monaten Juni, Juli und August geschätzt 995 Menschen hitzebedingt verstorben. Das ist der höchste Wert für diesen Zeitraum seit Beginn des Hitzemortalitätsmonitorings der AGES im Jahr 2017.
Die aktuelle Schätzung liegt über den bisherigen Höchstwerten. Für Juni bis August 2024 hatte die AGES 948 hitzebedingte Todesfälle ausgewiesen, für 2025 waren es 428. Seit 2017 lagen die jährlichen Schätzungen für die Sommermonate Juni bis August zwischen 324 Todesfällen im Jahr 2020 und 948 Todesfällen im Jahr 2024.
Hitze als indirekte Todesursache
Die Zahl der hitzebedingten Todesfälle wird nicht direkt erfasst. In offiziellen Dokumenten wird „Hitze“ nur selten als unmittelbare Todesursache angegeben. Hitze kann jedoch bestehende Erkrankungen, etwa Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen, massiv verschlechtern und damit zum Tod beitragen.
Die AGES berechnet daher die sogenannte hitzeassoziierte Übersterblichkeit. Dabei wird untersucht, wie viele Menschen im Vergleich zum erwartbaren Durchschnitt zusätzlich gestorben sind. Diese Übersterblichkeit wird mit besonders heißen Wochen abgeglichen. Auf dieser Grundlage entsteht eine Schätzung jener Todesfälle, die wahrscheinlich mit Hitze in Zusammenhang stehen.
Für die aktuelle Auswertung nennt die AGES ein 95-Prozent-Unsicherheitsintervall von 625 bis 1.276 Todesfällen. Dieses Intervall beschreibt die statistische Unsicherheit der Schätzung von 995 hitzeassoziierten Todesfällen.
Rekordhitze mit Temperaturen über 41 Grad
Die hohe Zahl an hitzebedingten Todesfällen fällt mit dem heißesten Sommer der 260-jährigen Messgeschichte zusammen. An mehr als 100 Messstationen der GeoSphere Austria wurden neue Temperaturhöchstwerte gemessen.
Erstmals seit Beginn der Messungen stieg die Temperatur in Österreich über 41 Grad. In Bad Deutsch-Altenburg in Niederösterreich wurden am 5. August 41,2 Grad gemessen. Insgesamt gab es im Sommer drei Tage mit Temperaturen über 40 Grad. Auch die Zahl der Hitzetage erreichte einen neuen Höchststand.
Bereits der Juli war außergewöhnlich heiß. Mit 40,3 Grad wurde der bisherige österreichische Juli-Höchstwert aus dem Jahr 1983 deutlich übertroffen. Im Juni wurde an rund der Hälfte der 277 Wetterstationen die Marke von 35 Grad erreicht oder überschritten.
„Gefühlte Temperatur“ entscheidend
Für die Belastung des Körpers ist nicht nur die gemessene Lufttemperatur ausschlaggebend. Auch Luftfeuchtigkeit und Wind spielen eine wichtige Rolle. Bei hoher Luftfeuchtigkeit kann Schweiß schlechter verdunsten, wodurch der natürliche Kühleffekt ausbleibt.
Das Modell der AGES berücksichtigt deshalb die sogenannte „gefühlte Temperatur“. Diese bezieht neben der Lufttemperatur auch Faktoren wie Luftfeuchtigkeit und Wind ein. Dadurch soll besser abgebildet werden, wie stark eine Wettersituation den menschlichen Organismus tatsächlich belastet.
Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Kleinkinder und Personen mit chronischen Erkrankungen. Auch soziale und ökologische Faktoren erhöhen das Risiko. Wer in dicht bebauten Stadtgebieten lebt, wenig Grünraum zur Verfügung hat oder zusätzlich durch Ozon- und Feinstaubbelastung betroffen ist, ist während Hitzewellen stärker gefährdet.
Hitzeschutz ist eine Klassenfrage
Die Zahlen zeigen deutlich: Der Klimawandel ist längst eine unmittelbare Gesundheitsgefahr. Er trifft aber nicht alle Menschen gleich. Wer in einer schlecht isolierten Wohnung lebt, keine Klimaanlage hat, in dicht verbauten Stadtteilen wohnt, körperlich schwer arbeitet oder auf Pflege angewiesen ist, trägt ein deutlich höheres Risiko. Hitze ist daher nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Frage.
Eine Gesellschaft, die Gesundheit, Wohnen, Stadtentwicklung, Energieversorgung und Arbeit dem Profit unterordnet, schützt die Menschen nicht ausreichend. Diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, leiden am stärksten unter seinen Folgen.
Notwendig sind verbindliche Hitzeschutzpläne, öffentliche Kühlräume, massive Begrünung, Entsiegelung, Sanierung von Wohnungen, Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz und eine Gesundheits- und Pflegeversorgung, die auf solche Extremereignisse vorbereitet ist. Diese Maßnahmen dürfen nicht von der Zahlungsfähigkeit einzelner Menschen, Gemeinden oder Mieterinnen und Mieter abhängen.
Der Klimawandel zeigt damit erneut die Grenzen kapitalistischer Krisenverwaltung. Solange Boden, Wohnen, Energie und Produktion vor allem nach Profitinteressen organisiert sind, werden notwendige Schutzmaßnahmen zu spät, zu halbherzig oder sozial ungerecht umgesetzt. Hitzeschutz muss daher als Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Planung verstanden werden – im Interesse der Arbeiterinnen und Arbeiter, der älteren Menschen, der Kranken, der Kinder und aller, die unter den Folgen des Klimawandels besonders leiden.
Quelle: ORF






















































































