Was Zusatztafeln zu Straßennamen erzählen – und was in der Verkürzung verloren geht.
Manchmal spaziert man in ein Thema hinein. In der Sandleitensiedlung in Wien-Ottakring erinnern mehrere Straßennamen an Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung und des Widerstands. An der Liebknechtgasse bleibt der Blick an einer Zusatztafel hängen:
„Karl Liebknecht (1871–1919)
Deutscher Arbeiterführer
1919 von Rechtsradikalen ermordet“
Drei Zeilen. Keine davon ist falsch. Und dennoch stellt sich die Frage: Was erfährt ein Mensch, der Karl Liebknecht nicht kennt, aus diesen drei Zeilen? Und was verschwindet durch die notwendige Verkürzung?
Wozu Zusatztafeln?
Straßennamen sind zunächst einmal Orientierungspunkte. Aber sobald eine Straße nach einem Menschen benannt wird, wird sie auch zu einem kleinen Ort öffentlicher Erinnerung. Eine Zusatztafel soll jenen, die den Namen nicht kennen, zumindest eine Vorstellung davon geben, wer dieser Mensch war und weshalb an ihn erinnert wird.
Dass dies keine einfache Aufgabe ist, weiß auch die Stadt Wien. 2013 wurde eine von der Stadt beauftragte Untersuchung von rund 4.300 personenbezogenen Wiener Straßennamen vorgestellt. Rund 170 wurden als historisch problematisch eingestuft, bei 28 wurde intensiver Diskussionsbedarf festgestellt. Für diese Straßen ließ Wien Texte für Zusatztafeln erarbeiten, die ausdrücklich historisch korrekt, einheitlich und verständlich sein sollten. Bei Karl Lueger etwa werden sowohl seine Rolle bei der Entwicklung Wiens zur modernen Großstadt als auch sein politischer Antisemitismus genannt; bei Leopold Kunschak stehen seine Bedeutung für die christlichsoziale Arbeiterbewegung und sein Antisemitismus nebeneinander. Die Stadt selbst zeigt damit, dass auch auf wenigen Zeilen historische Einordnung möglich ist. Warum also bei Karl Liebknecht nur: „von Rechtsradikalen ermordet“?
Richtig – und trotzdem zu wenig
Tatsächlich waren es rechte, konterrevolutionäre Militärs, die Karl Liebknecht am 15. Jänner 1919 ermordeten. Die Bezeichnung auf der Tafel ist insofern richtig.
Sie lässt allerdings einen entscheidenden Zusammenhang verschwinden.
Die Täter waren Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division. Diese war nicht einfach irgendeine rechtsradikale Gruppierung und zu diesem Zeitpunkt auch nicht bloß ein Freikorps, sondern ein regulärer Verband des Deutschen Heeres beziehungsweise der Preußischen Armee. 1918 war die Division an der Westfront eingesetzt worden. Nach dem Krieg kam sie nach Deutschland zurück und wurde zur Bekämpfung revolutionärer Bewegungen eingesetzt. Das Bundesarchiv hält unmissverständlich fest: Die Führung der Division veranlasste die Ermordung Liebknechts und Luxemburgs, Angehörige der Division waren die Täter.
Auch der größere politische Zusammenhang ist dokumentiert.
Nach der Novemberrevolution kam es Anfang Jänner 1919 in Berlin zu schweren Auseinandersetzungen. Am 7. Jänner übertrug der sozialdemokratische Regierungschef Friedrich Ebert seinem Parteikollegen Gustav Noske die Befehlsgewalt über die der Regierung unterstehenden militärischen Formationen im Raum Berlin. Die SPD-geführte Regierung setzte Militär gegen die revolutionäre Bewegung ein. Am 13. Jänner zog auch die Garde-Kavallerie-Schützen-Division in Berlin ein.
Am 15. Jänner wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verhaftet und in das Eden-Hotel gebracht, dem Hauptquartier der Division. Deren nomineller Befehlshaber war Generalleutnant Heinrich von Hofmann; aufgrund dessen gesundheitlicher Einschränkungen lag die faktische Führung beim Ersten Generalstabsoffizier Waldemar Pabst (Papst gehörte übrigens in den 1920er-Jahren zu den führenden militärischen Organisatoren der austrofaschistischen Heimwehr in Österreich). Noch in derselben Nacht wurden Luxemburg und Liebknecht ermordet.
Daraus folgt nicht, dass ein Mordbefehl Eberts oder Noskes als historische Tatsache behauptet werden könnte. Pabst erklärte später, Noske sei in die Entscheidung einbezogen gewesen; die Quellenlage erlaubt jedoch keine Gleichsetzung dieser späteren Behauptung mit einem zweifelsfrei belegten Mordauftrag der SPD-Regierung.
Aber diese offene Frage muss gar nicht beantwortet werden, um das Problem der Zusatztafel zu erkennen.
Gesichert ist: Eine SPD-geführte Regierung setzte militärische Verbände gegen die revolutionäre Bewegung ein. Die Garde-Kavallerie-Schützen-Division gehörte zu diesen Kräften. Ihre Führung veranlasste die Ermordung Luxemburgs und Liebknechts, ihre Angehörigen führten sie aus.
Davon bleibt in den Worten „von Rechtsradikalen ermordet“ nichts übrig.
Rosa Luxemburg – gemeinsam ermordet, nicht dieselbe Person
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden häufig gemeinsam genannt. Das ist historisch verständlich. Beide gehörten zu den führenden Köpfen der gerade gegründeten KPD, beide wurden am selben Tag festgenommen, beide ins Eden-Hotel gebracht und beide aufgrund der Entscheidung aus der Führung der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordet.

Das darf jedoch nicht dazu führen, ihre unterschiedlichen Biografien und Persönlichkeiten ineinander aufzulösen.
Karl Liebknecht war Sozialist, entschiedener Gegner des Ersten Weltkriegs und Mitbegründer der KPD. Rosa Luxemburg war Sozialistin, marxistische Theoretikerin und ebenfalls Mitbegründerin der KPD. Beide waren politische Akteure eigenen Rechts.
Und selbst ihre Ermordung verlief unterschiedlich.
Luxemburg wurde vor ihrem Abtransport schwer misshandelt. Otto Runge schlug mit seinem Gewehrkolben auf sie ein. Sie wurde anschließend im Wagen erschossen und ihr Leichnam in den Landwehrkanal geworfen. Erst Monate später wurde ihre Leiche gefunden. Bei der Beisetzung Liebknechts im Jänner hatte für sie deshalb nur ein leerer Sarg beigesetzt werden können.
Auch hier braucht es keine Spekulation über Motive. Die Tatsachen selbst sind aussagekräftig genug.
Und danach?
Auch die juristische Aufarbeitung gehört zur Geschichte.
Ausgerechnet das Gericht des Garde-Kavallerie-Schützen-Korps führte die Untersuchung und schließlich den Prozess gegen Angehörige der eigenen Formation. Das Verfahren dauerte vom 8. bis zum 14. Mai 1919. Kurt Vogel und Otto Runge erhielten geringe Haftstrafen, die übrigen Tatverdächtigen wurden freigesprochen. Die Verurteilungen erfolgten nicht wegen Mordes.
Die Prozess- und Untersuchungsakten sind heute im Bundesarchiv erhalten und digitalisiert. Geschichte muss an dieser Stelle also nicht erfunden oder ausgeschmückt werden. Man kann sie nachlesen.
Wie könnte eine Tafel anders aussehen?
Natürlich kann eine Zusatztafel all das nicht erzählen. Sie soll es auch nicht.
Aber zwischen einer ausführlichen historischen Darstellung und drei Worten wie „von Rechtsradikalen ermordet“ liegt viel Raum.
Eine aussagekräftigere Verdichtung könnte beispielsweise lauten:
Karl Liebknecht (1871–1919)
Sozialist, Kriegsgegner und Mitbegründer der KPD
Am 15. Jänner 1919 von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division während der Niederschlagung der revolutionären Bewegung ermordet.
Und parallel dazu:
Rosa Luxemburg (1871–1919)
Sozialistin, marxistische Theoretikerin und Mitbegründerin der KPD
Am 15. Jänner 1919 von Angehörigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division während der Niederschlagung der revolutionären Bewegung ermordet.
Auch diese Texte erzählen nicht die ganze Geschichte. Auch sie wählen aus und verdichten. Sie sind deshalb nicht die einzig „richtigen“ Tafeln. Sie wären lediglich der Versuch einer aussagekräftigeren Verdichtung. Das ist ein wichtiger Unterschied.
Drei Zeilen müssen nicht alles leisten
Vielleicht ließe sich das Problem heute ohnehin anders lösen.
Die kurze Zusatztafel könnte weiterhin eine erste Orientierung geben. Daneben könnte ein QR-Code zu einer ausführlicheren Darstellung führen: Wer war die betreffende Person? In welcher historischen Situation lebte sie? Warum wurde eine Straße nach ihr benannt? Welche Konflikte und Kontroversen gehören zu ihrer Geschichte? Und auf welchen Quellen beruht die Darstellung?
Der öffentliche Raum würde damit nicht zum Geschichtsbuch. Aber er könnte dessen Tür öffnen.
Gerade Wien bietet sich dafür an. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, begegnet Geschichte beinahe an jeder Ecke. Manchmal braucht es nur drei Zeilen auf einer Zusatztafel, um eine Frage auszulösen. Die Liebknecht-Tafel ist nicht falsch. Vielleicht ist gerade das das Interessante an ihr. Denn die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob eine historische Aussage wahr oder falsch ist. Sie lautet auch: Wie weit können wir Geschichte verkürzen, bevor durch die Verkürzung selbst ein anderes Bild der Geschichte entsteht?
Eine Zusatztafel muss kein Geschichtsbuch sein. Aber sie sollte neugierig auf Geschichte machen, statt deren Zusammenhänge wegzukürzen.
Quellen
Bundesarchiv: „Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg“. Darstellung des historischen Zusammenhangs, der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, der Ermordung und der anschließenden Ermittlungen; mit Hinweisen auf die einschlägigen Archivbestände PH 8‑V und N 620.Bundesarchiv
Bundesarchiv: „Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – 15. Januar 1919“. Einordnung des Militäreinsatzes und der Ermordung durch Angehörige der Garde-Kavallerie-Schützen-Division.Bundesarchiv
Bundesarchiv: „Digitalisierte Akten militärischer Stellen“, Bestand PH 8‑V. Zur Entstehung und Stellung der Garde-Kavallerie-Schützen-Division sowie zu ihrer Rolle bei der Ermordung Luxemburgs und Liebknechts.Bundesarchiv
Bundesarchiv: „Deutsche Streitkräfte 1918 bis 1933“. Einordnung der Garde-Kavallerie-Schützen-Division als regulärer Verband des Deutschen Heeres und Abgrenzung zu den Freikorps.Bundesarchiv
Bundesarchiv: „Urteil im Prozess gegen die Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht“, 14. Mai 1919. Angaben zum militärgerichtlichen Verfahren, zu den Urteilen und zu den erhaltenen Prozessakten.Bundesarchiv
Stadt Wien: „Zusatztafel für historisch belastete Straßennamen“. Zur Untersuchung der personenbezogenen Wiener Straßennamen sowie zu Anspruch und Gestaltung der ausführlicheren Zusatztafeln.wien.gv.at
Stadt Wien, Presse-Service: „Mailath/Margulies/Rathkolb/Bluma präsentieren Zusatztafel für historisch belastete Straßennamen“, 1. Dezember 2016. Zur Entstehung und Zielsetzung der differenzierteren Wiener Zusatztafeln.wien.gv.at





















































































