Bildungseinrichtungen gelten völkerrechtlich als besonders schützenswert. Doch für Palästinenserinnen und Palästinenser ist selbst dieser minimale Schutz längst aufgehoben. Sowohl im besetzten Westjordanland als auch im Gazastreifen richtet sich die israelische Gewalt zunehmend gegen Schulen, Universitäten und jene, die versuchen zu lernen. Was offiziell als „Sicherheitsmaßnahme“ verkauft wird, zeigt sich vor Ort als systematische Zerstörung ziviler Strukturen – und als Angriff auf die Zukunft einer ganzen Gesellschaft.
Am Dienstag stürmten israelische Soldaten die Birzeit-Universität nahe Ramallah, eine der renommiertesten Hochschulen im Westjordanland. Mit scharfer Munition, Blendgranaten und Tränengas eröffneten sie das Feuer auf Studierende, die sich in Lehrveranstaltungen oder auf dem Campus aufhielten. Mindestens 41 Menschen wurden verletzt, elf mussten im Krankenhaus behandelt werden, mehrere davon mit Schussverletzungen an den Beinen. Augenzeugen sprechen von einem beispiellosen Vorgehen: Erstmals sei während laufender Lehrveranstaltungen mit scharfer Munition in das Universitätsgelände eingedrungen worden.
Die Universitätsleitung sprach von einer „eklatanten und vorsätzlichen Verletzung der Unantastbarkeit von Bildungseinrichtungen“. Ziel sei es, Studierende einzuschüchtern, politisches Bewusstsein zu brechen und das Recht auf Bildung zu untergraben. Der Angriff erfolgte im Zusammenhang mit einer studentischen Solidaritätsveranstaltung für palästinensische Gefangene sowie einer Filmvorführung über Hind Rajab, ein sechsjähriges Mädchen, das im Gaza-Krieg von israelischen Soldaten erschossen wurde. Die israelische Armee erklärte, man habe ein „terrorunterstützendes Treffen“ aufgelöst.
Parallel zur militärischen Repression treibt Israel die dauerhafte territoriale Zerschlagung des Westjordanlands voran. In dieser Woche wurde der Weg für den Bau des umstrittenen E1-Siedlungsprojekts östlich von Jerusalem freigemacht. Das Vorhaben würde das Westjordanland faktisch in zwei Teile schneiden und die Grundlage für einen zusammenhängenden palästinensischen Staat endgültig zerstören. Trotz internationaler Kritik gilt das Projekt als politisches Kernanliegen der israelischen Rechtsregierung. Finanzminister Bezalel Smotrich erklärte offen, man treibe „Nägel in den Sarg“ der palästinensischen Staatlichkeit.
Während im Westjordanland Universitäten militarisiert werden, existiert im Gazastreifen kaum noch ein Bildungssystem. Nach mehr als zwei Jahren israelischer Kriegsführung sind laut UNICEF 98 Prozent aller Schulen beschädigt oder zerstört, 88 Prozent davon so schwer, dass sie umfassend saniert oder neu gebaut werden müssten. Rund 700.000 Kinder haben zwei vollständige Schuljahre verloren und gehen nun in ein drittes Jahr ohne regulären Unterricht.
In Orten wie Beit Lahiya versuchen Familien, notdürftige „Zeltschulen“ aufrechtzuerhalten – oft nur wenige Meter von israelischen Stellungen entfernt. Siebenjährige Kinder lernen dort auf dem Boden, umgeben von Planen, die weder vor Kugeln noch vor Granatsplittern schützen. Unterricht wird regelmäßig durch Schüsse unterbrochen, Lehrerinnen und Lehrer zwingen ihre Schülerinnen und Schüler, sich flach auf den Boden zu legen. Lernen findet im Ausnahmezustand statt.
Neben der Zerstörung der Infrastruktur wirkt die israelische Blockade als zusätzliche Waffe. Seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 ist kaum Lernmaterial in den Gazastreifen gelangt. Hefte, Bücher, Stifte gelten de facto als unerwünschte Güter. UNICEF warnt vor schweren psychischen und entwicklungsbezogenen Schäden bei Kindern und spricht von einer der größten Bildungskatastrophen weltweit.
Was sich in Gaza und im Westjordanland zeigt, folgt einem gemeinsamen Muster: Dem palästinensischen Volk soll die Lebensgrundlage entzogen werden, der Kampf gegen Bildung ist ein Teil davon. Schulen, Universitäten und selbst provisorische Lernorte geraten ins Visier, weil sie mehr sind als Orte des Wissens – sie sind Träger von Hoffnung, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Kontinuität.
Israels Gewalt richtet sich damit nicht nur gegen einzelne Menschen, sondern gegen die Möglichkeit einer palästinensischen Zukunft. Das zeigt sich nicht nur in der gezielten Zerstörung des Gesundheitssystems in Gaza sondern auch im systematischen Kampf gegen Bildungseinrichtungen und dem ermorden von Kindern und Jugendlichen. Was hier stattfindet, ist Staatsterror gegen eine zivile Bevölkerung – und ein offener Bruch mit internationalem Recht, der bislang kaum Konsequenzen nach sich zieht.





















































































