Wien. Das Kältetelefon der Caritas steuert in diesem Winter auf einen traurigen Rekord zu. Bereits fast 15.000 Anrufe sind eingegangen – rund 50 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Noch bis Ende April können Menschen in Wien das Kältetelefon kontaktieren, um auf obdachlose Personen aufmerksam zu machen, die bei niedrigen Temperaturen Gefahr laufen zu erfrieren.
Der Grund für den Anstieg ist laut Kältetelefon-Teamleiterin Susanne Peter naheliegend: Der Winter war ungewöhnlich kalt, Schnee und Nässe verschärften die Situation für Menschen ohne festen Wohnsitz zusätzlich. Mehr als 450 obdachlose Menschen konnten im Winter 2025/2026 in Notunterkünfte gebracht oder dorthin vermittelt werden. Darüber hinaus wurden viele weitere mit winterfesten Schlafsäcken versorgt.
Dass selbst leichte Plusgrade für obdachlose Menschen lebensgefährlich sein können, betonen die Verantwortlichen immer wieder. Deshalb bleibt das Kältetelefon auch dann wichtig, wenn der Winter scheinbar schon vorbei ist. Wer eine obdachlose Person bemerkt, soll lieber einmal zu oft als einmal zu wenig anrufen.
Wohltätigkeit statt sozialer Sicherheit
Der Rekord beim Kältetelefon ist allerdings kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Er ist ein Hinweis darauf, wie selbstverständlich Armut in einer der reichsten Städte Europas geworden ist. Dass Menschen im Winter erfrieren könnten und ihre Rettung von einem Anruf abhängt, wird inzwischen fast als normaler Bestandteil urbaner Realität behandelt.
Die Arbeit von Organisationen wie der Caritas ist ohne Zweifel lebensrettend. Doch sie ersetzt nicht das, was eigentlich Aufgabe eines Staates wäre: sicherzustellen, dass niemand ohne Unterkunft auf der Straße leben muss.
Stattdessen wird die Verantwortung zunehmend privatisiert. Ehrenamtliche, Sozialorganisationen und engagierte Bürgerinnen und Bürger sollen auffangen, was eine auf Wettbewerb und Profit ausgerichtete Gesellschaft systematisch produziert: steigende Mieten, prekäre Beschäftigung und wachsende soziale Ungleichheit.
Ein Symptom der sozialen Krise
Der Rekordwinter beim Kältetelefon ist daher weniger ein Zeichen besonderer Hilfsbereitschaft als ein Symptom einer sozialen Krise. Wenn die Zahl der Anrufe steigt, bedeutet das nicht nur mehr Aufmerksamkeit – sondern vor allem, dass mehr Menschen in einer Situation leben, in der sie ohne Hilfe der Kälte ausgeliefert sind.
Solange Wohnen eine Ware bleibt und soziale Absicherung immer stärker unter Druck gerät, wird sich daran wenig ändern. Dann wird auch das Kältetelefon weiterhin das sein, was es heute schon ist: ein Notrufsystem gegen die sichtbarsten Folgen der sozialen Ungleichheit des kapitalistischen Systems.
Quelle: ORF


















































































