Gastbeitrag von Gerhard Oberkofler, geb. 1941, Dr. phil., Universitätsprofessor i. R. für Geschichte an der Universität Innsbruck.
Über Klassengesellschaft und „jüdische Ethik“
Nehmen wir die Welt, wie sie ist,
seien wir keine Ideologen.[1]
Jüdische Familie Epstein
Es ist nicht notwendig ein Spezialist der Onomastik zu sein, um zu wissen, dass Namen wie Epstein oder Rothschild jüdischer Herkunft sind. In Wien gehören das Palais Epstein ebenso wie die erhalten gebliebenen Palais der Familie Rothschild zum „Kulturerbe“.[2] Die Wiener Kellerwohnungen, in denen jüdische Familien in der Nachkriegszeit des ersten Weltkrieges elendiglich gehaust haben, sind nicht mehr zu besichtigen. Von der Lebenswirklichkeit dieser jüdischen Armen und Ausgegrenzten in Wien erzählt 1920 mit viel Empathie der österreichische Jude Bruno Frei (1897–1988) in einer seiner Broschüren.[3] Bruno Frei hat sich zu dieser Zeit, wie er schreibt, „gegen zwei gleich gefährliche Feinde: gegen die Antisemiten modernster Richtung, die Geldjudenfresser, und gegen die Geldjuden selbst“ gewendet.[4] Der spätere Marxist Bruno Frei hat sich nie vom Judentum distanziert, für ihn blieben, wie er einmal formulierte, Jesus Christus (+30 n. u. Z.), Baruch de Spinoza (1632–1677) und Karl Marx (1818–1883) Söhne seines Volkes.[5] Das jüdische Volk hat der Menschheit viel gegeben.
Der aus einer jüdischen Familie stammende Jeffrey Epstein (1953–2019) ist durch die Medien in der Gegenwart zu den bekanntesten Figuren aus der herrschenden Klasse der Reichen aufgestiegen. Dabei steht nicht seine Kreativität, aus der weltweit tötenden Wirtschaft[6] riesige Geldsummen für sich persönlich zu erzielen, im Vordergrund, sondern seine über Jahrzehnte praktizierten und von den Eliten nicht unterbundenen misogynen Sexualstraftaten, die sich für moralisches Entsetzen, private Abrechnungen und Klatsch besonders trefflich eignen. Schon ein Manifest aus dem Jahre 1848 ordnet ein: „Unsere Bourgeois, nicht zufrieden damit, dass ihnen die Weiber und Töchter ihrer Proletarier zur Verfügung stehen, von der offiziellen Prostitution gar nicht zu sprechen, finden ein Hauptvergnügen darin, ihre Ehefrauen zu verführen“.[7]
Ein Rabbiner über die Causa Jeffrey Epstein.
Kann es eine „jüdische Ethik“ geben, die dieses bestürzende Bild eines Angehörigen des jüdischen Volkes, der Jeffrey Epstein ist, verständlich macht? In der Zeitung „Jüdisches Allgemeine“ (03. Februar 2026 – 16. Schwat 5786) schreibt der Rabbiner Andrew Aryeh Steiman (*1958)[8] in Erinnerung an den Fall des verurteilten Sexualstraftäters jüdischer Herkunft Harvey Weinstein (*1952)[9] über „Epstein und die jüdische Ethik“:
„Ja, Amerika hat einen neuen Missbrauchsskandal, und die jüdische Community in Amerika tappt erneut in die Falle, sich dafür verantwortlich zu fühlen. Ja, wir sind füreinander verantwortlich, heißt es im Talmud[10]. Doch darüber hinaus gerät die Diskussion aus den Fugen – mit wirren Beschuldigungen und Verschwörungstheorien. Scham. Es gibt ein Rätselraten darüber, warum sich Epstein umbrachte. War es Scham, gar der verzweifelte Versuch einer Umkehr? Selbstmord ist kein Vehikel für Tschuwa[11], da sind sich alle einig; schonungsloses Offenlegen wäre nötig, aber dem kam Epstein zuvor.
Die Diskussion gerät aus den Fugen – mit wirren Beschuldigungen und Verschwörungstheorien.
Auch über Epsteins Spendentätigkeit wird diskutiert. Gibt es so etwas wie >moralische Geldwäsche<? Die Einsicht, dass die Quelle der Spende zumindest fragwürdig ist, sei der erste Schritt in Richtung Gerechtigkeit, von Epstein kann das nun nicht mehr geklärt werden. Die Mischna[12] lehrt, dass wir über unsere Mitmenschen günstig urteilen sollen. Wir wissen nicht, was sie im Herzen haben – sie wissen es selbst oft nicht.
Was bleibt? Vielleicht immerhin die Einsicht, dass ein Commitee on Ethics in Jewish Leadership sinnvoll ist, auch hierzulande. Am besten, bevor ein Fall eintritt. Noch besser: um solche Fälle von vornherein zu verhindern. Da sind nicht nur wir Rabbiner gefragt“.
Der US-amerikanische Rabbiner Andrew Aryeh Steimann war viele Jahre in der „Militärseelsorge“ der in Deutschland stationierten imperialistischen US-Truppen tätig und praktiziert heute als Leiter der Jüdischen Abteilung der Henry und Emma Budge Stiftung in Frankfurt.[13] Rabbiner Steimann spricht von der „Spendentätigkeit“ des Jeffrey Epstein. In den deutschen Medien wird die Funktion dieses jüdischen Kriminellen als Geldgeber für die Vorbereitungen zu den in der Gegenwart umfassenden israelischen Völkermord an den Palästinensern verhehlt. Durch KI wird auf die Auswertung der Epstein-Files durch nicht im Interesse von Israel manipulierte Medien aufmerksam gemacht. Wie hätte denn die von Rabbi Steimann angesprochene „Buße“, also Reue und Genugtuung des durch Suizid aus dem Leben geflüchteten Jeffrey Epstein ausschauen können? Für das konkrete Dasein muss das Nachdenken über „Schuld und Gerechtigkeit“ mit Ezechiel randständig bleiben.[14] An die Stelle solchen Nachdenkens muss vielmehr das Handeln für eine „Assoziation“ treten, „worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“.[15]
Der Vorschlag des Rabbiners Steimann, ein Dikasterium aus Rabbinern zu organisieren, geht an der Realität der gesellschaftlichen Verhältnisse vorbei. Schon Baruch Spinoza träumte von einem mit dem Staat im Einvernehmen agierenden Gremium, das „nicht für die guten Bürger, sondern nur für die schlechten ein Anlass zur Furcht sein“ kann.[16] „Jüdische Ethik“[17] ist keine geoffenbarte göttliche Kraft, weil es eine solche nicht geben kann. Vielmehr entspricht diese wie andere religiöse Normen und Ideale in ihrer realen Ausprägung der Struktur der Weltauffassung des herrschenden imperialistischen Systems mit seiner Kriegsführung nach innen und außen: „Was wir in Gaza gesehen haben, überschreitet alle rechtlichen, ethischen, moralischen und humanitären Normen“ – so die Schweizer Diplomatin und Präsidentin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz Mirjana Spoljaric-Egger in einem Interview am 6. Februar 2026.[18]
[1] MEGA I / 1, S. 332
[2] Geschichte des Palais Epstein | Parlament Österreich; Rothschildpalais – Wien Geschichte Wiki
[3] Bruno Frei: Jüdisches Elend in Wien, Bilder und Daten. Mit 32 photographischen Aufnahmen und einer graphischen Darstellung. R. Löwit Verlag Wien und Berlin 1920. Über Bruno Frei s. Bruno Frei: Der Strohhut. Jugenderinnerungen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Evelyn Adunka. Theodor Kramer Gesellschaft Wien 2024; Gerhard Oberkofler: Mit dem österreichischen jüdischen Marxisten Bruno Frei unterwegs im 20. Jahrhundert. trafo Verlag Berlin 2024.
[4] Frei, Der Strohhut, S. 95.
[5] Benö Freistadt (d. i. Bruno Frei): Judenideale. In: Jerubaal, S. 63–66.
[6] Dazu Papst Franziskus: Für eine Wirtschaft, die nicht tötet. Wir brauchen und wir wollen Veränderung. Mit einer Einführung von Thomas Seiterich. Camino Verlag Stuttgart 2015.
[7] Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. MEW 4 (1972), S. 459–493, hier S. 479.
[8] Ich bin in das Judentum verliebt! – Wina – Das jüdische Stadtmagazin
[9] Harvey Weinstein – Wikipedia
[10] Neben der Bibel das Hauptwerk des Judentums, abgeschlossen um 500 n. u. Z. Lexikon des Judentums. Chefredakteur John F. Oppenheimer, New York. C Bertelsmann Verlag Gütersloh 1967, Sp. 791–794.
[11] Teschuwa, Umkehr, Buße. Lexikon des Judentums, Sp. 137 f.
[12] Kern der „mündlichen Lehre“ des Judentums, kanonische Sammlung des Gesetzesschrifttums der Tannaiten im 2. Jh. n. u. Z. Lexikon des Judentums, Sp. 514.
[13] Rabbiner Andrew Steiman: Interreligiöser Austausch und Zivilgesellschaft; Henry und Emma Budge-Stiftung | Startseite
[14] Das Alte Testament. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Hg. im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Luxemburg und des Bischofs von Lüttich in der Katholischen Bibelanstalt Stuttgart. Hier Ezechiel „Von Schuld und Gerechtigkeit“ 18–21.
[15] MEW 4 (1972), S. 482,
[16] Baruch de Spinoza: Politischer Traktat. Aus dem Lateinischen übersetzt von Gerhard Güpner. Herausgegeben und mit einem Anhang verwehen von Hermann Klenner. Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1988, S. 106.
[17] Vgl. Artikel „Ethik“ in: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur. Im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig hg. von Dan Diener. Band 2. Verlag J. B. Metzler Stuttgart / Weimar 2012, S. 271–275.
[18] NRC 6, Februar 2026; Aussendung der palästinensischen Botschaft vom 10. Februar 2026.




















































































