Der Krieg ist längst nicht mehr nur eine humanitäre Katastrophe mit verheerenden Folgen. Für immer mehr Großkonzerne ist er zugleich ein milliardenschwerer Wachstumsmarkt. Während Europa massiv aufrüstet und Regierungen neue Rüstungspakete beschließen, verschiebt sich auch in der Industrie die Grenze zwischen ziviler Produktion und militärischem Geschäft, wie es bereits in der Vergangenheit die Krupps, Bayers und Mercedes und viele mehr es getan haben. Nun signalisiert der deutsche Autobauer Mercedes-Benz erneut Offenheit für einen Einstieg in die Rüstungsproduktion.
Konzernchef Ola Källenius erklärte gegenüber dem Wall Street Journal, die Welt sei „unvorhersehbarer geworden“. Europa müsse deshalb sein „Verteidigungsprofil“ ausbauen. Sollte Mercedes dabei „eine positive Rolle spielen können“, sei der Konzern dazu bereit. Was nüchtern und technokratisch formuliert klingt, markiert tatsächlich einen Wandel: Einer der größten Autohersteller Europas denkt offen darüber nach, vom militärischen Aufrüstungsboom zu profitieren. Die positive Rolle sind dann wohl Profite, weil mit Rüstung wurde ja noch nie Frieden und Wohlstand für alle geschaffen, nur eine Front der Profiteure, die selbst nicht an der Front kämpfen.
Wenngleich Mercedes-Benz auf Anfrage zwar die Bedeutung von „Frieden, Sicherheit und Freiheit“ betonte, verweist das Unternehmen darauf, bereits seit Jahrzehnten Fahrzeuge und Fahrgestelle für Sicherheits- und Verteidigungszwecke bereitzustellen. Die Grenze zwischen ziviler Industrie und militärischer Wertschöpfungskette ist historisch traditionell fließend, je nach Phase der Krisen eben mehr oder weniger Geschäft mit Kriegen.
Der Fall Mercedes steht exemplarisch für eine aktuelle Entwicklung, die sich mit zunehmenden innerimperialistischen Widersprüchen quer durch Europa beobachten lässt. Seit dem imperialistischen Krieg in der Ukraine erleben Rüstungskonzerne historische Gewinnsprünge. Aktien von Waffenherstellern steigen auf Rekordhöhen, Investoren entdecken die Branche als „Zukunftsmarkt“, und Regierungen pumpen Milliarden an Steuergeld in neue Militärprogramme. Was in dwer jüngeren Vergangenheit vielleicht noch etwas politisch heikel war, gilt heute vielerorts als wirtschaftliche Chance und verantwortungsvoll.
Dabei verändert sich nicht nur die klassische Rüstungsindustrie. Auch zivile Konzerne beginnen erneut und verstärkt, ihre Produktionskapazitäten für militärische Zwecke neu zu bewerten. Autobauer, Stahlunternehmen, Technologiekonzerne und Logistikfirmen erkennen, dass der Sicherheitssektor enorme Renditen verspricht. Die sogenannte Kriegswirtschaft wird damit schrittweise zu einem zentralen Motor europäischer Industriepolitik.
Während Regierungen soziale Einsparungen mit knappen Budgets rechtfertigen, scheinen für militärische Investitionen plötzlich unbegrenzte Mittel verfügbar zu sein. Für Konzerne bedeutet das langfristig garantierte Aufträge – und damit stabile Gewinne in unsicheren Zeiten. Je stärker wirtschaftliche Interessen mit militärischer Aufrüstung verflochten werden, desto größer werde der politische Druck, diese Ausgaben dauerhaft hochzuhalten. Krieg und Unsicherheit nicht primär als Bedrohung wahrgenommen, sondern als ökonomische Gelegenheit, Menschenleben erscheinen hier als sekundär, das ist Kapitalismus.
Quelle: ORF


















































































