Warum der Fall Neusiedl mehr zeigt als nur eine missglückte Aussendung. PdA: „Ungeheuerlich und beschämend, dass auch nach über 80 Jahren nach der Befreiung von Faschismus und Krieg immer noch dieses abschätzige Vokabular über eine im Burgenland anerkannte Volksgruppe verwendet wird“.
Neusiedl am See. Eine Polizeiwarnung im nordburgenländischen Bezirk Neusiedl sorgt derzeit für massive Kritik. In einem Schreiben wurde vor dem „fahrenden Volk“ gewarnt, nachdem sich eine Gruppe ausländischer Roma mit Wohnwägen im Bezirk aufgehalten hatte. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, keine Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen und keine Geschäfte abzuschließen. Die Aussendung wurde inzwischen gelöscht. Doch der Vorfall wirft grundlegendere Fragen auf.
Nicht einzelne Täter – sondern eine Volksgruppe
Der entscheidende Punkt der Kritik liegt nicht darin, dass die Polizei vor Betrugsmaschen warnt. Kriminalprävention gehört selbstverständlich zu ihren Aufgaben. Das Problem beginnt dort, wo nicht vor konkreten Handlungen gewarnt wird, sondern vor einer ethnischen Gruppe. Genau das geschah in Neusiedl. Die Warnung bezog sich nicht auf bestimmte Personen oder konkrete Verdachtsfälle, sondern auf Roma als Gruppe. Damit wurde eine gesamte Volksgruppe unter Generalverdacht gestellt.
Die Sprache der Ausgrenzung
Besonders brisant ist die verwendete Sprache:So ist vom „fahrendem Volk“ und von „ausländischen Roma“ die Rede. Formal mag damit die Staatsangehörigkeit gemeint sein. Doch Sprache wirkt nicht im luftleeren Raum. Roma wurden über Jahrhunderte als fremd, nicht sesshaft, kriminell und arbeitsscheu dargestellt. Genau an diese Bilder knüpft die Aussendung an. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft sprach deshalb zurecht von „historischen antiziganistischen Stereotypen“.
Das Burgenland und seine Geschichte
Gerade im Burgenland wiegt ein solcher Vorfall besonders schwer. Die Burgenlandroma leben seit Jahrhunderten in der Region. Trotzdem wurden sie historisch immer wieder ausgegrenzt und registriert. Bereits in der Zwischenkriegszeit existierten eigene „Zigeunerkarteien“, ausländische Roma wurden abgeschoben, und rassistische Zuschreibungen prägten die öffentliche Wahrnehmung. Der Nationalsozialismus radikalisierte diese Entwicklung: Sie wurden entrechtet, deportiert und ermordet.
Mathias Schneider, stellvertretender Vorsitzender und Sprecher der Partei der Arbeit im Burgenland, in einer ersten Reaktion zu den Vorkommnissen: „Diese tiefverwurzelten Vorurteile gegenüber Sinti und Roma hören scheinbar nie auf. Es ist ungeheuerlich und beschämend, dass auch nach über 80 Jahren nach der Befreiung von Faschismus und Krieg immer noch dieses abschätzige Vokabular über eine im Burgenland anerkannte Volksgruppe verwendet wird.“ Rund 90 Prozent der österreichischen Roma überlebten die NS-Zeit nicht. Vor diesem Hintergrund ist es kein nebensächlicher Kommunikationsfehler, wenn staatliche Stellen heute wieder ethnische Zuschreibungen verwenden.
Die soziale Wirkung
Die Folgen blieben nicht theoretisch. Laut Gleichbehandlungsanwaltschaft berichteten Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Volksgruppe bereits von stornierten Aufträgen nach Veröffentlichung der Polizeiwarnung. Genau darin liegt die gesellschaftliche Wirkung solcher Aussagen: Nicht einzelne Straftaten werden verfolgt, sondern Misstrauen gegenüber einer gesamten Gruppe erzeugt. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sprach deshalb sogar von einem „Boykottaufruf“.
Der Staat ist nicht neutral
Besonders problematisch ist dabei, dass die Aussagen nicht aus den sozialen Medien oder von rechten Randgruppen kamen, sondern von einer staatlichen Stelle. Gerade deshalb haben sie besonderes Gewicht. Denn wenn Behörden ethnische Gruppen markieren, entsteht der Eindruck offizieller Legitimation: Misstrauen erscheint gerechtfertigt, Vorurteile wirken bestätigt, Diskriminierung erhält institutionelle Rückendeckung.
Ein strukturelles Problem
Die Landespolizeidirektion bezeichnete die Vorgangsweise inzwischen als „inakzeptabel“, das Innenministerium kündigte Untersuchungen und Sensibilisierungsmaßnahmen an. Doch die entscheidende Frage bleibt: Handelt es sich um einen Einzelfall – oder um ein tiefer liegendes Problem? Berichte über antiziganistische Erfahrungen im Kontakt mit Behörden zeigen, dass solche Vorfälle keine völlige Ausnahme darstellen.
Fazit
Der Fall Neusiedl zeigt mehr als nur eine missglückte Polizeiaussendung.
Er zeigt, wie schnell alte Muster wieder auftauchen: ethnische Zuschreibung, Generalverdacht und Ausgrenzung durch Sprache. Genau deshalb reicht es nicht, den Vorfall als „Kommunikationsfehler“ abzutun. Denn Antiziganismus entsteht nicht erst dort, wo offen gehetzt wird. Er beginnt dort, wo Menschen nicht mehr als Individuen betrachtet werden, sondern als Risiko – allein aufgrund ihrer Herkunft oder Zugehörigkeit. Eine demokratische Gesellschaft muss deshalb mehr tun, als sich nachträglich zu entschuldigen. Sie muss verhindern, dass solche Denkweisen überhaupt wieder zur Sprache staatlicher Institutionen werden.
Quelle: ORF



















































































