Madrid / Spanien. Die 87-jährige Maricarmen Abascal ist tot. Jene Frau, deren Delogierung in Madrid landesweite Proteste gegen Wohnungsnot und Mietenexplosion ausgelöst hatte, überlebte ihre erkämpfte Rückkehr in die Wohnung nur wenige Tage. Der Mieterverband sprach von einer „völlig vermeidbaren Situation nach einem qualvollen Prozess“.
Maricarmen hatte mehr als 70 Jahre in ihrer Wohnung gelebt. Dann sollte sie gehen. Nach Angaben des Mieterverbands hatte ein Investor den Mietpreis um 275 Prozent auf 2.650 Euro erhöht. Am 23. September wurde die 87-Jährige auf einer Trage aus ihrer Wohnung geholt. Nach der Zwangsräumung kam sie erschöpft ins Krankenhaus. Von dort aus wandte sie sich noch einmal an die Protestierenden: „Ich bitte euch alle um Mut, kämpft, verteidigt das, was euch gehört.“
Wenige Tage später ist sie tot.
Eine Delogierung ist ein Gewaltakt im Dienste des Kapitals
Der Tod von Maricarmen Abascal ist mehr als eine traurige Einzelschicksalsgeschichte. Er ist eine Anklage gegen ein System, in dem Wohnungen nicht in erster Linie Orte des Lebens sind, sondern Anlageobjekte. Wer 70 Jahre in einer Wohnung lebt, hat dort nicht nur Möbel stehen. Dort hängen Erinnerungen, Nachbarschaften, Gewohnheiten, Sicherheit und Würde. Wenn ein Mensch in diesem Alter aus seinem Zuhause gerissen wird, dann ist das Gewalt im Dienst des Eigentums.
Maricarmen starb nicht einfach „nach“ einer Delogierung. Ihr Tod steht in einem politischen Zusammenhang. Eine alte Frau wurde aus ihrer Wohnung gedrängt, weil Eigentumsinteressen mehr zählen als ein Menschenleben. Genau das ist die brutale Wahrheit hinter der bürgerlichen Ordnung des Wohnens.
„Nicht eine weitere Maricarmen“
Der Fall löste in Spanien massive Proteste aus. Auf Plakaten stand: „Ni una Maricarmen más“ – nicht eine weitere Maricarmen. Aus der Wut über eine einzelne Delogierung wurde eine breitere Bewegung gegen Wohnungsnot, Mietenexplosion und Spekulation. Die Proteste gipfelten in einem Protestcamp im Zentrum von Madrid. Gewerkschaften rufen nun für den 11. November zu Protesten für bessere Löhne, menschenwürdigen Wohnraum und Preiskontrollen auf.
Das ist die richtige Richtung. Denn die Wohnungsfrage ist keine Frage individueller Tragik, sondern eine Klassenfrage. Wer Eigentum besitzt, kann Mieten erhöhen, Wohnungen verwerten und Menschen verdrängen. Wer kein Eigentum besitzt, muss zahlen, hoffen, ausweichen oder gehen.
Wenn Mieten in zehn Jahren fast doppelt so hoch werden, wie es laut dem Immobilienportal Idealista in Spanien der Fall ist, dann ist das das Ergebnis einer Ordnung, in der Grund und Boden, Häuser und Wohnungen zur Ware gemacht werden. Und wo Wohnen Ware ist, wird das Zuhause der einen zur Profitquelle der anderen.
Die Heuchelei der Regierung
Ministerpräsident Pedro Sánchez kondolierte. Ministerinnen und Minister würdigten Maricarmen als Symbol. Doch Beileidsbekundungen bringen niemandem die Wohnung zurück. Sie ändern nichts daran, dass die Wohnungskrise politisch zugelassen, verwaltet und verschleppt wurde.
Die Regierung wollte nach den Protesten Maßnahmen gegen die Wohnungskrise durchsetzen, darunter ein Moratorium für Zwangsräumungen bis 2030 und die automatische Entfristung befristeter Mietverträge. Doch dafür fand sich keine Mehrheit. PP, Vox und Junts blockierten die Maßnahmen. Nun wurden Neuwahlen ausgerufen, während rechte und ultrarechte Kräfte in Umfragen vorne liegen.
Das zeigt die ganze Verlogenheit der bürgerlichen Politik: Erst wird jahrelang zugelassen, dass Wohnen zum Spekulationsfeld wird. Dann wird ein menschliches Drama beklagt. Dann werden Maßnahmen angekündigt. Dann scheitern sie an parlamentarischen Mehrheiten. Und währenddessen steigen die Mieten weiter.
Für die Arbeiterklasse kann daraus nur eine Schlussfolgerung folgen: Auf Mitleid von oben ist kein Verlass.
Wohnen darf keine Ware sein
Hinter der Wohnungskrise steht der grundlegende Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Bedürfnis und privatem Eigentum. Menschen brauchen Wohnungen, um zu leben. Kapital braucht Wohnungen, um Rendite zu erzielen. Diese beiden Interessen sind nicht versöhnbar.
Wer menschenwürdiges Wohnen sichern will, muss die Macht der Immobilienbesitzer, Investoren und Spekulanten brechen. Es braucht nicht nur Appelle, nicht nur Förderprogramme, nicht nur symbolische Mietbremsen. Es braucht wirksame Mietendeckel, ein Verbot von Delogierungen ohne gesicherte Ersatzwohnung, dauerhaften Schutz für ältere und armutsgefährdete Mieterinnen und Mieter, massiven öffentlichen Wohnbau und die Vergesellschaftung großer Wohnungsbestände.
Maricarmens Vermächtnis heißt Kampf
Maricarmen Abascal wurde gegen ihren Willen aus ihrem Zuhause geholt. Sie wurde zum Symbol, weil Millionen Menschen verstehen, dass ihr Schicksal kein Einzelfall ist. Es steht für eine ganze Gesellschaftsordnung, in der das Eigentum der Reichen härter geschützt wird als das Leben der Alten, Armen und Lohnabhängigen.
Ihr letzter Aufruf war kein Appell an die Vernunft der Mächtigen. Er war ein Aufruf an jene, die kämpfen müssen: „Kämpft, verteidigt das, was euch gehört.“
Quelle: ORF





















































































