Über Devisenspekulation, organisierte Finanzkriminalität und den Angriff auf Kubas wirtschaftliche Souveränität
Havanna. Ein aktueller Bericht der Granma, des offiziellen Organs des Zentralkomitees der Kommunistische Partei Kubas, stellt eine Frage, die den kubanischen Alltag derzeit schmerzhaft prägt: Wo ist das Bargeld, das die Banken nicht haben? Die Antwort ist politisch brisant – und sie richtet sich nicht nur gegen einzelne Täterinnen und Täter, sondern gegen ein ganzes System der Ausbeutung von Knappheit.
Spekulation mit Mangel – Geschäft ist Geschäft
Der Ausgangspunkt ist klar benannt: Die Finanzkriminalität im Zusammenhang mit dem Devisenhandel hat stark zugenommen. Konkret geht es um das „Zurückhalten, Anhäufen und den illegalen Weiterverkauf großer Summen an Bargeld für Spekulationsgeschäfte, um so Gewinne zu erzielen“. Diese Geschäfte sind kein abstraktes Delikt, sondern treffen den Kern der sozialen Realität Kubas.
Der Bericht beschreibt Menschen in Kuba und im Ausland, „die aus allem, an dem es in Kuba mangelt, Kapital schlagen und auf diese Knappheit setzen“. Über die Leidtragenden sagen sie zynisch: „Das ist nicht meine Familie.“ Doch betroffen sind genau jene, die auf ein Gehalt, eine Pension oder ein regelmäßiges Einkommen angewiesen sind – Menschen, „die noch nicht einmal sicher sein können, dass sie es am Geldautomaten abheben können“. Auf der einen Seite also Pensionistinnen und Pensionisten, Arbeiterinnen und Arbeiter, Familien; auf der anderen Seite Akteure, für die gilt: „Geschäft ist Geschäft, und zwar ein lukratives und nichts für Weichlinge, die für irgendjemanden Mitleid empfinden.“
Banken ohne Bargeld – Bargeld ohne Banken
Der Artikel legt offen, dass es in Kuba heute zu einer absurden, aber politisch erklärbaren Situation gekommen ist: Banken ohne Bargeld und gleichzeitig Privatpersonen, die genau dieses Bargeld horten. „Es existieren also Banken mit zwei Arten von Schaltern nebeneinander: die von Personen, die fast immer nicht arbeiten, und die automatisierten, die fast immer leer sind.“
Diese Realität ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis gezielter Praktiken: Bargeld wird dem offiziellen Kreislauf entzogen, um auf dem informellen Markt Gewinne zu erzielen – auf Kosten der Allgemeinheit und der Stabilität der Landeswährung.
Subversion mit Wechselkursen
Granma benennt den politischen Charakter dieser Delikte unmissverständlich. Die beschriebenen Aktivitäten dienen „dem subversiven Ziel, dem Land die Geldzuflüsse aus Überweisungen zu entziehen und die Landeswährung durch die Nutzung der Referenzkurse des sogenannten informellen Devisenmarktes zu schwächen“.
Damit wird deutlich: Es geht nicht nur um individuelle Bereicherung, sondern um einen Angriff auf die makroökonomische Stabilität Kubas. Die Diskrepanz zwischen einem dysfunktionalen offiziellen Referenzkurs und den „durch informelle Marktkurse aufgebauschten künstlichen Differenzen“ schafft genau jenen Spielraum, den diese Netzwerke für Spekulation nutzen.
Internationale Netzwerke und organisierte Geldwäsche
Besonders detailliert schildert der Bericht einen aktuellen Schlag des Innenministerium Kubas gegen ein internationales Geldwäschenetzwerk. Dieses fing in den USA Geldüberweisungen ab, die für Familien in Kuba bestimmt waren, und zahlte sie auf der Insel in kubanischen Pesos aus. Die einbehaltenen Dollar wurden genutzt, um in den USA Waren für kubanische Kleinst‑, Klein- und Mittelbetriebe zu kaufen; die Verkaufserlöse dienten wiederum zur Auszahlung der Überweisungen.
Der Gewinn lag in den Provisionen – „sowohl für den Kauf und Import der Waren als auch für den Geldtransferdienst“. Oberstleutnant Yisnel Rivero Crespo, Leiter der Abteilung für Wirtschaftskriminalität, bestätigte gegenüber Granma, dass landesweit über hundert Ermittlungen gegen ähnliche Strukturen laufen.
Besonders aufschlussreich ist der Fall Villa Clara: Ein einzelner Manager in Kuba koordinierte gleichzeitig zwei Finanziers – einen in den USA, einen in Spanien. Genau dort, wo die größten kubanischen Gemeinden im Ausland leben, lassen sich „große Mengen an Fremdwährung veruntreuen“, in Rechnung stellen und anschließend in Pesos kompensieren.
Bargeldströme in dreistelliger Millionenhöhe
Die Dimensionen sind enorm. Laut Rivero Crespo kontrollierte der Hauptverantwortliche wöchentlich einen Bargeldfluss von „mehreren hundert Millionen Pesos“, gespeist aus Verkäufen nichtstaatlicher Unternehmen. Montags und freitags wurden Überweisungen ausgezahlt, „auf Wunsch des Kunden auch in US-Dollar“ – weshalb auch der illegale Dollarkauf Teil des Geschäfts war. Die Provisionen lagen zwischen 6 % und 12 % des Kaufpreises zuzüglich Importkosten.
Ähnliche Fälle wurden in Pinar del Río und Havanna dokumentiert – von organisierten Gruppen bis hin zu Einzeltätern, die ihre Häuser in „buchstäbliche Wechselstuben“ verwandelten.
Solidarität statt Spekulation
Granma stellt am Ende die entscheidende Frage: „Könnten ein oder zwei solcher Verbrechen die nationale Wirtschaft erschüttern?“ Wahrscheinlich nicht. Doch dass es sich um ein „landesweit verbreitetes Phänomen“ handelt, macht ein entschlossenes Eingreifen notwendig – strafrechtlich und politisch.
Der Bericht ist deshalb mehr als eine Kriminalchronik. Er ist ein Plädoyer für wirtschaftliche Souveränität, für soziale Verantwortung und gegen jene, die Knappheit zur Ware machen. Denn diese Akteure kümmert es nicht, „ob die von ihnen gehorteten Bargeldberge … dazu führen, dass Hunderte von Geldautomaten leer stehen oder die Guthaben von Tausenden von Rentnern auf ihren Magnetkarten nicht ausgezahlt werden können“.
Der Kampf gegen Devisenspekulation, Bargeldhortung und organisierte Finanzkriminalität ist kein Selbstzweck, sondern Teil der Verteidigung eines gesellschaftlichen Projekts, das auf Solidarität statt auf Profitlogik beruht. Das sozialistische Kuba steht unter enormem äußeren Druck – ökonomisch, finanziell und politisch – und dennoch hält es am Anspruch fest, soziale Rechte, Würde und kollektive Verantwortung über den Markt zu stellen. Wer heute Knappheit ausnutzt, schwächt nicht nur die Währung, sondern greift das soziale Gefüge an, das Millionen Kubanerinnen und Kubaner trotz widrigster Umstände trägt. Kuba-solidarisch zu sein heißt deshalb, diese Angriffe als das zu benennen, was sie sind: Teil eines umfassenden Versuchs, ein sozialistisches Gesellschaftsmodell zu destabilisieren – und zugleich die Anstrengungen zu unterstützen, mit denen Kuba seine Souveränität, soziale Gerechtigkeit und sozialistische Perspektive verteidigt.
Quelle: Granma




















































































