Wien. Die Arbeitslosigkeit ist im September weiter gestiegen. Laut Sozialministerium waren österreichweit 381.200 Personen ohne Beschäftigung oder in Schulungen des Arbeitsmarktservice (AMS). Das sind rund 6.000 Personen beziehungsweise ein Prozent mehr als im September des Vorjahres. Besonders auffällig ist: Der Anstieg geht vor allem auf eine deutliche Zunahme der Arbeitslosigkeit bei Frauen zurück.
Die steigende Arbeitslosigkeit betrifft laut Ministerium beinahe alle Altersgruppen und fast alle Bundesländer. Eine Ausnahme bildet Wien, wo die Arbeitslosigkeit im Jahresvergleich leicht zurückging. Besonders stark betroffen war hingegen Niederösterreich mit einem Plus von 7,7 Prozent.
Mehr als 100.000 Langzeitarbeitslose
Besonders problematisch ist die Entwicklung bei der Langzeitarbeitslosigkeit. Im September waren 104.101 Personen seit mindestens zwölf Monaten ohne Beschäftigung beim AMS gemeldet. Das entspricht einem Anstieg von elf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit ist bereits rund ein Drittel aller vorgemerkten arbeitslosen Personen langzeitbeschäftigungslos.
Diese Zahlen zeigen, dass Arbeitslosigkeit für viele Menschen nicht nur eine kurze Übergangsphase ist. Wer einmal länger aus dem Arbeitsmarkt gedrängt wird, hat es häufig besonders schwer, wieder eine Stelle zu finden. Das betrifft nicht nur das Einkommen, sondern auch Gesundheit, soziale Sicherheit, Selbstwertgefühl und die spätere Pension.
Frauen besonders betroffen
Während die Zahl arbeitsloser Männer im September leicht um 0,6 Prozent sank, stieg jene der arbeitslosen Frauen um sechs Prozent. Das Sozialministerium verwies in diesem Zusammenhang auch auf den weiterhin bestehenden Gender-Pay-Gap. Laut Eurostat-Zahlen lag der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern in Österreich zuletzt bei 11,1 Prozent.
Arbeits- und Sozialministerin Korinna Schumann betonte, Frauen bräuchten gute Beschäftigungschancen und eigenständige finanzielle Absicherung. Gleiche und gleichwertige Arbeit müsse gleich bezahlt werden.
Auch die Arbeiterkammer und der ÖGB sehen die Entwicklung mit Sorge. AK-Präsidentin Renate Anderl verwies besonders auf ältere Frauen. Seit der Anhebung des Frauenpensionsalters wachse die Zahl arbeitsloser Frauen über 60 Jahre deutlich. Wer ein höheres Pensionsalter verlange, müsse auch dafür sorgen, dass Frauen gesund bis zur Pension arbeiten können.
Der ÖGB verwies zusätzlich darauf, dass bei jüngeren Frauen fehlende Kinderbetreuungsplätze und eingeschränkte Öffnungszeiten weiterhin ein Hindernis für Erwerbstätigkeit darstellen.
Lehrstellenlücke wächst
Auch am Lehrstellenmarkt zeigt sich eine angespannte Lage. Im September waren 11.693 Lehrstellensuchende gemeldet, während österreichweit 7.716 offene Lehrstellen verfügbar waren. Damit ergibt sich eine Lehrstellenlücke von 3.977 Stellen. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich diese Lücke um rund 800 vergrößert.
Die Zahl der arbeitssuchenden Lehrlinge stieg um acht Prozent, während die offenen Ausbildungsplätze praktisch stagnierten. Besonders deutlich gingen die Lehrstellenmeldungen in Vorarlberg und Wien zurück. In Tirol gab es hingegen einen klaren Anstieg.
Für junge Menschen bedeutet diese Entwicklung zusätzliche Unsicherheit. Wer keine passende Lehrstelle findet, verliert wichtige Zeit am Beginn des Berufslebens. Zugleich zeigt die Lücke, dass die viel beschworene Sorge der Unternehmen um den „Fachkräftemangel“ oft nicht mit ausreichenden Ausbildungsangeboten einhergeht.
Personen mit Behinderung stark betroffen
Ein besonders dramatischer Anstieg zeigt sich bei Menschen mit Behinderung. Hier nahm die Arbeitslosigkeit um 17 Prozent zu. Auch Akademikerinnen und Akademiker waren deutlich stärker betroffen, hier stieg die Zahl der Jobsuchenden um 10,1 Prozent. Bei Menschen mit Lehrabschluss gab es ein Plus von fünf Prozent.
Die Zahl der beim AMS gemeldeten sofort verfügbaren offenen Stellen sank leicht auf 78.267. Gleichzeitig zeigt der hohe Anteil an Langzeitarbeitslosen, dass offene Stellen und arbeitssuchende Menschen nicht automatisch zusammenfinden. Qualifikation, Alter, Gesundheit, regionale Lage, Betreuungspflichten und die konkrete Qualität der angebotenen Jobs spielen eine wesentliche Rolle.
Industriellenvereinigung fordert Entlastung für Betriebe
Die Industriellenvereinigung reagierte auf die Arbeitsmarktdaten mit der Forderung nach einer weiteren Umsetzung der Industriestrategie. Sie verlangte unter anderem eine Senkung der Lohnnebenkosten und den Abbau von Bürokratie- und Regulierungslasten. Neue oder höhere Steuern bezeichnete die IV als „Gift für den Standort“ und als „Arbeitsplatzvernichter“.
Diese Argumentation ist nicht neu. Sobald Arbeitslosigkeit steigt, fordert die Kapitalseite niedrigere Kosten für Unternehmen. Aus Sicht der Beschäftigten ist jedoch entscheidend, welche Arbeitsplätze geschaffen werden: ob sie existenzsichernd bezahlt sind, ob sie gesund bis zur Pension ausgeübt werden können und ob sie echte Perspektiven bieten.
Jobverlust ist kein individuelles Versagen
Die aktuellen Arbeitsmarktdaten zeigen deutlich: Arbeitslosigkeit ist im Kapitalismus kein individuelles Versagen, sondern Teil des Systems. Unternehmen stellen ein, wenn es ihren Profiten nützt, und bauen Beschäftigung ab, wenn die Verwertung des Kapitals stockt. Die Betroffenen tragen dann die Folgen – mit Einkommensverlust, Unsicherheit und sozialem Druck.
Besonders deutlich wird das bei Frauen, älteren Beschäftigten, Lehrstellensuchenden und Menschen mit Behinderung. Gerade jene Gruppen, die am Arbeitsmarkt ohnehin strukturell benachteiligt sind, werden in Krisenzeiten besonders schnell an den Rand gedrängt. Gleichzeitig verlangt die Industriellenvereinigung Entlastungen für Unternehmen, während die Lage der Arbeitslosen als Druckmittel auf Löhne und Arbeitsbedingungen wirkt.
Notwendig sind sichere Arbeitsplätze, kürzere Arbeitszeiten bei vollem Lohn- und Personalausgleich, ein Recht auf Ausbildung, ein Ausbau öffentlicher Beschäftigung, flächendeckende Kinderbetreuung und ein Arbeitsmarkt, der nicht den Profitinteressen der Unternehmen untergeordnet ist. Solange Arbeit Ware bleibt, bleibt auch Arbeitslosigkeit ein Mittel der Disziplinierung. Wer arbeitslos ist, steht unter Druck. Wer beschäftigt ist, sieht, was droht, wenn er oder sie sich nicht fügt. Genau deshalb ist die soziale Frage am Arbeitsmarkt immer auch eine Klassenfrage.
Quelle: ORF























































































