Créteil. Frankreich erlebt einen heißen Herbst. Was mit Blockaden an einem Lycée in Créteil begann, hat sich innerhalb weniger Tage zu einer landesweiten Protestbewegung von Schülerinnen, Schülern und Studierenden ausgeweitet. Ausgangspunkt waren fehlende Lehrkräfte, überfüllte Klassen, marode Schulgebäude und jahrelange Unterfinanzierung im Bildungsbereich. Mittlerweile sind zahlreiche Schulen und Universitäten betroffen, Gewerkschaften solidarisieren sich mit der Bewegung, und die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu sah sich bereits zur Einberufung eines Krisenstabs gezwungen.
Die Proteste zeigen: Die französische Jugend wehrt sich gegen eine Politik, die öffentliche Bildung, soziale Sicherheit und Zukunftsperspektiven dem Spardiktat unterordnet. Laut Berichten sollen am Montag mehr als 400 Schulen geschlossen oder teilweise geschlossen bleiben, während für Dienstag weitere landesweite Proteste geplant sind.
Die Jugend sieht, was der Kapitalismus ihr bietet
Die französische Regierung versucht, die Proteste als Problem der öffentlichen Ordnung zu behandeln. Von Gewalt, Störungen und angeblicher Instrumentalisierung ist die Rede. Doch diese Erzählung soll vor allem verdecken, worum es tatsächlich geht: Eine Generation, die in heruntergesparten Schulen sitzt, deren Zukunft durch Prekarität, Teuerung, Konkurrenz und Perspektivlosigkeit geprägt ist, beginnt sich zu wehren.
Die Jugendlichen erleben unmittelbar, was neoliberale Politik bedeutet. Wenn Lehrkräfte fehlen, wenn Gebäude verfallen, wenn das Bildungssystem immer stärker nach Herkunft, Wohnort und sozialem Status sortiert, dann ist das Klassenpolitik von oben. Die Kinder der Arbeiterklasse bekommen den Mangel. Die Kinder der Bourgeoisie bekommen Privatschulen, Nachhilfe, Beziehungen und Sicherheit.
Macronismus heißt Angriff auf die Arbeiterklasse
Die Proteste richten sich gegen eine Politik, die unter Emmanuel Macron seit Jahren verschärft wurde: Entlastung für Unternehmen, Druck auf Sozialausgaben, Angriffe auf Renten, Privilegien für Kapitalbesitzer, Vertröstungen für die Mehrheit. Dieselbe Politik, die immer behauptet, man müsse zuerst die Wirtschaft stärken, bevor etwas verteilt werden könne.
Doch verteilt wurde längst. Nur eben nach oben. Die französische Arbeiterklasse kennt diese Logik. Sie hat sie bei der Rentenreform erlebt, bei Sozialkürzungen, bei Polizeigewalt, bei den Angriffen auf die Gelbwesten, bei der Verachtung gegenüber den Banlieues und bei jeder Haushaltsdebatte, in der für die Reichen immer Spielraum gefunden wird, während öffentliche Dienste angeblich zu teuer sind.
Die Jugendproteste sind keine isolierte Episode, sondern stehen in einer langen Reihe sozialer Kämpfe gegen den französischen Kapitalismus. Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, in der der Widerspruch zwischen den Bedürfnissen der Mehrheit und den Interessen des Kapitals immer offener hervortritt.
Wenn Bildung verrottet, ist das kein Zufall
Überfüllte Klassen, fehlende Lehrkräfte und baufällige Schulgebäude sind Folgen politischer Entscheidungen. Der Staat des Kapitals spart dort, wo die Arbeiterklasse ihre Zukunft braucht, und investiert dort, wo Kapitalverwertung, Repression und imperialistische Interessen gesichert werden.
Die französischen Schülerinnen, Schüler und Studierenden haben das verstanden. Sie blockieren nicht, weil sie „unvernünftig“ sind. Sie blockieren, weil sie sehen, dass Bitten nichts bringt. Wer jahrelang Mangel organisiert, darf sich nicht wundern, wenn die Betroffenen irgendwann nicht mehr brav um Reparaturen ersuchen, sondern den Betrieb stören.
Genau darin liegt die politische Bedeutung dieser Bewegung: Sie nimmt die Zumutungen nicht mehr still hin. Sie macht sichtbar, dass Bildung nicht neutral ist. Sie zeigt, dass Schulen und Universitäten Kampffelder der Klassengesellschaft sind.
Österreich sollte genau hinschauen
Auch Österreich sollte auf Frankreich blicken. Denn auch hier werden die alten Rezepte ständig neu aufgelegt: Budgetdisziplin, Standortlogik, Entlastung der Unternehmen, Wettbewerbsfähigkeit, Sparzwang. Die Bundesregierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS verteidigt ihre Budgetpolitik als notwendigen Konsolidierungskurs; zugleich wird etwa eine Senkung der Lohnnebenkosten ab 2028 um zwei Milliarden Euro pro Jahr als wirtschaftspolitischer Erfolg verkauft.
Die Arbeiterkammer Oberösterreich warnte hingegen, dass durch die zusätzlichen Budgetmaßnahmen vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Familien und Pensionistinnen und Pensionisten belastet würden. Rund drei Viertel der zusätzlichen Beiträge zur Defizitreduktion müssten demnach von diesen Gruppen getragen werden.
Das ist dieselbe Grundlogik wie in Frankreich: Die Mehrheit soll zahlen, damit die kapitalistische Ordnung stabil bleibt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter sollen verzichten. Die Jugend soll sich an Mangel gewöhnen. Die öffentlichen Dienste sollen mit zu wenig Personal und zu wenig Geld funktionieren. Und das Kapital soll Investitionsanreize, Entlastungen und Planungssicherheit bekommen.
Der Unterschied heißt Kampfbereitschaft
Frankreich zeigt aber nicht nur, wohin Kürzungspolitik führt. Frankreich zeigt auch, wie Widerstand aussehen kann. Schülerinnen und Schüler blockieren Schulen. Studierende schließen sich an. Gewerkschaften solidarisieren sich und drohen mit Streiks. Verschiedene soziale Kämpfe beginnen sich miteinander zu verbinden.
Genau das ist entscheidend. Isolierte Empörung lässt sich leicht beruhigen. Einzelne Proteste lassen sich ignorieren. Aber wenn Jugend, Beschäftigte, Gewerkschaften und soziale Bewegungen gemeinsam handeln, entsteht gesellschaftliche Macht.
Das ist die Lehre, die auch in Österreich gezogen werden muss. Die Arbeiterklasse darf sich nicht darauf beschränken, Verschlechterungen zu kommentieren, sondern sie muss sich organisieren. In Betrieben, Schulen, Universitäten, Stadtteilen und Gewerkschaften. Gegen Teuerung, gegen Kürzungen, gegen Bildungsabbau, gegen Sozialabbau, gegen die Abwälzung der Krise auf jene, die sie nicht verursacht haben.
Der ÖGB und die Fachgewerkschaften sollten genau hinschauen. Nicht, um französische Verhältnisse zu beklagen, sondern um zu verstehen, dass Klassenkampf nicht durch Sozialpartnerschaft ersetzt werden kann. Wer die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter vertreten will, muss bereit sein, Druck aufzubauen.
Keine Zukunft im Kapitalismus
Die Proteste in Frankreich zeigen vor allem eines: Die Krise des Kapitalismus produziert Widerstand. Sie produziert ihn nicht automatisch bewusst, organisiert oder revolutionär. Aber sie reißt die Maske herunter. Sie zeigt der Jugend, dass ihre Zukunft in diesem System nicht sicher ist. Sie zeigt den Arbeiterinnen und Arbeitern, dass ihre Lebensbedingungen immer wieder dem Profit geopfert werden. Sie zeigt, dass der bürgerliche Staat nicht neutral ist, sondern die Ordnung verteidigt, die diese Zustände hervorbringt.
Die Aufgabe besteht daher nicht darin, die französischen Proteste romantisch zu verklären. Entscheidend ist, aus ihnen zu lernen. Wut braucht Organisation. Protest braucht Richtung. Kämpfe gegen Kürzungen, schlechte Bildung, niedrige Löhne und Sozialabbau müssen zu einer bewussten Bewegung gegen die kapitalistische Ordnung verbunden werden.
Frankreich zeigt Österreich zweierlei: wohin die alten Rezepte führen – und dass man sich ihnen entgegenstellen kann. Irgendwann reicht es. Und dann beginnt der Herbst heiß zu werden.
Quelle: junge Welt




















































































