Nach jahrelanger Zurückweisung erkennt die israelische Armee nun offiziell eine Opferbilanz an, die von den Behörden im Gazastreifen stammt. Damit gerät die bisherige israelische Darstellung des Krieges zunehmend ins Wanken.
Über mehr als zwei Jahre hinweg haben israelische Regierungsvertreter, Militärsprecher sowie viele westliche Politikerinnen und Politiker und Medien die vom Gesundheitsministerium des Gazastreifens veröffentlichten Opferzahlen als unzuverlässig zurückgewiesen. Begründet wurde dies stets damit, dass die Behörde unter der Kontrolle der Hamas stehe. Die hohen Zahlen galten deshalb als politisch motiviert oder übertrieben.
Ein Bruch mit der bisherigen Linie der Vertuschung
Nun kommt die Relativierung dieser Position ausgerechnet von israelischer Seite selbst. Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) haben die vom Gesundheitsministerium gemeldete Zahl von mehr als 71.000 getöteten Palästinenserinnen und Palästinensern akzeptiert und begonnen, diese Daten intern auszuwerten. Darüber berichtete die israelische Tageszeitung Haaretz. Für viele Beobachterinnen und Beobachter markiert dies einen grundlegenden Wandel in der offiziellen israelischen Erzählung des Angriffkriegs gegen das palästinensische Volk.
Bemerkenswert ist dabei, dass internationale Expertinnen und Experten die palästinensischen Zahlen schon länger nicht als überzogen, sondern eher als vorsichtig eingeschätzt hatten – unter anderem, weil zahlreiche Opfer unter Trümmern vermutet werden und nicht vollständig erfasst sind. Dass Israel diese Bilanz nun anerkennt, wirft rückblickend ein kritisches Licht auf die jahrelange pauschale Zurückweisung der Zahlen und die damit verbundene Verlogenheit – in Israel wie in der EU.
Opferzahlen, Verantwortung und offene Fragen
Nach dem derzeit akzeptierten Stand beläuft sich die Zahl der Getöteten seit Beginn des Krieges auf 71.667 Menschen. Diese Zahl umfasst ausschließlich Personen, die direkt durch militärische Gewalt ums Leben kamen. Nicht einmal enthalten sind Menschen, die infolge von Hunger, Kälte oder unbehandelten Krankheiten starben – Faktoren, die eng mit der weitgehenden Zerstörung des Gesundheitssystems im Gazastreifen zusammenhängen. Israel bestreitet weiterhin entschieden die Existenz von Todesfällen durch Hunger.
Die IDF erklärt, sie prüfe nun, wie viele der Getöteten Kämpfer und wie viele Zivilisten gewesen seien. Zuvor hatte das israelische Militär angegeben, mindestens 22.000 Hamas-Kämpfer im Gazastreifen sowie 1.600 bewaffnete Angreifer innerhalb Israels getötet zu haben. Gleichzeitig behauptet die IDF ein Verhältnis von mindestens zwei getöteten Zivilisten auf einen getöteten Kämpfer und rechtfertigt dies mit dem Vorwurf, bewaffnete Gruppen hätten Zivilisten systematisch als „menschliche Schutzschilde“ missbraucht.
Unabhängig von dieser Darstellung bleibt festzuhalten: Selbst nach israelischer Lesart bedeutet dieses Verhältnis eine extrem hohe Zahl ziviler Opfer. Die nun akzeptierte Gesamtbilanz macht deutlich, welches Ausmaß die Zerstörung und der menschliche Verlust in Gaza angenommen haben. Dass diese Realität so lange bestritten oder relativiert wurde, wirft nicht nur moralische, sondern auch politische Fragen auf – insbesondere mit Blick auf die Verantwortung Israels und seiner Verbündeten für die öffentliche Bewertung dieses Krieges, der sich tagtäglich mehr und mehr als systematischer Völkermord entpuppt.
Quelle: l‘Unità

















































































