Im mittleren Burgenland wurden kürzlich zweisprachige Ortstafeln beschmiert. Der ORF Burgenland berichtete darüber – die Reaktionen reichten von Empörung bis hin zu Relativierungen in sozialen Medien. Was auf den ersten Blick wie eine bloße Sachbeschädigung erscheinen mag, berührt eine tiefere historische und gesellschaftliche Frage: jene nach dem Stellenwert von Minderheitenrechten, Mehrsprachigkeit und demokratischer Gleichberechtigung im Burgenland.
Eisenstadt. Im Gegensatz zu Kärnten blieb das Burgenland von massiven politischen Eskalationen rund um zweisprachige Ortstafeln weitgehend verschont. Während der Kärntner Ortstafelstreit jahrzehntelang Symbol für nationalistische Polarisierung war, setzte sich im Burgenland schrittweise ein pragmatischer Umgang mit der Anerkennung der kroatischen und ungarischen Volksgruppe durch. Wenngleich nicht zu vergessen ist, dass der Assimilationsdruck im Burgenland dazu führte, dass Sprache und Tradition der autochtonen Minderheiten zurückgedrängt wurden. Kroatisch und ungarisch in den Volksschulen wurde erst Jahrzehnte nach Ende der Nazi-Herrschaft eingeführt und das dreisprachige Gymnasium in Oberwart existiert auch noch nicht lange.
Die Rechte der Volksgruppen sind jedoch kein Geschenk, sondern Ergebnis politischer Auseinandersetzungen. Der Staatsvertrag von 1955 garantierte Minderheitenrechte, doch deren Umsetzung zog sich über Jahrzehnte. Zweisprachige Ortstafeln wurden erst vergleichsweise spät Realität – auch im Burgenland. Die Tafeln stehen daher nicht nur für Ortsbezeichnungen, sondern für die Anerkennung historisch gewachsener kultureller Identitäten.
Symbolpolitik oder demokratischer Anspruch?
Die jüngsten Schmierereien sind deshalb mehr als ein Einzelfall. Sie greifen ein Symbol an – jenes der sichtbaren Gleichberechtigung. In den Kommentaren zum ORF-Bericht zeigt sich ein gemischtes Bild. Viele verteidigen die Mehrsprachigkeit als selbstverständlichen Bestandteil der Region. Andere stellen ihren Nutzen infrage oder formulieren offen ablehnende Haltungen. Diese Spaltung verweist auf ein Spannungsfeld: Während ein Teil der Bevölkerung Mehrsprachigkeit als kulturellen Reichtum begreift, empfinden andere sie als überflüssig oder als Ausdruck einer Politik, die „nicht notwendig“ sei.
Historisch betrachtet treten solche Debatten häufig in Zeiten sozialer Unsicherheit verstärkt auf. Wenn Gemeinden mit finanziellen Engpässen kämpfen, wenn wirtschaftlicher Druck zunimmt oder Zukunftsperspektiven unsicher erscheinen, gewinnen identitäre Abgrenzungen oft an Boden. Mehrsprachige Ortstafeln werden dann nicht als demokratische Selbstverständlichkeit wahrgenommen, sondern als Projektionsfläche für Unzufriedenheit. Aus einer internationalistischen Perspektive stellt sich die Frage: Wem nützt diese Polarisierung? Sicherlich nicht den kroatischen oder ungarischen Volksgruppen im Burgenland. Aber auch nicht der deutschsprachigen Mehrheitsbevölkerung. Gesellschaftliche Spaltung entlang kultureller Linien verdeckt häufig soziale Fragen, die alle betreffen – von regionaler Infrastruktur bis hin zu ökonomischer Entwicklung.
Das Burgenland als historischer Begegnungsraum
Das Ruster Hügelland und das mittlere und südliche Burgenland sind seit Jahrhunderten mehrsprachige Räume. Kroatische, ungarische und deutschsprachige Bevölkerungsgruppen lebten hier nebeneinander, arbeiteten zusammen, teilten Landschaft und Alltag. Die Sichtbarkeit dieser Geschichte im öffentlichen Raum – etwa durch zweisprachige Tafeln – ist keine Provokation, sondern Ausdruck dieser gewachsenen Realität. Die Schmierereien greifen daher nicht nur Schilder an, sondern auch dieses historische Selbstverständnis. Zu diesem Selbstverständnis als mulitkultureller pannonischer Raum gehören auch die Sinti und Roma, die auch heute noch diskriminiert und an den Rand gedrängt werden. Den Aktivistinnen und Aktivisten eines Roma-Vereins in Oberwart ist es zu verdanken, dass die Sprache und Kultur der Roma erfasst und weitergegeben wird.
Die Frage, wie mit solchen Vorfällen umzugehen ist, geht über parteipolitische Positionierungen hinaus. Sie betrifft das demokratische Selbstverständnis einer Region. Mehrsprachigkeit ist kein Sonderrecht, sondern Teil verfassungsrechtlich garantierter Minderheitenrechte. Sie steht für die Anerkennung kultureller Vielfalt innerhalb eines gemeinsamen gesellschaftlichen Rahmens. Ob solche Rechte selbstverständlich bleiben oder erneut infrage gestellt werden, hängt davon ab, wie Gesellschaft und Politik reagieren – nicht mit Empörung allein, sondern mit Aufklärung, historischer Einordnung und einer klaren Haltung gegen Ausgrenzung. Die Debatte um beschmierte Ortstafeln ist damit auch eine Debatte über das gesellschaftliche Klima im Burgenland. Und darüber, ob Solidarität stärker ist als Ressentiment.


















































































