Die neuesten Berichte der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) legen offen, was im bürgerlichen Alltag gern verharmlost oder verschwiegen wird: Glücksspiel ist kein harmloser Zeitvertreib, keine „Unterhaltung“, kein unschuldiges Freizeitvergnügen. Glücksspiel ist ein gesellschaftliches Problem mit massiven sozialen Folgen. Rund 300.000 Menschen in Österreich zeigen zumindest ein problematisches Spielverhalten, ein Viertel davon schwer. Hinter diesen Zahlen stehen zerstörte Existenzen, zerbrochene Familien, Schuldenberge, psychische Erkrankungen und nicht selten Verzweiflung bis hin zu Suizidversuchen.
Wer angesichts dieser Realität noch von „Eigenverantwortung“ spricht, will die Verantwortung jener verdecken, die an der Sucht verdienen.
Ein Geschäftsmodell auf Elend gebaut
Besonders hoch ist das Suchtpotenzial laut GÖG bei Glücksspielautomaten, Sportwetten und Poker. Zugleich entwickeln sich vor allem Onlineangebote und Sportwetten „besonders dynamisch“. Das ist kein Zufall. Gerade diese Angebote sind rund um die Uhr verfügbar, aggressiv beworben, technisch darauf ausgelegt, Nutzer ständig zurückzuholen, und gezielt auf junge Menschen zugeschnitten.
Das kapitalistische Geschäftsmodell dahinter ist einfach: Gewinne privatisieren, Schäden sozialisieren.
Die Betreiber kassieren Milliarden. Die Werbeindustrie verdient mit. Sponsoringverträge im Profisport fließen. Der Staat nimmt Gebühren und Steuern ein. Bezahlen müssen am Ende die Betroffenen, ihre Angehörigen und die Allgemeinheit: mit Schuldenregulierungen, Therapiebedarf, psychischen Krisen, Arbeitslosigkeit und sozialem Absturz.
Wenn laut Anton Proksch Institut Betroffene durch Verschuldung in einen „existenziell bedrohlichen“ Zustand geraten können, dann handelt es sich nicht um individuelles Scheitern, sondern um systematisch produzierte Not.
Junge Menschen als Zielscheibe
Besonders alarmierend ist der Zusammenhang zwischen häufigem Glücksspiel und psychischen Belastungen bei jungen Menschen. Eine Gesellschaft, die Jugendlichen steigende Mieten, unsichere Jobs, Leistungsdruck und Zukunftsangst bietet, liefert ihnen gleichzeitig digitale Wettapps direkt aufs Smartphone.
Dort wird mit schnellen Gewinnen, Statusphantasien und dem Mythos vom „großen Treffer“ geworben. Tatsächlich verlieren die meisten – Geld, Stabilität, Beziehungen und oft jede Perspektive.
Das Glücksspiel nutzt genau jene Unsicherheiten aus, die der Kapitalismus selbst hervorbringt. Wer wenig hat, wird mit der Illusion geködert, plötzlich viel gewinnen zu können. Das ist die perverse Logik eines Systems, das soziale Sicherheit abbaut und Hoffnung zur Ware macht.
Der Mythos der Regulierung ist gescheitert
Seit Jahren wird behauptet, man könne Glücksspiel „verantwortungsvoll regulieren“. Die Realität spricht dagegen. Trotz Auflagen, Warnhinweisen und angeblicher Spielerschutzmaßnahmen steigt besonders der problematische Onlinebereich weiter an.
Denn Regulierung stößt dort an ihre Grenzen, wo Profitinteressen dominieren. Kein Konzern wird ernsthaft Maßnahmen setzen, die sein Geschäftsmodell zerstören. Kein Wettanbieter investiert Millionen in Werbung, um Menschen vom Spielen abzuhalten.
Solange Glücksspiel erlaubt bleibt, bleibt auch der ökonomische Anreiz bestehen, möglichst viele Menschen möglichst lange möglichst viel verlieren zu lassen.
Was notwendig ist
Aus sozial- und gesundheitspolitischer Sicht braucht es daher einen konsequenten Kurswechsel. Online-Glücksspiel und Sportwetten müssen verboten werden, weil gerade diese Formen besonders leicht zugänglich sind und hohe Suchtgefahren bergen. Glücksspielautomaten und Spielhallen, deren Geschäftsmodell auf permanenter Verfügbarkeit und schnellen Verlusten beruht, gehören geschlossen. Auch das sogenannte „kleine Glückspiel“ gehört mit verboten. Ebenso notwendig ist ein vollständiges Verbot von Glücksspielwerbung und Sponsoring, damit insbesondere junge Menschen nicht weiter systematisch als neue Kundschaft angeworben werden.
Gleichzeitig müssen kostenlose Therapie- und Beratungsangebote massiv ausgebaut werden, damit Betroffene rasch und ohne finanzielle Hürden Hilfe erhalten. Wer durch diese Industrie in die Verschuldung getrieben wurde, braucht zudem wirksame Entschuldungsprogramme statt Stigmatisierung. Ergänzend dazu ist eine breite öffentliche Aufklärung über die sozialen, psychischen und finanziellen Folgen des Glücksspiels erforderlich.
Wer es ernst meint mit Prävention, kann nicht gleichzeitig zulassen, dass Konzerne an Sucht verdienen.
Für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Suchthandel
Glücksspiel ist kein Randphänomen. Es ist Ausdruck einer Gesellschaft, in der selbst Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht nach einem besseren Leben kommerzialisiert werden. Der Kapitalismus verkauft den Armen das Losglück, während er Reichtum nach oben verteilt.
Eine sozialistische Gesellschaft hätte keinen Bedarf an Wettkonzernen, Automatensalons und digitalen Fallen. Sie würde Sicherheit statt Existenzangst schaffen, sinnvolle Freizeit statt manipulativer Suchtangebote ermöglichen und Gesundheit über Profit stellen.
300.000 Betroffene sind Mahnung genug. Glücksspiel gehört nicht kosmetisch reformiert, sondern abgeschafft.
Quelle: ORF




















































































