Ende April 1920 vollendete Wladimir Iljitsch Lenin eine Schrift, die zu den meistdiskutierten, meistmissverstandenen und bis heute zu den wichtigsten Texten der revolutionären Arbeiterbewegung zählt: Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus. Geschrieben in einer Zeit der Umbrüche, der Hoffnungen und Niederlagen, richtete sich das Buch an jene jungen kommunistischen Parteien Europas, die nach dem Verrat der Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck der Oktoberrevolution entstanden waren.
Auch in Österreich war diese neue Epoche angebrochen. Am 3. November 1918 wurde in Wien-Favoriten die spätere Kommunistische Partei Österreichs gegründet. Die alte Einheit der Arbeiterbewegung war zerbrochen. Die Sozialdemokratie hatte 1914 dem Krieg zugestimmt und die Arbeiterbewegung gespalten. Sie unterdrückte nach Kriegsende die revolutionäre Bewegung und setzte auf Verwaltung statt Umwälzung. Mit der KPÖ entstand erstmals eine eigenständige kommunistische Partei in Österreich.
Doch die jungen kommunistischen Parteien waren nicht nur Kinder einer neuen Zeit – sie litten auch an ihren Kinderkrankheiten.
Wenn Empörung Strategie ersetzt
Lenins Schrift entstand nicht gegen den Reformismus der alten Sozialdemokratie allein. Gegen diesen Bruch hatte sich die kommunistische Bewegung bereits organisiert. Nun trat ein anderes Problem hervor: eine ultralinke Reaktion auf den rechten Opportunismus.
In vielen Ländern meinten Teile der neuen Bewegung, revolutionär zu sein bedeute vor allem, alles Bestehende sofort zu verwerfen: Parlamente boykottieren, Gewerkschaften verlassen, Kompromisse prinzipiell ablehnen, taktische Bündnisse verweigern. Der reine Wille sollte die Analyse ersetzen.
Lenin hielt dagegen. Revolutionäre Politik, so seine zentrale These, besteht nicht aus Gesten, sondern aus der Fähigkeit, reale Kräfteverhältnisse zu erkennen und im Interesse der Arbeiterklasse zu handeln. Wer die Massen dort nicht aufsucht, wo sie tatsächlich stehen, wer nur unter bereits Überzeugten agiert, der bleibt eine Sekte.
Gerade deshalb verteidigte Lenin die Teilnahme an Wahlen und Parlamenten – nicht aus Ehrfurcht vor bürgerlichen Institutionen, sondern als Kampffeld. Solange Arbeiterinnen und Arbeiter dort politisch gebunden seien, müsse man dort sprechen, agitieren, organisieren. Wer das verweigere, laufe Gefahr, „Schwätzer zu werden“, wie Lenin polemisch formulierte.
Eine Lehre auch für die frühe KPÖ
Diese Debatte war für Österreich keineswegs abstrakt. Die junge KPÖ entstand in einer revolutionären Periode: Jännerstreik, Matrosenaufstand von Cattaro, Zusammenbruch der Monarchie, Rätebewegung, Hunger, soziale Krise. Vieles schien offen.
Doch die Partei war organisatorisch schwach, ohne starke verankerte Linksopposition aus der Sozialdemokratie hervorgegangen, ohne erfahrene Führungskader, ohne breite Massenbasis. Während die Sozialdemokratie Einfluss in den Arbeiterbezirken behielt, neigte die KPÖ zeitweise selbst zu jenem linken Radikalismus, den Lenin kritisierte: voluntaristische Überschätzung der Lage, putschistische Vorstellungen, Fraktionskämpfe, Abkapselung von Teilen der Arbeiterklasse.
Hier gewann Lenins Schrift unmittelbare Bedeutung. Sie war kein akademischer Text, sondern eine praktische Anleitung zur politischen Reifung. Sie sagte den jungen Parteien: Revolutionäre Gesinnung genügt nicht. Man muss führen können. Man muss organisieren können. Man muss geduldig sein können.
Die schwierige Kunst, konkret zu sein
Der vielleicht wichtigste Gedanke des Buches liegt in seiner Nüchternheit. Lenin beharrt darauf, dass es keine allgemeine Revolutionsschablone gibt. International gültig seien zwar der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit, die Notwendigkeit einer revolutionären Kaderpartei, Bündnispolitik, Organisation und eine revolutionäre Strategie. Das darf aber nicht dazu führen, die konkreten Verhältnisse in den verschiedenen Ländern zu ignorieren.
Das war auch eine Warnung an jene, die die russische Erfahrung bloß kopieren wollten. Lenin selbst betonte, dass nicht alle Besonderheiten Russlands übertragbar seien. Den ansonsten droht das Abgleiten in Vulgarismus und Symbolpolitik.
Gerade angesichts des Fehlens von starken Kommunistischen Parteien, die tief in der Arbeiterklasse verankert sind, in vielen Ländern Europas und der absoluten Dominanz der Sozialdemokratie in den Gewerkschaften, gilt es mit aller Schärfe den Opportunismus und Revisionismus zu bekämpfen. Allerdings sollte man dabei nicht in reine Symbolpolitik und Linksradikalismus abgleiten. Insofern bleibt auch dieses Werk weiter aktuell.



















































































