Wien Hernals. Während Politikerinnen und Politiker jedes Jahr aufs Neue von „Klimaanpassung“, „Lebensqualität“ und „Abkühlung im urbanen Raum“ sprechen, zeigt sich in Wien-Hernals die Realität der öffentlichen Infrastruktur: Der gesamte Bezirk steht im Sommer 2026 praktisch ohne Bademöglichkeit da.
Das über 100 Jahre alte Jörgerbad wird ab Juli wegen umfangreicher Sanierungsarbeiten geschlossen. Gleichzeitig bleibt das Bad Neuwaldegg weiterhin dicht, weil noch immer ein Betreiber gesucht wird.
Natürlich heißt es offiziell, die Sanierungen seien notwendig. Energiesparmaßnahmen, Dachkonstruktion, Lüftung, Sanitäranlagen – alles klingt vernünftig und technisch alternativlos. Und selbstverständlich ist es besser, ein Bad zu sanieren, als es verfallen zu lassen. Die eigentliche Frage lautet jedoch: Warum wird öffentliche Infrastruktur jahrzehntelang kaputtgespart, bis schließlich Totalsanierungen notwendig werden? Nun ja, weil Investitionen in öffentliche Daseinsvorsorge im Kapitalismus immer erst dann passieren, wenn nichts anderes mehr geht.
Die Bewohnerinnen und Bewohner Hernals’ dürfen nun auf „Ausweichmöglichkeiten“ zurückgreifen. Offiziell empfohlen werden das Kongressbad in Ottakring oder das Schafbergbad in Währing. Übersetzt heißt das: Mehr Menschen auf weniger Fläche, überfüllte Becken, längere Anfahrtswege und noch weniger Platz in ohnehin bereits stark ausgelasteten Freibädern.
Wer sich keinen Urlaub leisten kann, darf sich eben in die nächste überfüllte Chlor-Suppe stellen.
Besonders zynisch wirkt das angesichts immer heißerer Sommer. Während die Temperaturen steigen und Hitzewellen zur Normalität werden, verschwindet öffentliche Infrastruktur genau dort, wo sie am dringendsten gebraucht würde. Für viele Menschen – insbesondere Arbeiterinnen und Arbeiter, Familien oder ältere Personen – sind Freibäder keine Luxusfrage, sondern eine der wenigen leistbaren Möglichkeiten zur Erholung und Abkühlung.
Dass das Bad Neuwaldegg weiterhin geschlossen bleibt, weil erst ein neuer Betreiber gefunden werden muss, passt dabei perfekt ins Bild. Selbst grundlegende Freizeit- und Erholungsangebote werden zunehmend nach betriebswirtschaftlicher Logik organisiert. Nicht die Bedürfnisse der Bevölkerung stehen im Zentrum, sondern die Frage, ob sich ein Betrieb „rechnet“.
Genau darin liegt das Problem. Denn öffentliche Infrastruktur wird im Kapitalismus nicht nach gesellschaftlichem Nutzen bewertet, sondern nach Kosten und Verwertbarkeit. Was keinen unmittelbaren Profit bringt, wird ausgelagert oder eingespart – bis schließlich ganze Bezirke ohne Versorgung dastehen.
Die Stadt der schönen PR-Kampagnen
Gleichzeitig produziert die Stadt Hochglanzkampagnen über „lebenswerte Bezirke“, „Klimaschutz“ und „coole Zonen“. In der Realität bedeutet das für Hernals im Sommer 2026 vor allem eines: nasse Abkühlung Fehlanzeige. Natürlich wird versprochen, dass irgendwann alles besser wird. Vielleicht 2027. Vielleicht später. Vielleicht dann mit „modernisiertem Konzept“, „nachhaltiger Infrastruktur“ und irgendeiner neuen PR-Offensive.
Quelle: weekend.at



















































































