Wien. Die Teuerung macht vor nichts halt – nicht einmal vor dem Leitungswasser. Ein aktueller Stichproben-Preismonitor der Arbeiterkammer zeigt: Nur drei von 30 geprüften Wiener Lokalen servieren Leitungswasser gratis, auch wenn Speisen oder andere Getränke konsumiert werden. In 23 Lokalen wird selbst dann kassiert, wenn Gäste ohnehin essen oder trinken. Ein halber Liter Leitungswasser kostet bis zu 3,60 Euro, ein Viertelliter bis zu 1,80 Euro.
Man muss sich das kurz auf der Zunge zergehen lassen: Wasser aus der Leitung, also jenes Gut, das in Wien gern als öffentliches Qualitätsversprechen gefeiert wird, kommt im Lokal mitunter zu Preisen auf den Tisch, bei denen man beinahe glauben könnte, dass es vorher persönlich von einem Berggeist aus dem Hochschwab getragen wurde. Tatsächlich liegen die Kosten für 1.000 Liter Leitungswasser laut AK bei nur 2,27 Euro. Der Rest ist nicht Wasser, sondern Kalkulation.
Die Teuerung sitzt mit am Tisch
Der AK-Monitor zeigt, dass der Durchschnittspreis für einen halben Liter Leitungswasser in Wiener Lokalen mittlerweile bei 2,05 Euro liegt. 2014 waren es noch 1,39 Euro. Das entspricht einem Plus von 47,5 Prozent. Die allgemeine Inflation lag im Vergleichszeitraum bei 44 Prozent. Selbst das Leitungswasser läuft also brav im Gleichschritt mit der allgemeinen Preisentwicklung – nur dass hier nicht Rohstoffpreise, Ernteausfälle oder Weltmarktverwerfungen als Erklärung herhalten können.
Natürlich müssen auch Gastronomiebetriebe mit steigenden Kosten kämpfen. Personal, Miete, Energie, Lebensmittel, Versicherungen, Abgaben – all das ist real. Es wäre falsch, ausgerechnet einzelne Wirtinnen und Wirte zum Hauptfeind zu erklären. Viele kleinere Betriebe stehen selbst unter Druck, zahlen hohe Pachten, werden von Lieferantenpreisen getroffen und kämpfen ums Überleben. Wer die Teuerung nur an der Wasserrechnung im Kaffeehaus moralisch ablädt, verfehlt den Kern.
Aber gerade deshalb ist der Fall interessant. Er zeigt, wie die Teuerung als gesellschaftliche Gesamtlage bis in die absurdesten Alltagssituationen hineinwirkt. Wenn überall Preise steigen, wird auch dort an der Schraube gedreht, wo das Produkt selbst kaum etwas kostet. Der Kostendruck wird weitergereicht, die Kundinnen und Kunden zahlen, und am Ende wirkt selbst Leitungswasser wie ein weiterer kleiner Tribut an eine Ordnung, in der jede Gelegenheit zur Einnahmequelle werden muss.
Wasser als Ware
Der entscheidende Punkt ist nicht, ob ein einzelnes Lokal 80 Cent oder 3,60 Euro verlangt. Entscheidend ist, dass selbst elementare Güter im Kapitalismus ständig in Warenform gepresst werden. Wasser ist eine Voraussetzung des Lebens. Im Lokal wird daraus ein kalkulierbarer Posten auf der Karte.
Das ist kein Zufall. Der Kapitalismus kennt Dinge nicht zuerst als gesellschaftliche Bedürfnisse, sondern als mögliche Einnahmequellen. Raum, Zeit, Arbeit, Aufmerksamkeit, Gesundheit, Pflege, Wohnen, Energie, Mobilität – alles wird verrechnet. Warum sollte ausgerechnet ein Glas Wasser verschont bleiben?
Der Wasserpreis im Lokal ist daher kein großer Skandal für sich allein. Er ist ein kleines, beinahe lächerliches, aber sehr anschauliches Symptom einer größeren Entwicklung. Die Menschen zahlen höhere Mieten, höhere Lebensmittelpreise, höhere Energiekosten, höhere Gebühren und höhere Preise im Alltag. Und wenn sie sich dann einmal in ein Lokal setzen, kostet selbst das Glas Leitungswasser. Willkommen im Kapitalismus.
Kein Wirtinnen- und Wirte-Bashing
Gerade eine klassenbewusste Kritik muss vermeiden, kleine Gastronomiebetriebe gegen Konsumentinnen und Konsumenten auszuspielen. Die einen sitzen am Tisch und ärgern sich über 2 Euro für Leitungswasser. Die anderen stehen hinter der Theke und rechnen sich durch, wie Miete, Strom, Personal und Wareneinsatz noch bezahlt werden sollen. Beide Seiten werden in eine Situation gedrängt, in der jeder Euro zur Konfliktfrage wird.
Das eigentliche Problem sitzt nicht im einzelnen Gasthaus, sondern in den Verhältnissen dahinter: steigende Gewerbemieten, hohe Energiekosten, Druck durch große Lieferketten, Konkurrenz, Personalmangel, niedrige Löhne, unsichere Margen und eine allgemeine Teuerung, die von oben nach unten weitergereicht wird. Die Arbeiterinnen und Arbeiter zahlen als Beschäftigte, als Mieterinnen und Mieter, als Kundinnen und Kunden – und kleine Selbstständige geraten ebenfalls unter Druck.
Die großen Profite werden anderswo gemacht: bei Immobilienkonzernen, Energiekonzernen, Lebensmittel- und Getränkegroßhandel, Banken, Plattformen und jenen Kapitalfraktionen, die an jeder Stufe der Wertschöpfung mitschneiden. Unten bleibt dann der Streit darüber, ob das Leitungswasser gratis sein darf.
Die Absurdität des Aufspritzens
Besonders schön zeigt sich die Logik beim aufgespritzten Apfel- oder Orangensaft. In 24 von 30 Lokalen kostet das Aufspritzen mit Leitungswasser extra, je nach Lokal zwischen 30 Cent und zwei Euro. Wasser, das aus der Leitung kommt, wird zur Aufwertung eines Getränks und damit zur eigenen kleinen Preisposition.
Auch hier gilt: Betriebswirtschaftlich lässt sich immer irgendeine Begründung finden. Service, Glas, Abwasch, Personal, Sitzplatz, Kalkulation. Im Kapitalismus ist nichts einfach nur da. Alles muss in Rechnung gestellt werden können. Selbst der Schluck Wasser wird nicht nach seinem tatsächlichen stofflichen Wert betrachtet, sondern nach seiner Rolle im Geschäftsmodell.
Das wirkt kleinlich, ist aber gesellschaftlich aufschlussreich. Denn es zeigt, wie tief die Verwertungslogik reicht. Nicht nur Luxus, nicht nur Immobilien, nicht nur Energie – selbst die banalsten Dinge des Alltags werden zur Preisfrage.
Die AK-Forderung ist richtig, aber zu klein
Die Forderung der Arbeiterkammer, Leitungswasser solle gratis bleiben, wenn im Lokal gegessen wird oder andere Getränke bestellt werden, ist richtig. Sie ist bescheiden, vernünftig und unmittelbar nachvollziehbar. Niemand sollte in einem Lokal, in dem ohnehin konsumiert wird, für ein Glas Leitungswasser abkassiert werden.
Aber auch hier zeigt sich die Begrenztheit solcher Forderungen. Sie korrigieren einzelne Auswüchse, greifen aber nicht die Ursachen an. Die Frage lautet nicht nur: Soll Leitungswasser gratis sein? Die Frage lautet: Warum wird in einer Gesellschaft, die reich genug wäre, allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen, jeder Bereich des Alltags immer stärker zur Belastung?
Warum werden die Löhne von der Teuerung aufgefressen? Warum steigen Mieten schneller als Einkommen? Warum werden Energie, Lebensmittel, Wohnen und Freizeit zur Dauerbelastung? Warum müssen Menschen jede Ausgabe zweimal überlegen, während Profite, Dividenden und Vermögen weiter wachsen?
Teuerung ist Klassenpolitik
Die Debatte um Leitungswasser in Wiener Lokalen ist deshalb mehr als eine Konsumentenschutzgeschichte. Sie ist eine kleine Szene aus dem großen Stück namens Teuerung. Ob an der Supermarktkassa, bei der Miete, beim Strom, im Kaffeehaus oder beim Glas Wasser: Die Kosten werden nach unten weitergereicht.
Die herrschende Politik redet dann von Markt, Kostenwahrheit und Eigenverantwortung. In Wirklichkeit handelt es sich um Klassenpolitik. Die Arbeiterklasse soll die Preissteigerungen tragen, während die großen Eigentümerinnen und Eigentümer, Konzerne und Vermögenden ihre Ansprüche sichern. Der einzelne Betrieb, die einzelne Konsumentin, der einzelne Kellner, die einzelne Wirtin – sie alle werden gegeneinander gestellt, während die eigentlichen Machtverhältnisse unangetastet bleiben.
Wasser darf kein Luxus werden
Das Leitungswasser im Lokal ist ein treffendes Bild für eine Gesellschaft, in der selbst Selbstverständliches nicht mehr selbstverständlich ist. Wer konsumiert, soll zahlen. Wer sitzt, soll zahlen. Wer Durst hat, soll zahlen. Wer lebt, soll zahlen.
Eine vernünftige Gesellschaft würde Grundbedürfnisse nicht zur Einnahmequelle machen. Sie würde Wasser, Wohnen, Energie, Gesundheit, Bildung und Mobilität nicht den Gesetzen des Profits unterwerfen. Sie würde nicht jede menschliche Notwendigkeit in Rechnung stellen.
Leitungswasser soll gratis bleiben, wenn Menschen in einem Lokal essen oder trinken. Das ist das Mindeste. Aber die größere Aufgabe bleibt: eine Gesellschaft zu schaffen, in der nicht jeder Schluck, jeder Quadratmeter, jede Kilowattstunde und jede Stunde Arbeit durch die Brille der Verwertung betrachtet wird.
Quelle: Arbeiterkammer















































































