Wien. Die erste Runde der Kollektivvertragsverhandlungen im Tourismus ist ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Die Unternehnensseite – vertreten durch die Wirtschaftskammer – lehnt die Forderungen der Beschäftigten als „in der aktuellen wirtschaftlichen Situation der Branche nicht umsetzbar“ ab. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt: Diese Argumentation hält auch in dieser Branche einer genaueren Prüfung kaum stand.
Die Gewerkschaft vida fordert für die rund 200.000 bis 240.000 Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie eine Lohn- und Gehaltserhöhung von 3,8 Prozent, zwölf garantierte freie Sonntage sowie bezahlte Mittagspausen. Die Unternehmen boten dagegen lediglich 2,3 Prozent mehr Lohn an – also deutlich unter der Inflationsrate von rund 3,6 Prozent. Ein solcher Abschluss würde real einen Einkommensverlust bedeuten, in einer Branche, die ohnehin von vergleichsweise niedrigen Löhnen betroffen ist.
Gleichzeitig spricht die Branche von wirtschaftlichen Schwierigkeiten. „Was wirtschaftlich nicht machbar ist, kann auch nicht vereinbart werden“, erklärten die Chefverhandler der gastgewerblichen Fachverbände in der Wirtschaftskammer. Dieses Argument wird in KV-Verhandlungen immer wieder bemüht: Die wirtschaftliche Lage lasse keine besseren Abschlüsse zu, so wird ein Sachzwang konstruiert. Doch gerade im Tourismus ist diese Darstellung besonders fragwürdig, die Zeitungen waren im Vergangenen Jahr voller Rekordmeldungen zur heimischen Tourismusbranche.
Rekordjahr im österreichischen Tourismus
Wie der Tourismus Bericht des Bundesministeriums zeigt hat der österreichische Tourismus 2024 neue Höchstwerte erreicht. Insgesamt wurden 154,3 Millionen Nächtigungen verzeichnet – ein Plus von 2,1 Prozent gegenüber 2023 und sogar mehr als im bisherigen Rekordjahr 2019 vor der Pandemie. Auch die Zahl der Ankünfte stieg deutlich auf 46,7 Millionen, ein Zuwachs von 3,3 Prozent.
Vor allem internationale Gäste treiben den Boom an. Mit 114,1 Millionen Nächtigungen wuchs der Auslandstourismus um 2,5 Prozent. Aber auch der Binnentourismus blieb stabil. Sowohl Sommer- als auch Wintersaison entwickelten sich positiv: Im Winter 2023/24 wurden über 71 Millionen Nächtigungen gezählt, im Sommer 2024 mehr als 81 Millionen.
Mit anderen Worten: Der Tourismus ist auf Wachstumskurs – und hat sogar neue Rekorde erreicht.
Die Gewinne wachsen – die Löhne bleiben zurück
Der wirtschaftliche Erfolg der Branche beruht jedoch auf der Arbeit von hunderttausenden Beschäftigten: Köchinnen, Kellnern, Reinigungskräften, Rezeptionistinnen und vielen anderen. Sie halten Hotels und Gastronomie unter oft schwierigen Bedingungen am Laufen – mit langen Arbeitszeiten, Wochenenddiensten und hohem Arbeitsdruck.
Trotzdem gehören die Löhne im Tourismus weiterhin zu den niedrigsten in Österreich. Das Einstiegsgehalt liegt etwa bei 2.264 Euro brutto, der Mindestlohn für Hilfskräfte bei 2.026 Euro brutto. Viele Beschäftigte müssen zudem mit unregelmäßigen Arbeitszeiten, fehlenden freien Wochenenden und unbezahlten Pausen, mit sogenannten Split-Shifts zurechtkommen.
Die Forderungen der Gewerkschaft sind daher alles andere als überzogen. Eine Lohnerhöhung von 3,8 Prozent würde lediglich verhindern, dass die Beschäftigten real an Einkommen verlieren. Freie Sonntage und bezahlte Pausen wären minimale Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in einer Branche, die ohnehin unter Personalmangel leidet.
„Wirtschaftliche Lage“ als Standardargument
Dass die Unternehmen dennoch von Unumsetzbarkeit sprechen, zeigt ein bekanntes Muster in KV-Verhandlungen: Wenn es um Löhne und Arbeitsbedingungen geht, wird stets auf die wirtschaftliche Lage verwiesen – selbst in Branchen mit Rekordzahlen.
Während steigende Preise im Tourismus problemlos an Gäste weitergegeben werden können und werden, sollen die Beschäftigten weiter zurückstecken. Die Profite werden privatisiert, die angeblichen Risiken dagegen auf die Allgemeinheit abgewälzt.
Quellen: ORF/Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus


















































































