Wien. Wenn die Spritpreise steigen, dauert es meist nicht lange, bis die großen Energiekonzerne erklären, dass sie eigentlich gar nichts dafür können. So auch diesmal: Alfred Stern, Vorstandschef der OMV, weist den Vorwurf zurück, sein Konzern verdiene an den hohen Preisen besonders gut. Das angebliche „Körberlgeld“, so Stern im Ö1-Interview, hole sich in Wahrheit der Staat über Steuern.
Eine bemerkenswerte Darstellung – vor allem von einem Manager eines Konzerns, der in den vergangenen Jahren Milliardenprofite verbucht hat.
Der Markt, der alles erklärt
Stern betont, die Preise würden nicht in den Raffinerien entstehen, sondern auf den globalen Rohölmärkten. Wer einen hohen Preis zahle, bekomme Öl – wer nicht zahle, gehe leer aus. Tanker mit Flüssiggas würden sogar ihre Route ändern, wenn anderswo mehr bezahlt werde.
Nur verschweigt diese Darstellung eine entscheidende Tatsache. Diese Märkte existieren nicht im luftleeren Raum. Sie sind das Ergebnis geopolitischer Machtkämpfe, militärischer Interventionen und strategischer Kontrolle über Rohstoffe.
Wenn heute Lieferketten unter Druck geraten, hat das viel mit jenen Kriegen zu tun, die große Mächte rund um Energie und Einflusszonen führen.
Krieg als Preistreiber
Stern verweist selbst auf die aktuelle Situation im Nahen Osten. Durch den Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran und die Blockade der Straße von Hormus könnten rund 20 Prozent der weltweiten Ölströme betroffen sein.
Doch die Rechnung dafür zahlen nicht die Regierungen, die diese Kriege führen – und auch nicht die Konzerne, die weiterhin Öl und Gas handeln. Die Rechnung landet an der Zapfsäule. Dort zahlen Arbeiterinnen, Pendler, Lieferfahrerinnen, Pflegekräfte und all jene, die auf ein Auto angewiesen sind.
Die alte Erzählung vom „armen Konzern“
Der OMV-Chef betont außerdem, vom Literpreis würden nur rund 80 Cent auf den Treibstoff selbst entfallen, während der größere Teil an Steuern gehe. Nach Kosten und Rohölpreisen bleibe nur eine geringe Gewinnmarge übrig.
Das mag technisch korrekt klingen. Doch es blendet aus, dass Energiekonzerne ihre Profite nicht ausschließlich über die Zapfsäule erzielen. Gewinne entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette: beim Handel mit Rohstoffen, bei Raffinerien, bei langfristigen Lieferverträgen.
Dass die Steuerleistung der OMV seit 2022 von zwei auf 2,6 Milliarden Euro gestiegen ist, liegt schließlich nicht daran, dass der Konzern plötzlich zum Wohltäter geworden wäre – sondern daran, dass seine Gewinne entsprechend gewachsen sind.
Sparen sollen die anderen
Besonders zynisch wirkt Sterns Hinweis, hohe Preise seien „ein wichtiges Signal zu sparen“. Für viele Beschäftigte ist Treibstoff jedoch kein Luxusgut, sondern Teil des Alltags: für den Weg zur Arbeit, für Schichtdienste, für Transport oder Pflegearbeit. Wer im ländlichen Raum lebt oder unregelmäßige Arbeitszeiten hat, kann nicht einfach „sparen“.
Während also Manager und Energieunternehmen die Preissignale des Marktes erklären, bleibt die Realität für viele Menschen dieselbe: steigende Lebenshaltungskosten bei stagnierenden Einkommen.
Klassenfrage an der Zapfsäule
Die Logik dahinter ist klar. Energie ist ein zentraler Rohstoff der kapitalistischen Weltwirtschaft. Wer über Öl und Gas verfügt, kontrolliert nicht nur Märkte, sondern auch geopolitische Macht. Kriege, Sanktionen und Blockaden verändern deshalb ständig die Bedingungen auf diesen Märkten. Doch die Kosten dieser Machtpolitik werden sozialisiert: Sie landen bei der Bevölkerung.
Die Profite hingegen bleiben privat. Oder einfacher gesagt: Während Staaten Kriege führen und Konzerne Energie handeln, zahlen Millionen Menschen die Rechnung – Liter für Liter an der Tankstelle.
Quelle: ORF


















































































