Der geplante Bau großindustriellen Wasserstoffanlage des Energiekonzerns AES Andes in der Atacama-Wüste wird nicht weiterverfolgt. Ausschlaggebend waren Bemühungen von Astronominnen und Astronomen sowie wissenschaftlichen Institutionen.
Santiago de Chile. Das Grünenergieprojekt „INNA“, was den Bau einer stadtgroßen Wasserstoffanlage in der Atacama-Wüste in Chile vorsah, wurde nun vom verantwortlichen Energiekonzern AES Andes gestrichen. Diese Entscheidung folgt monatelanger Bemühungen von Astronominnen und Astronomen aus aller Welt. Der Grund dafür: die Anlage sollte in relativer Nähe zum „Very Large Telescope“ (VLT), und den geplanten „Extremely Large Telescope“ (ELT) und dem „Cherenkov Telescope Array Observatory“ (CTAO-South) errichtet werden, einigen der wichtigsten und größten Observatorien der Welt.
Eine große Anlage in der Nähe der Observatorien würde die astronomische Forschung schwer beeinträchtigen, da der Himmel durch dadurch entstehenden Staub, atmosphärische Störungen und Lichtverschmutzung schwerer zu beobachten wäre. Schließlich sind eine saubere Atmosphäre und fehlende Lichtverschmutzung gerade der Grund, warum sich die Observatorien so abgelegen in der Wüste befinden. Die nächste Stadt ist mehr als 100 Kilometer entfernt. Die abgelegene Lage, sowie die Lufttrockenheit sind die ideale Umgebung für astronomische Beobachtungen.
Laut der „Europäischen Organisation für astronomische Forschung in der südlichen Hemisphäre“, auch „Europäische Südsternwarte“ (ESO), würde eine tatsächliche Umsetzung des Projektes mindestens 35% mehr Lichtverschmutzung für das VLT, mindestens 5% für das ELT und mindestens 55% für das CTAO-South bedeuten. Der Bau würde auch viel Staub verursachen, welcher sich auf den empfindlichen Spiegeln der Teleskope absetzen würde. Teile der Energieanlage wären etwa 5 Kilometer vom VLT entfernt, was von einigen der am VLT arbeitenden Astronom*innen gar als Provokation aufgefasst wurde.
Das VLT ist seit Eröffnung 1998 ein zentrales Werkzeug der optischen Astronomie. Die von ihm aufgezeichneten Daten sind die Basis für weltweite Forschung. Einige der bekannteren wissenschaftlichen Erfolge die durch das VLT möglich wurden sind die erste direkte Ablichtung eines Exoplaneten (dem Planeten 2M1207 b, 230 Lichtjahre von der Erde entfernt) und die Beobachtung der von Sternen die um das Schwarze Loch in der Mitte der Milchstraße kreisen (Sagittarius A*, 26.000 Lichtjahre entfernt). Ebenso hat das VLT einen wichtigen Beitrag zum Versuch des ersten empirischen Beweises von Einsteins Allgemeinen Relativitätstheorie geleistet.
Die Anlage sollte durch Nutzung von Wind- und Solarenergie den sogenannten „Grünen Wasserstoff“ und Ammoniak synthetisieren, beide gelten als klimafreundlicher Ersatz für fossile Treibstoffe. AES Andes, ein Tochterunternehmen des US-Energiekonzerns AES Corporation, veröffentlichte ihre Pläne für die Anlage 2024. In einer Pressemitteilung teilte der Konzern nun mit, dass der Bau zwar nun durch eine strategische Überprüfung des Projektes gestrichen werden würde, jedoch bliebe die Umsetzung von Projekten zur Erzeugung grünen Wasserstoffs weiterhin ein langfristiges Ziel. Diese Entscheidung wurde von der ESO begrüßt, welche die Produktion von nachhaltigen Treibstoffquellen an einem anderen Ort unterstützte.
Die Debatte um die Errichtung des Energieprojektes hat es bis in die höchste Ebene von Chiles Politik geschafft. So versprach der jetzt gewählte Präsident José Antonio Kast in seinem Wahlkampf, das Energieprojekt zu stoppen und stellte sich auf die Seite der astronomischen Gemeinschaft. Trotz dieses sich der Wissenschaft annähernden Versprechens, verspricht Kast kurz nach Machtübernahme am 11.März 2026 eine Streichung von über sechs Milliarden US-Dollar in staatlichen Ausgaben, darunter auch Geldmittel für die Forschung. Ebenso kritisiere Kast eine „linke Ideologisierung“ der Universitäten. Die akademische Szene in Chile sieht nun die Institution der Wissenschaft in Gefahr. Kast behauptet, er würde den Schwerpunkt vor allem auf nationale Sicherheit legen.
Trotz des Erfolges der astronomischen Gemeinschaft und der kurzfristigen Abwehr einer Einschränkung der freien wissenschaftlichen Forschung durch privatwirtschaftliche Interessen, zeigt der Fall INNA und die paradoxen Versprechen Kasts, wie auch politische Entwicklungen in anderen Ländern, dass sich Wissenschaft im kapitalistischen Systems oftmals mit Kapitalinteressen in Konkurrenz steht, und auch oft verliert. Eine wirkliche wissenschaftliche Entfaltung, die der Menschheit nützt, kann nicht in Zeiten von imperialistischen Krisen stattfinden. Notwendig ist eine Welt, in der die Interessen der Menschen und der Wissenschaft im Einklang sind.
Quelle: Science/European Southern Observatory/Science


















































































