Mit dem SV Neulengbach verschwindet eine Legende aus dem Frauenfußball. In der Bundesliga haben der Kapitalismus und die potenten Männervereine endgültig den Ball an sich gerissen.
St. Pölten. Die Frauenfußballabteilung des Union-Sportvereins Neulengbach ist insolvent und muss wohl zusperren – zumindest in bisheriger Form ist ein weiterer Betrieb des Bundesligisten geradezu undenkbar. Dafür gibt es gute, aber unsympathische Gründe. Zudem – dies sei angemerkt – handelt es sich nicht um irgendeinen “Dorfklub” aus dem Wienerwald, sondern der SV Neulengbach war vor nicht allzu langer Zeit die absolute, unangefochtene Nr. 1 im österreichischen Frauenfußball.
Den USV im niederösterreichischen Neulengbach (Bezirk St. Pölten) gibt es schon lange, nämlich seit 1923. Die Initiative für ein Frauenteam – oder überhaupt eine Frauen- und Mädchensektion – entsprang einem Scherz im Zuge eines Zeltfestes zu Beginn der 1990er Jahre, wurde aber dann rasch Wirklichkeit. In Zusammenarbeit mit den älteren, aber kleineren Nachbarinnen aus Altlengbach wird die erste Frauenmannschaft gegründet und zunächst im Traisentalpokal etabliert, den Altlengbacher Startplatz in der 2. Liga nützt der SV Neulengbach gleich in der ersten Saison (1996/97) und steigt in die Bundesliga auf.
Dort heißen die führenden Teams, die den Meistertitel Jahr für Jahr untereinander ausmachen, USC Landhaus (Wien) und Union Kleinmünchen (Linz). Die Neulengbacherinnen können sich als ernsthafte Kraft einstellen, der atmosphärisch gut aufgestellte Verein mit seinem auf seltsame Weise wohltuenden Wienerwaldstadion, nur 35 Kilometer westlich der Bundeshauptstadt, über Autobahn und Bahn verbunden, wird zum Anziehungspunkt – für Spielerinnen, zukünftige Spielerinnen und deren Eltern, professionelles Personal in allen Bereichen und notwendige Sponsoren. Der Durchbruch gelingt 2002/03, als Neulengbach für über ein Jahrzehnt zum dominierenden, teilweise hoch überlegenen Verein wird: Es folgen elf Meistertitel in Serie (die ersten davon durch gleichzeitigen Pokalsieg sogar als “Doubles”). Auch international hinterlässt man Spuren, in den UEFA-Bewerben, nicht zuletzt in der Champions League: Beim prominenten WCL-Duell gegen Turbine Potsdam strömen eineinhalbtausend Zuschauer ins Wienerwaldstadion, obwohl der ORF live überträgt. Mit Nina Burger brachte man die Topspielerin der Epoche hervor. 2013/14 schloss der 12. Meistertitel diese Ära ab – als Rekordmeister, wie es sich gebührt.
Im Nacken hatte man zu diesem Zeitpunkt bereits den ASV Spratzern als Vizemeister und Cupsieger sitzen – ein Regionalkonkurrent aus Sankt Pölten, wenn man so will. Dieser wurde gezielt aufgebaut, um den Frauenfußball auf ein höheres Level zu heben: Zu größeren Vereinen (und Städten) mit entsprechenden Strukturen, Ressourcen und Finanzen. Mit der Integration des ASV Spratzern in den SKN St. Pölten ist dieser Prozess im niederösterreichischen Fall abgeschlossen, die SKN-Frauen sind seither dominant und Serienmeister in der Bundesliga, auch mit einigen beachtlichen WCL-Ergebnissen. Vereine wie Neulengbach werden zunächst zu Nebenschauplätzen – und dann werden sie aussortiert aus der Bundesliga.
Denn sie existierten deshalb, weil die großen österreichischen Fußballklubs – die “Männervereine” – den Frauenfußball lange Zeit links liegen ließen, dann aber flott Nägel mit Köpfen machten. Wacker Innsbruck stieg eher früh ein, indirekt eben auch der SKN St. Pölten, aber auch Sturm Graz. Spielgemeinschaften und Übernahmen kaschieren die Rückstände der Topteams: Der FK Austria Wien, der heuer aller Wahrscheinlichkeit nach die Meisterserie der St. Pöltener Frauen beenden wird, ist aus dem USC Landhaus hervorgegangen. Damit sind inzwischen von den zehn Erstligisten der Frauenbundesliga nun bereits acht “Großklubs” zuzurechnen, bis hin zu RB Salzburg – vor zehn Jahren waren es zwei. Großer Abwesender ist (noch) Rapid Wien, wo man weiter unten angefangen hat, aber auch schon in der 2. Liga angekommen ist. Gut möglich, dass Rapid dann in der kommenden Saison ausgerechnet den Platz des SV Neulengbach einnehmen wird.
Denn so muss es sein. Die Zeit der Dorfklubs und auch die der regionalen Spielgemeinschaften ist auch in der österreichischen Frauenfußballbundesliga vorbei, die etablierten Großklubs, die auch den Männersport dominieren, haben das Feld übernommen. Sie ziehen nun alle Sponsorengelder, Zuschauer- und Medieninteresse, Spielerinnenpotenzial etc. auf sich, womit Vereine wie der ehemalige Serienmeister Neulengbach nur noch in Unterklassen als Zuliefervereine existieren können. Man soll nicht jammern: So etwas bezeichnet man als Professionalisierung – und ist unerlässlich, wenn die österreichischen Vereine im Europacup sowie in weiterer Folge das Nationalteam in Zukunft reüssieren sollen.
Man kann aber schon durchaus anmerken: Es ist eben die kapitalistische Version einer Professionalisierung, es ist Konzentration und Zentralisierung, Akkumulation und Monopolisierung. Die Reichen werden reicher, die Kleinen scheitern. Das darf man völlig berechtigt, als unsympathisch und ungerecht verstehen und bezeichnen.
Quelle: ORF



















































































