Die folgende Geschichte spielt Ende der 1970er-Jahre und wurde von den beteiligten Arbeitern in groben Zügen so überliefert, wie sie hier niedergeschrieben ist. Schauplatz ist ein Steinbruch in Ostösterreich. Die Namen der Beteiligten wurden geändert.
Dieser Montagmorgen war anders. Alles war ruhig, sogar die Vögel, die sonst beim Lärm der Arbeiten das Weite suchten, hörte man zwitschern. Keine Sprengung war zu hören, keine Maschine arbeitete. Gegen 9.00 erschienen die ersten LKWs und wollten Schotter laden.
Der Platzmeister, Herr Franz, wie er von den Chauffeuren genannt wurde, erschien gemächlichen Schrittes im Türrahmen des Häuschens bei der Brückenwaage. „Heit gibts nix“ sagte der zu den Chauffeuren, die zusammenstanden und rauchten. „Wir streiken“. Erstaunen, Ungläubigkeit und Angst ergriffen von den Berufskraftfahren Besitz. Einerseits rang es ihnen Respekt ab, was sie da hörten, andererseits aber dachten sie schon an die Schelte, die ihre Chefs vom Stapel lassen würden, wenn sie mit ihren Fuhren nicht rechtzeitig an der Baustelle ankamen.
Weiter draussen im offenen Gelände des Steinbruchs standen die acht Arbeiter. Sie redeten nicht viel. „Diesmal geben wir nicht nach“ sagte Edi. „Der Geizhals wird noch ersticken an seinem Geld“ erwiderte Robert. Er meinte damit den Besitzer des Steinbruchs, Herrn Pelzmann.
Dieser fuhr gerade in seinem Jeep vor. Inzwischen standen an die zehn LKWs Schlange und warteten auf den Schotter, den es heute aber nicht gab. Herr Pelzmann war außer sich und begann gleich einmal den Platzmeister anzuschreien: „Was ist da los Franz? Wieso ladet ihr nicht? Wo ist die faule Bagage überhaupt“?
Herr Franz, nicht nur Platzmeister, sondern auch der Älteste hier, der schon unterm Vater von Pelzmann gedient hatte, trat aus seinem Waagenhaus direkt auf den Chef zu und sagte: „Die streiken. Und ich auch!“. Das trieb dem Choleriker Pelzmann die Zornesröte ins Gesicht. Nach einer Runde weiterer Schimpftiraden kam er endlich auf die Idee, zu fragen, warum seine Arbeiter eigentlich streikten. „Das haben wir Dir huntertmal gesagt“, erwiderte Franz ruhig, „wir wollen endlich Häusln haben und einen Ofen“.
Herrn Pelzmann fiel ein, dass er gehört hatte, ein Streik müsste ja von der Gewerkschaft bewilligt werden. Er setzte sich in sein Auto und fuhr in hohem Tempo in den Ort hinunter ins Büro. Dort suchte er sich die Nummer der Bezirkszentrale der Gewerkschaft aus dem Telefonbuch und rief dort an. Den Sekretär, Herrn Orovits, kannte er vom Kartenspielen. Außerdem saßen sie gemeinsam im Gemeinderat. Herr Pelzmann für die ÖVP, Herr Orovits für die SPÖ. „Hearst, de Wappler streiken, hobts ihr des genehmigt?“. Nichts war genehmigt, sagte Orovits und versprach, sofort vorbeizukommen.
Eine halbe Stunde später erschien er. Steinbrucharbeiter, Chauffeure und der Besitzer hatten sich versammelt und warteten schon auf ihn. Lässig stieg der Vertreter der Gewerkschaft aus dem Auto, zupfte sich seinen khakifarbenen Anzug zurecht und ging auf die versammelte Menschenmenge zu. Er liess sich erzählen, worum es ging, und seine erste Aussage war: „Was brauchts es a Heisl, is eh da Bach da“.
Ob er besonders witzig sein wollte oder seine Aussage ernst gemeint war, konnte später nicht mehr in Erfahrung gebracht werden. Sekunden nach seiner Aussage wurde er von zwei kräftigen Steinbrucharbeitern an den Oberarmen gepackt, die Böschung hinunter zum Bach geführt, und in den Bach hineingesetzt. Der schöne Anzug verfärbte sich braun. „Schleich di“ wurde ihm noch beschieden, ehe er zum Auto rannte und davonfuhr.
Gegen Mittag wurde der Streik beendet. Herr Pelzmann gelobte hoch und heilig, Toilettenanlagen zu errichten und in den zugigen Aufenthaltsraum endlich einen Ofen zu stellen. Er musste noch ein paar Mal mit Streikandrohungen an seine Zusage erinnert werden, aber nach Monaten klappte es. Kollegen Orovits von der Gewerkschaft hat man nie wieder auf dem Gelände des Steinbruchs gesehen. Auch die Gasthäuser der Gegend mied er, wenn er anhand der Autos und Mopeds am Parkplatz vermutete, dass dort Steinbrucharbeiter anwesend waren.
















































































