Ein neuer Bericht von Project Play macht die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs für den Tod von 22 Kindern sowie für systematische Gewalt an Minderjährigen in Nordfrankreich mitverantwortlich. London weist die Vorwürfe zurück und verweist auf den Kampf gegen Schleuserkriminalität.
Der Tod von 22 Kindern bei dem Versuch, in den vergangenen zwei Jahren den Ärmelkanal von Nordfrankreich nach Großbritannien zu überqueren, ist nach Einschätzung der Nichtregierungsorganisation Project Play die Folge schwerwiegender politischer Fehlentscheidungen beider Staaten. In einem aktuellen Bericht spricht die Organisation von einem „katastrophalen Versagen“ beim Schutz von Kinderrechten.
Project Play hat nach eigenen Angaben in den vergangenen zwei Jahren mit 2.192 Kindern gearbeitet, die von Nordfrankreich aus nach Großbritannien gelangen wollten, um dort Asyl zu beantragen. Die Organisation dokumentierte in diesem Zeitraum nicht nur die 22 Todesfälle, sondern auch wiederholte Gewalt- und Zwangsmaßnahmen gegen Minderjährige.
Überfüllte Boote und tödliche Folgen
Fünf der 22 dokumentierten Todesfälle ereigneten sich im Jahr 2025. Nach Angaben des Berichts starben diese Kinder infolge von Quetschungen oder Erstickung in überfüllten Schlauchbooten. Das jüngste Opfer war die achtjährige Agdad Hilmi aus der Türkei, die gemeinsam mit ihrer Mutter ums Leben kam.
Die Organisation beschreibt die Bedingungen an der französischen Küste als feindselig. Dazu gehörten regelmäßiger Einsatz von Tränengas, Räumungen von provisorischen Unterkünften sowie das Aufschlitzen von Schlauchbooten durch Polizeikräfte.
Kinder berichteten laut dem Bericht von unmittelbaren körperlichen Folgen. Ein vierjähriges Mädchen schilderte, es sei mit Tränengas besprüht worden und habe nur „Angst, Angst, Angst, Aua“ sagen können. Ein anderes Kind beschrieb das Gefühl des Gases in Mund, Augen und Lunge als „scharf“. Aufgrund ihrer kleineren Atemwege seien Kinder besonders stark betroffen. Ein weiteres Mädchen erlitt chemische Verbrennungen durch eine Mischung aus Salzwasser und Treibstoff. Eine Zwölfjährige berichtete, sie habe in einem Boot gesessen, während die Polizei es beschädigte und die Menschen an Bord mit Tränengas besprühte.
Angst vor der Polizei
Der Bericht stellt zudem fest, dass viele Kinder eine ausgeprägte Angst vor Polizeikräften entwickelt hätten. Sie hätten miterlebt, wie ihre Eltern geschlagen wurden oder wie ihre Zelte geräumt wurden. In Rollenspielen ahmten manche die Polizei nach oder spielten Verstecken vor ihr. Ein Kind setzte sich demnach ein imaginäres Blaulicht auf den Kopf, um einen Betreuer im Spiel zu „verhaften“.
Seit 2023 hat Großbritannien der französischen Regierung 473 Millionen Pfund zur „Sicherung“ der Grenze in Nordfrankreich zur Verfügung gestellt. Wie diese Mittel konkret verwendet werden, ist laut Bericht unklar. Project Play kritisiert, britische Steuerzahlerinnen und Steuerzahler wüssten nicht, dass mit diesen Geldern gewaltsame Maßnahmen gegen Kinder mitfinanziert würden.
Die NGO fordert eine gesetzlich verankerte Untersuchung der Grenzsicherungsmaßnahmen sowie sichere und zugängliche Wege für Menschen, die in Großbritannien Asyl beantragen wollen.
Legale Wege sind oft versperrt
Familien mit Kindern hätten wiederholt versucht, im Rahmen des sogenannten „one in, one out“-Programms legal nach Großbritannien einzureisen. Dieses sieht vor, dass eine Person legal aufgenommen wird, während im Gegenzug eine andere, die per Schlauchboot angekommen ist, nach Frankreich zurückgeführt wird. Zahlreiche Anträge seien jedoch abgelehnt worden.
In einem dokumentierten Fall wurde einem Mann die Einreise verweigert, weil seine sechs und ein Jahr alten Kinder nicht über die erforderlichen Dokumente verfügten. Die Familie versuchte daraufhin die Überfahrt mit einem kleinen Boot. Der Vater wurde nach Angaben des Berichts am Strand von französischen Polizisten geschlagen und erlitt mehrere gebrochene Rippen.
Regierung weist Vorwürfe zurück
Eine Sprecherin des britischen Innenministeriums erklärte, man unternehme weiterhin alles, um „skrupellose kriminelle Schleuser“ daran zu hindern, schutzbedürftige Menschen auszubeuten. Durch die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern würden Überfahrten in kleinen Booten reduziert und Schleusernetzwerke zerschlagen. Die Kooperation mit Frankreich habe unter der aktuellen Regierung 40.000 Überfahrtsversuche verhindert.
Zudem seien umfassende Reformen zur Bekämpfung irregulärer Migration angekündigt worden, um Anreize zur Einreise ohne Aufenthaltsrecht zu beseitigen und Rückführungen zu beschleunigen.
Quelle: TheGuardian




















































































