Ältere Menschen im Gazastreifen gehören zu den am stärksten betroffenen, aber am wenigsten beachteten Opfern des anhaltenden Krieges. Untersuchungen von HelpAge International und Amnesty International zeigen: Hunger, fehlende medizinische Versorgung, Vertreibung und Isolation führen zu einem schleichenden Sterben – fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Leben unter Bedingungen permanenter Entbehrung
Seit Oktober 2023 wurden ältere Menschen vermehrt im Gazastreifen wiederholt vertrieben und leben heute vielfach in Zeltlagern oder provisorischen Unterkünften. Der Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln, sauberem Wasser, angemessener Unterkunft und medizinischer Versorgung ist massiv eingeschränkt. Laut einer Umfrage von HelpAge International sind viele ältere Menschen gezwungen, Mahlzeiten auszulassen, um jüngeren Familienmitgliedern das Überleben zu sichern. Therapien für chronische Erkrankungen werden häufig unterbrochen oder streng rationiert, weil Medikamente fehlen oder absolut nicht leistbar geworden sind.
Besonders in den Wintermonaten verschärfen sich die Lebensbedingungen: Überschwemmungen, starker Wind, Müllansammlungen und unhygienische Zustände treffen eine Bevölkerungsgruppe, die ohnehin körperlich besonders verletzlich ist. Viele leben in Zelten, die kaum Schutz bieten und weder altersgerecht noch barrierefrei sind.
Zusammenbruch des Gesundheitssystems
Der Zustand des Gesundheitssystems verschärft die Lage dramatisch. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation waren im Oktober 2025 weniger als die Hälfte der Krankenhäuser im Gazastreifen überhaupt noch teilweise funktionsfähig. Auch Rehabilitationsangebote sind nur in sehr begrenztem Umfang verfügbar. Für ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen – etwa Diabetes, Bluthochdruck oder Nierenversagen – hat dies unmittelbare lebensbedrohliche Folgen.
Amnesty International dokumentiert, dass ältere Menschen besonders stark unter diesen Umständen leiden, weil ihre spezifischen Bedürfnisse in humanitären Notlagen häufig übersehen werden. Mobilitätseinschränkungen, Behinderungen oder kognitive Beeinträchtigungen erschweren zusätzlich den Zugang zu Hilfe. In vielen Fällen sind sie vollständig auf Angehörige angewiesen – doch genau diese familiären Netzwerke sind durch Tod, Vertreibung oder Trennung vielfach zerbrochen.
Unsichtbare Opfer mit messbaren Folgen
Einzelschicksale machen den Genozid greifbar: Menschen, die dringend Dialyse benötigen, erhalten nur noch verkürzte Behandlungen; hochbetagte Frauen verlieren innerhalb weniger Monate zwanzig oder mehr Kilogramm Körpergewicht; andere sind nach Stürzen in den Lagern dauerhaft bewegungsunfähig geworden. Die meisten sind auf Gemeinschaftsküchen angewiesen, die jedoch oft nur nährstoffarme Mahlzeiten bereitstellen können.
Menschen über 60 Jahre machen rund fünf Prozent der Bevölkerung des Gazastreifens aus. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden seit Oktober 2023 mindestens 4.813 ältere Menschen getötet – indirekte Todesfälle durch Hunger, fehlende Behandlung oder den Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung sind darin nicht enthalten. Die Vereinten Nationen berichten zudem, dass viele ältere Menschen den Kontakt zu ihren Betreuungspersonen verloren haben und heute isoliert leben.
Quelle: L‘Unità




















































































