Wien. Armut hat auch in Österreich viele Gesichter, eines davon sind Lohnabhängige, die jeden Morgen aufstehen, arbeiten gehen und trotzdem nicht von ihrem Einkommen leben können. 361.000 Beschäftigte, rund neun Prozent der Erwerbstätigen zwischen 18 und 64 Jahren, gelten hierzulande als sogenannte Working Poor. Sie arbeiten mehr als sechs Monate im Jahr – und verdienen dennoch weniger als die Armutsgrenze von rund 1.800 Euro monatlich. Damit wird ein verbreiteter Mythos widerlegt: Arbeit schützt nicht vor Armut und Österreich ist auch nicht die Insel der Glückseeligen.
Armut trotz Arbeit – ein wachsendes Phänomen
Die „Working Poor“ passen nicht in das klassische Bild von Armut, sie stehen beispielsweise an Supermarktkassen, liefern Essen mit dem Fahrrad oder arbeiten in Büros. Gerade deshalb bleiben sie oft unsichtbar – in der öffentlichen Wahrnehmung ebenso wie in der politischen Debatte.
Doch ihre Zahl ist groß, und sie wächst – so wie die Armut und Armutsgefährdung in Österreich insgesamt. Erwerbsarmut zieht sich durch unterschiedlichste Branchen: vom Handel über die Reinigung bis hin zu scheinbar qualifizierteren Berufen wie Grafik oder Therapie. Besonders häufig betroffen sind Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen – unsichere Jobs, Teilzeit, Scheinselbstständigkeit oder Arbeit auf Honorarbasis. Viele dieser Jobs sind schlecht bezahlt, unzureichend abgesichert und bieten keine stabile Existenz. Selbst Vollzeitarbeit schützt nicht: Mehr als die Hälfte der Betroffenen arbeitet in Vollzeit.
Armut folgt klaren sozialen Linien. Besonders häufig betroffen sind Haushalte mit Kindern, Alleinerziehende und Frauen. Auch Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft sind mehr als doppelt so oft von Erwerbsarmut betroffen. Armut ist kein individuelles Versagen, sondern Ergebnis struktureller Ungleichheit und wird durch den Kapitalismus und die Eigentumsverhältnisse hervorgebacht.
Leben am Limit
Das zentrale Problem ist nicht falsches Haushalten, sondern schlicht zu wenig Einkommen. Die Lebenshaltungskosten, vor allem im Bereich Wohnen und Energie, sind massiv gestiegen. Ein Einpersonenhaushalt benötigt laut Schuldenberatungen derzeit rund 1.787 Euro monatlich für grundlegende Ausgaben – also nahezu genau das, was viele „Working Poor“ maximal zur Verfügung haben. So bleibt nichts mehr für Rücklagen. Unerwartete Ausgaben, wie eine kaputte Waschmaschine, eine Zahnarztrechnung und anderes mehr werden schnell zu einer existenziellen Bedrohung.
Viele Betroffene versuchen, die Lücke mit Mehrfachbeschäftigung zu schließen. Sie kombinieren mehrere Jobs gleichzeitig, oft unter enormem Stress und ohne ausreichende soziale Absicherung und mit Konsequenzen für Gesundheit und Sozialleben.
Politische Entscheidungen verschärfen die Lage
Statt Entlastung droht für viele eine weitere Verschärfung mit den aktuellen politischen Entscheidungen. Die Budgetmaßnahmen, etwa höhere Beiträge zur Arbeitslosenversicherung sowie Kürzungen verschiedener Sozialleistungen, treffen gerade jene, die ohnehin am wenigsten haben. Für „Working Poor“ bedeutet das de facto eine Lohnkürzung. Maßnahmen wie der Familienbonus erreichen jene mit niedrigen Einkommen oft ohnehin nicht.
Die folgen dieser Armut sind fatal, wer heute trotz Arbeit arm ist, hat auch im Krankheitsfall, bei Arbeitslosigkeit oder in der Pension deutlich schlechtere Absicherung. Armut macht außerdem krank, erzeugt Stress, isoliert und nimmt Zukunftschancen. Besonders Kinder aus armutsbetroffenen Haushalten haben deutlich schlechtere Bildungs- und Aufstiegschancen. Die soziale Ungleichheit in Österreich nimmt weiterhin zu, die Konzentration von Vermögen auf der einen Seite und Armut auf der anderen.
Quelle: ORF/Armutskonferenz



















































































