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Massenzwangsumsiedlung im Gazastreifen: 400.000 Menschen im Fadenkreuz

17. Oktober 2024
in Internationales
Massenzwangsumsiedlung im Gazastreifen: 400.000 Menschen im Fadenkreuz

Die israelischen Streitkräfte haben die Zwangsumsiedlung von etwa 400.000 Palästinensern aus dem nördlichen Gazastreifen angeordnet, wobei die Region massiv zerstört wird. Unter dem Vorwand einer Evakuierung werden die Menschen unter Beschuss aus ihren Häusern vertrieben, während die Versorgung mit Lebensmitteln in dem Gebiet seit Anfang des Monats unterbrochen ist.

Gaza/Ramallah/Tel Aviv. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden bei den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen seit Oktober 2023 mindestens 42.409 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet und 99.153 verwundet. Die Zahl der Todesopfer umfasst nach Angaben des Ministeriums 65 Menschen, die in den letzten 24 Stunden getötet wurden. Die tatsächliche Zahl der durch Israels Angriff getöteten Palästinenserinnen und Palästinenser ist weitaus höher, da schätzungsweise 10.000 Leichen in den riesigen Zerstörungen des Gazastreifens begraben sind.

Zwangsumsiedlung – 400.000 Menschen betroffen

Die blutigen Massaker an der Zivilbevölkerung gehen im Gazastreifen durch Israels ad absurdum geführte „Defensiv“-Strategie unvermittelt weiter. Der Angriff der israelischen Streitkräfte auf den Gazastreifen hat ein entsetzliches Ausmaß an Grausamkeit erreicht: „Der nördliche Gazastreifen wird von der Landkarte getilgt“, so Dutzende prominenter Nichtregierungsorganisationen in einer Erklärung. Der israelische Staat lässt neue Fakten entstehen. Nachdem der jahrzehntelange Versuch, den Gazastreifen auszubluten, auszuhungern und niederzubomben, gescheitert ist, treibt man die Menschen nun mit dem Gewehr in der Hand aus ihren Häusern und Lebensräumen. Ziel ist offensichtlich, die seit der Nakba 1948 initiierte systematische ethnische Säuberung auf die verbliebenen 20 Prozent palästinensisch bevölkerten Landes auszuweiten.  

„Unter dem Deckmantel der ‚Evakuierung‘ haben die israelischen Streitkräfte die Zwangsumsiedlung von schätzungsweise 400.000 Palästinensern angeordnet, die im nördlichen Gazastreifen, einschließlich Gaza-Stadt, eingeschlossen sind. Es handelt sich nicht um eine Evakuierung, sondern um eine Zwangsumsiedlung unter Beschuss“, heißt es in der Erklärung, die hinzufügt, dass seit Anfang des Monats keine Lebensmittel mehr in das Gebiet gebracht werden dürfen.

„Die Welt kann nicht länger zusehen, wie die israelische Regierung diese Gräueltaten begeht. Die Staats- und Regierungschefs der Welt haben sowohl die rechtliche als auch die moralische Pflicht, jetzt zu handeln“, heißt es in der Erklärung.

Der hundertjährige Krieg Israels gegen die palästinensische Bevölkerung war zu keinem Zeitpunkt heldenhaft. Die Zerstörung von Wohnstätten, Krankenhäusern, kultureller und religiöser Einrichtungen und selbst von Friedhöfen wurde im Grunde seit die ersten zionistischen Siedlerinnen und Siedler nach Palästina kamen, äußerst brutal und ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführt. Mit dem vordergründigen Ziel, Lebensraum für alle Jüdinnen und Juden auf der Welt zu schaffen, geht mit der Fortführung des biblischen (jedoch historisch falschen) Israelmythos auch die Notwendigkeit und der Drang einher, den Begriff, die Geschichte und das Volk Palästinas in Damnatio-Memoriae-Manier auszulöschen. So ging der Siedlerkolonialismus in der Geschichte schon immer an die Sache heran (man denke an Australien, den USA oder Neuseeland). Was den Völkermord an den Palästinenserinnen und Palästinensern besonders macht, ist jedoch, dass er durch die technischen Fortschritte und zur Verfügung stehenden Mittel live gestreamt wird. So sind viele dieser menschlichen Tragödien unauslöschlich in Fotographie und Film verewigt. Auch Shaban al-Dalou hat seine Geschichte verewigt, bevor ihm das Leben durch die unablässigen israelischen Bombardements genommen wurde.

Shaban al-Dalou filmt sein Leben und Sterben

Shaban al-Dalou war 19 Jahre alt und Softwaretechnik-Student. Wie so viele andere wurde er aus seiner Heimat vertrieben und versuchte, im Zentrum von Gaza zu überleben. Er starb nur noch wenige Tage vor seinem 20. Geburtstag. Monatelang hatte er sich um Hilfe für seine Familie bemüht und Videos aufgenommen, in denen er die Situation seiner Familie und ihr Leben unter den israelischen Bomben beschrieb. Aber er war nicht in der Lage, genug Geld aufzutreiben, um seine Familie aus dem Gazastreifen zu bringen.

Die Welt wurde endlich auf Shaban aufmerksam, als seine letzten Momente diese Woche gefilmt wurden. An einen Tropf angeschlossen, wurde er zusammen mit seiner Mutter bei lebendigem Leib verbrannt, nachdem israelische Streitkräfte in den frühen Morgenstunden des Montags den Komplex des Al-Aqsa-Märtyrer-Krankenhauses in Deir el-Balah bombardiert hatten. In den Videos, die Shaban in den Wochen und Monaten vor seinem Tod aufnahm, spricht er über die Realität des Lebens in Gaza.

„Es gibt keinen sicheren Ort hier in Gaza“, sagt Shaban in einem Video und spricht in eine Handykamera aus dem behelfsmäßigen Zelt, in dem er seit der Flucht aus seiner Heimat gelebt hatte. In einem anderen Video spricht Shaban über die Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Lebensmitteln, „weil es der israelischen Besatzung gelungen ist, den mittleren Teil des Gazastreifens vom übrigen Gazastreifen abzutrennen, und die Menschen hier Mühe haben, ihre Grundbedürfnisse zu decken“.

Kinder brauchen dringend Blutspenden

Er filmte sich auch beim Blutspenden im Al-Aqsa-Märtyrer-Krankenhaus, das Israel im letzten Jahr vor der Bombardierung, bei der er ums Leben kam, bereits mehrmals bombardiert hatte. „Wir haben so viele Verletzte gesehen, viele Kinder brauchen dringend Blut“, sagte Shaban. „Alles, was wir fordern, ist ein Waffenstillstand und dass diese Tragödie ein Ende hat.“

In einigen Videos bat Shaban um Spenden, um seiner Familie die Evakuierung nach Ägypten zu ermöglichen.

„165 Tage des andauernden Völkermords an uns“, sagte er in einem Video. „Fünf Monate haben wir in einem Zelt gelebt.“

„Ich kümmere mich um meine Familie, denn ich bin der Älteste“, schrieb er in einem anderen Beitrag und fügte hinzu, dass seine Eltern, zwei Schwestern und zwei Brüder, fünf Mal vertrieben wurden, bevor sie auf dem Gelände des Krankenhauses Zuflucht fanden. „Das Einzige, was uns von den eisigen Temperaturen trennt, ist dieses Zelt, das wir selbst gebaut haben.

Die Zelte, die im Krankenhaus als Unterschlupf dienten, wurden am Montag praktisch zu Särgen, als sie durch israelische Bomben in Brand gesetzt wurden und Shaban und seine Verwandten in den Flammen eingeschlossen wurden.

Schutzlose Flüchtlinge massakriert

Sein Vater Ahmad al-Dalou, der schwere Verbrennungen erlitten hatte, sagte gegenüber Al Jazeera, dass er durch die Wucht des Angriffs aus dem Zelt geschleudert wurde, wo er schnell erkannte, dass das Feuer seine Kinder verschlungen hatte. Er konnte zwei von ihnen retten.

„Danach hat das Feuer einfach alles verschlungen. Ich konnte niemanden mehr retten“, sagte er. „Ich habe getan, was ich konnte.“

Der Angriff, bei dem Shaban und seine Verwandten getötet wurden, zerstörte ein provisorisches Lager, das von Vertriebenen im Hof des Krankenhauses errichtet worden war, und verletzte mindestens 40 Menschen.

„Ich schaute hinaus und sah, wie die Flammen die Zelte neben unserem verschlangen“, sagte Madi, eine 37-jährige Mutter von sechs Kindern, gegenüber Al Jazeera aus den verkohlten Überresten ihres Zeltes. „Mein Mann und ich trugen die Kinder und rannten zum Notgebäude.“

„Menschen – Frauen, Männer und Kinder – rannten schreiend vor dem sich ausbreitenden Feuer davon“, fügte sie hinzu. „Einige von ihnen brannten noch, ihre Körper standen in Flammen, während sie rannten.“

Wie die Familie al-Dalou sind viele derjenigen, die vor dem Krankenhaus Zuflucht suchen, bereits mehrfach vertrieben worden.

„Wo sollen wir denn hin?“, fragt Madi. „Es ist fast Winter. Gibt es denn niemanden, der diesen Holocaust an uns stoppt?“

USA ermahnen, aber lassen keine Taten folgen

Nur wenige Tage zuvor waren bei einem weiteren Angriff auf eine Schule in Jabalia, die als Schutzraum genutzt wurde, mindestens 28 Menschen getötet worden. Die schrecklichen Bilder des Brandes im Al-Aqsa-Krankenhaus, bei dem Shaban ums Leben kam, führten zu einer seltenen, aber wie immer zahnlosen Rüge von Seiten der US-Regierung.

„Die Bilder und Videos von offenbar vertriebenen Zivilisten, die nach einem israelischen Luftangriff bei lebendigem Leib verbrannt wurden, sind zutiefst beunruhigend, und wir haben der israelischen Regierung gegenüber unsere Besorgnis zum Ausdruck gebracht“, sagte ein Sprecher der Biden-Administration am Montag in einer Erklärung. „Israel hat die Verantwortung, mehr zu tun, um zivile Opfer zu vermeiden – und was hier passiert ist, ist entsetzlich, selbst wenn die Hamas in der Nähe des Krankenhauses operierte und versuchte, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu benutzen.“

Abgesehen von der häufig replizierten Lüge der menschlichen Schutzschilde, die in einem beengten Raum wie den Gazastreifen mehr als absurd anmuten, wird die Biden-Regierung jedoch weiterhin tatenlos zusehen und Waffen liefern.

Festnahmen im Westjordanland

Die israelischen Besatzungstruppen haben zudem mindestens zehn Palästinenserinnen und Palästinenser im besetzten Westjordanland festgenommen, darunter ein junges Mädchen, wie die Palästinensische Gefangenengesellschaft (PPS) und die Kommission für Häftlings- und Ex-Häftlingsangelegenheiten mitteilten.

Die Besatzungstruppen führten in der Stadt Halhul im Gouvernement Hebron und in der Stadt Qusra im Gouvernement Nablus Vor-Ort-Untersuchungen mit etwa 60 Bürgerinnen und Bürgern durch. Es ist erwähnenswert, dass die Untersuchungen vor Ort in allen Gouvernoraten in letzter Zeit erheblich zugenommen haben, da Hunderte von jungen Männern betroffen sind, fügten die beiden Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung hinzu.

In der gemeinsamen Erklärung wird darauf hingewiesen, dass die israelischen Streitkräfte während dieser Verhaftungen weiterhin umfangreiche Razzien und Übergriffe durchführen und die Verhafteten und ihre Familien schikanieren und bedrohen. In der Erklärung wird auch auf die Häufigkeit von Verhören vor Ort und die Zerstörung von palästinensischen Häusern während dieser Angriffe hingewiesen.

Seit Beginn des israelischen Völkermords am palästinensischen Volk im Oktober 2023 wurden dem Bericht zufolge mehr als 11.300 Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland, einschließlich Jerusalem, inhaftiert.

Kanada sieht in Gefangenensolidarität Terrorismus

Am Dienstag gab die kanadische Regierung bekannt, dass sie das Palestinian Prisoner Solidarity Network (Samidoun) als terroristische Vereinigung eingestuft hat. Laut einer Pressemitteilung von Public Safety Canada hätte Samidoun enge Verbindungen zur Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), die in Kanada, den USA und der EU als terroristische Vereinigung gelistet ist.

Als nun gelistete Organisation erfülle Samidoun die Definition einer „terroristischen Vereinigung“ gemäß dem kanadischen Strafgesetzbuch, das bestimmte Handlungen im Zusammenhang mit terroristischen Vereinigungen verbietet, einschließlich solcher, die mit der Finanzierung von Terrorismus, Reisen und Rekrutierung zusammenhängen. In Wirklichkeit ist Samidoun jedoch ein internationales Netzwerk von Organisatoren und Aktivistinnen und Aktivisten, die sich für die Solidarität mit palästinensischen Gefangenen in ihrem Kampf um Freiheit einsetzen.

„Wir arbeiten daran, das Bewusstsein für palästinensische politische Gefangene, ihre Bedingungen, ihre Forderungen und ihre Arbeit für ihre Freiheit, die ihrer Mitgefangenen und ihres Heimatlandes zu schärfen und Ressourcen zur Verfügung zu stellen“, heißt es in der Mitteilung.

„Pro-Israel-Gruppen in Nordamerika und Europa haben seit Jahren darauf gedrängt, Samidoun als „terroristische“ Gruppe einzustufen. Aber die Organisation geriet in den letzten Monaten bei Massenprotesten in Kanada, den USA und anderswo gegen Israels Krieg gegen den Gazastreifen erneut ins Visier“, erinnerte Al Jazeera.

Am Dienstag gab der Sprecher des US-Ministeriums, Matthew Miller, ebenfalls eine Erklärung ab, in der er Sanktionen gegen Samidoun unter dem Vorwand verhängte, dass diese humanitäre Organisation nur eine „Schein-Wohltätigkeitsorganisation“ sei, die Gelder für radikale Gruppen sammelt.

„Die Vereinigten Staaten sind entschlossen, mit unseren Partnern zusammenzuarbeiten, um diejenigen zu entlarven und abzuschrecken, die humanitäre Impulse für ihre bösartigen Ziele ausnutzen. Heute sanktionieren wir in Abstimmung mit Kanada das Samidoun Palestinian Prisoner Solidarity Network“, erklärte er.

Netanjahu steht weiterhin für Krieg

Premierminister Benjamin Netanjahu sagte derweil am Dienstag, er habe dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron mitgeteilt, dass er einem Waffenstillstandsabkommen nicht zustimmen werde, das die Aufrüstung und Umgruppierung der Hisbollah nicht verhindern könne. Macron hatte zuvor einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah sowie ein Ende der Waffenexporte in den Gaza-Streifen und den Libanon gefordert.

„Der Premierminister hat Präsident Macron mitgeteilt, dass er einen einseitigen Waffenstillstand ablehnt, der die Sicherheitslage im Libanon nicht ändern und das Land in seinen vorherigen Zustand zurückversetzen würde“, heißt es in einer Erklärung seines Büros.

„Er betonte, dass Israel gegen die Terrororganisation Hisbollah vorgeht, um sie daran zu hindern, die israelischen Bürger an der Nordgrenze zu bedrohen, und um ihnen die sichere Rückkehr in ihre Häuser zu ermöglichen.“

Am Montag wies Frankreich die Forderung Netanjahus nach einem Rückzug der UN-Friedensmission UNIFIL aus dem Libanon zurück, während Frankreich den israelischen Botschafter wegen eines Zwischenfalls einbestellt hatte, bei dem israelische Truppen das Feuer auf drei Stellungen der UN-Friedenstruppen im Südlibanon eröffneten.

Netanjahu zeigte sich erstaunt über die Absicht von Präsident Macron, in Paris eine Konferenz zum Thema Libanon zu veranstalten, an der unter anderem Südafrika und Algerien teilnehmen sollen, die ja „Israel sein grundlegendes Recht auf Selbstverteidigung absprechen und damit sein Existenzrecht verweigern“, so zumindest die heuchlerische israelische Anschuldigung, die durch nichts untermauert werden kann.

In einer Botschaft an Macron gab Netanjahus Büro zudem an, dass der Staat Israel „durch den Unabhängigkeitskrieg mit dem Blut unserer heldenhaften Kämpfer gegründet wurde, von denen viele den Holocaust überlebt haben, einschließlich des Vichy-Regimes in Frankreich“. Sie fügte hinzu, dass die UNO in den letzten Jahrzehnten Hunderte von antisemitischen Resolutionen gegen Israel verabschiedet hätte. Um den Begriff des Antisemitismus noch einmal verstärkt ins Lächerliche zu ziehen, wird neuerdings nach israelischer Staatsräson auch die UNO als antisemitisch diffamiert. Die inzwischen mehr als hundertjährige Kolonisierung und ethnische Säuberung von Palästina kann dann auch als Unabhängigkeitskrieg verklärt werden, der so heldenhaft geführt wurde, wie ein Krieg von Panzern gegen steinewerfende Jugendliche oder von Piloten mit 900-Kilogramm-Bomben gegen eine schutz-, wehrlose und eingesperrte Bevölkerung eben geführt werden kann. 

Quellen: AJ / AJ / WAFA / Reuters / teleSUR

 

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Bildquelle: Palestinian News & Information Agency (Wafa) in contract with APAimages, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons
Schlagworte: Benjamin NetanjahuBidenDeportationEmmanuel MacronGazaGenozidIsraelKriegsverbrechenNahostNakbaPalästinaPalestinian Prisoner Solidarity NetworkPFLPPPSSamidounShaban al-DalouUmsiedlungUSAVölkermord

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