Erinnerungen von Chris Peterka, der seit Jahrzehnten Profimusiker und seit fast 50 Jahren in der kommunistischen Bewegung aktiv ist.
Am 27. Juni 1976 fahre ich, gerade 18 Jahre alt, mit der Stadtbahn (der späteren Linie U4) bei der Station Kettenbrückengasse vorbei. Hier fällt mir auf der Höhe des Naschmarkts eine Veranstaltung mit lautstarker Beteiligung auf. Ich erinnere mich davor über ein sogenanntes „Anti-Schleiferfest“ gelesen zu haben, das über die schikanösen Ausbildungsmethoden beim österreichischen Bundesheer informieren sollte, die bis zu Todesfällen unter den Rekruten geführt hatten.
Diese Veranstaltung war Teil einer vom später zu Weltruhm gelangten Architektenduo Coop Himmelblau kuratierten Reihe mit Namen Supersommer 76. Diese wiederum fand parallel zur schon seit 1970 bestehenden Schiene Arena 70 statt, deren Veranstaltungen erstmals im Museum des 20. Jahrhunderts im Schweizergarten durchgeführt und von der Gemeinde Wien im Rahmen der Festwochen gefördert wurden. Der Name Arena deshalb, weil die Publikumsränge wie in den antiken Arenen angelegt waren. Beide, Arena 70 und Supersommer 76, bewegten sich hauptsächlich im kulturellen Avantgarde-Bereich und umfassten Theater, Tanz, Literatur, Musik und mehr mit in- und ausländischer, zum Teil sehr prominenter künstlerischer Beteiligung.
In den Jahren 1975 und 1976 wurde für mehrere Festwochenveranstaltungen der ehemalige sogenannte Auslandsschlachthof in St. Marx im 3. Wiener Bezirk bespielt, wodurch sich der Name Arena auf das gesamte Areal übertrug. Nach Ende der Festwochen 1976 sollten die historischen Gebäude, welche ein kleines Dorf mit unterschiedlich nutzbaren Häusern ergaben und wie geschaffen für ein vielleicht später in Selbstverwaltung zu nutzendes Kulturzentrum erschienen, abgerissen werden. Die Gemeinde Wien hatte die Liegenschaft nämlich bereits dem Textilindustriellen Leopold Böhm, der nebenbei zu dieser Zeit auch als Präsident des Fußballklubs Austria Wien tätig war, zur Erweiterung seiner Firma Schöps versprochen.
Womit wir wieder beim 27. Juni 1976 landen. Ich verfolge in den damals spärlichen Medienberichten – zu dieser Zeit beschränkt auf Zeitungen, TV und Radio – wie sich bei der allerletzten Veranstaltung in der Arena eine spontane Gruppe gebildet hatte, die den angedrohten Abriss der Gebäude nicht widerstandslos hinnehmen wollte. Vom Anti-Schleiferfest am Naschmarkt zogen weitere hunderte Personen spontan hinaus zum an der Grenze der Bezirke Landstraße und Simmering gelegenen Areal, um dieses zu besetzen. Die Gruppe „Misthaufen“ hatte dort gerade das Protestmusical „Schabernack“ gegen eine weitere Schnellstraßenverbauung beendet. Diese hätte, eine heute unvorstellbare stadtplanerische Idee, auch den Naschmarkt betroffen. Dadurch bekam das Anti-Schleiferfest eine doppelte Bedeutung. Vom Naschmarkt kamen die Musiker der „Schmetterlinge“ und Mitglieder des Kabaretts „Keif“ hinzu. In einer ersten Stellungnahme forderten die Besetzer die Verhinderung des Abrisses des Auslandsschlachthofes und die Errichtung eines ganzjährigen selbstverwalteten Jugend- und Kulturzentrums mit Übernahme der Betriebskosten durch die Gemeinde Wien.
Und dies war nicht die erste Besetzung abrissgefährdeter Gebäude in Wien. Bereits im Jahr zuvor, im Sommer 1975, waren im Stiftsviertel in Wien-Neubau mehrere heruntergekommene und zum Abriss bestimmte Biedermeierhäuser von Aktivisten besetzt worden. Der Abriss der Gebäude zum Zweck der Errichtung von Gemeindebauten konnte verhindert werden, nach langwierigen Verhandlungen mit der Gemeinde Wien wurde nach der Adaptierung eines geeigneten Hauses dieses 1978 an den Verein „Kulturzentrum Spittelberg“ übergeben. Bis heute wird das Gebäude von unzähligen Gruppen und Vereinen genutzt und im Hof befindet sich einer der schönsten Gastgärten Wiens.
Zurück zur Arena-Besetzung:
Zu der Zeit fahre ich mit Eltern und Freunden auf Urlaub nach Kärnten. Die Randnotizen in den bürgerlichen Zeitungen über den Kampf der sich Arenauten nennenden Widerständler am Stadtrand von Wien verfolge ich zwar, habe der Arena aber in den Tagen vor meiner Abreise leider keinen Besuch abgestattet. Dann tritt das Geschehen in der Arena kurzzeitig in den Hintergrund: Am 1. August 1976 stürzt in den frühen Morgenstunden die Reichsbrücke ein, wenige Stunden später baut sich Niki Lauda am Nürburgring mit seinem Formel 1‑Boliden ein und verbrennt fast in dem Wrack. Damit war die mediale Saure Gurken-Zeit auf Kosten der Berichterstattung über die Arena für ein paar Tage gerettet.
Zurück in Wien schaffe ich es doch, die Arena regelmäßig zu besuchen. Mir erschließt sich ein beeindruckendes Ensemble unterschiedlichster Gebäude, in denen Raum für alle möglichen Aktivitäten geschaffen wurde. Ich entdecke das Teehaus, das Frauenhaus, das Literatencafé, den Filmpalast, die Rote‑, die Theater- und die Große Halle. Weiters ein Kinderhaus und einen Raum für Videoarbeiten. Andere Gebäuden werden als Küche, Sanitätsraum und natürlich für die Selbstverwaltung genutzt. Ein ganzes Dorf auf 70.000 qm, in denen man teilweise in den Kobeln der Ställe für die vormals zur Schlachtung bestimmten Schweine Sitzgelegenheiten geschaffen hatte.
Dies hatte eine gänzlich andere Dimension als das gerade in Verhandlungen mit der Gemeinde zur kulturellen Nutzung stehende Amerlinghaus.
Bei meinen Besuchen in der Arena, die nach mühevoller Anreise mit den damals ziemlich im Argen liegenden Öffis erfolgt, fallen mir am Weg von der Simmeringer Hauptstraße, wo die Straßenbahnlinie 71 hält, hinunter über die Litfaßstraße zu einem Seiteneingang der Arena, die Steher für eine Brücke der in Bau befindlichen Südost-Tangente auf. Am besetzten Gelände treffe ich dann schon untertags die verschiedensten Leute aus allen Schichten. Im Verlauf der wenigen Monate der Besetzung kommt es zu einer sozialen Durchmischung der Arenaaktivisten und auch der Besucher. Selbstverwaltung wird versucht und darüber oft endlos diskutiert. Selbstverwaltung in unserem bestehenden System bedeutet ja oft, dass diese Verwaltung nicht wie in einem Rätesystem demokratisch und rechenschaftspflichtig, sondern durch die rhetorisch geschultesten und in der jeweiligen Szene am besten vernetzten Leute durchgeführt wird. So hatten natürlich auch Jene einen Vorteil, die Verbindungen zu den Lokalpolitikern vorzugsweise der Wiener SPÖ hatten. Es entstanden unter den Besetzern unterschiedliche Gruppierungen, von denen die maßgebliche schließlich das Angebot der Gemeinde Wien annahm, nach dem im Gemeinderat endgültig abgesegneten Verkauf des Geländes und der Schleifung der Gebäude in den in der unmittelbaren Nachbarschaft liegenden Inlandsschlachthof zu übersiedeln, in dem bis heute ein kommerzieller Musikveranstaltungsbetrieb statt findet. Ich selbst durfte mich dort 1977 an den ersten Adaptierungsarbeiten beteiligen, was aber eine andere Geschichte ist.
Was bleibt von der originalen Arena des Jahres 1976 in Erinnerung ?
Die spontane Nutzung des vielschichtigen Geländes nicht nur zur von oben verordneten Festwochenzeit. Spontane Solidaritätskonzerte von internationalen Musikgrößen wie John McLaughlin, Leonard Cohen und Bob Downes, neben vielen Größen der österreichischen Musikszene. Eine überraschende Solidarität eines Teils der Wiener Bevölkerung, die durch Besuche am Gelände einerseits ihre Neugier befriedigen wollte, andererseits aber auch vorhandene Vorurteile gegen die „Besetzung fremden Eigentums“ noch dazu zu etwas in den Augen vieler Spießbürger derartig Unnötigem wie kultureller und sozialer Selbstverwirklichung, abbauen konnten. Aber auch skurrile Dinge wie ein kleiner in der Arena gestrandeter Wanderzirkus, mit nach heutigen Maßstäben undenkbaren Tiernummern, wobei sich der zum Bestand gehörige Alligator mit einem Biss gegen die Dressur seines „Zirkusdirektors“ wehrte und ein Bär mit Schutzausrüstung gegen Freiwillige aus dem Publikum kämpfte, das sich großteils aus Simmeringer Raufbolden zusammen setzte. Gewonnen hat immer der Bär, was ihm auch ab und zu eine Flasche Schwechater Bier einbrachte, welche er geschickt zwischen seine Pfoten klemmte und in einem Zug leerte. Weniger skurril als traurig waren gegen Ende der Besetzung auch zeitweise Überfälle von Rechtsradikalen auf die Besetzer. Trotz aller Widrigkeiten des Wiener Christiania (die noch heute bestehende 1971 besetzte Freistadt in Kopenhagen diente vielen Besetzern als Vorbild) war es doch ein wichtiges Zeichen zum Aufbruch im Wiener Kulturbetrieb abseits der massiv subventionierten Hochkultur.
Auch die Bildung des „Vereins zur Schaffung offener Kultur- und Werkstättenhäuser“ (WUK) im Jahr 1979 mit der Besetzung des alten Fabrikgebäudes und früheren Sitz des Technologischen Gewerbemuseums zwei Jahre später wäre ohne die Erfahrungen mit der Arena vielleicht anders verlaufen. Das WUK gehört heute zu den größten Häusern seiner Art in Europa.
Das selbstverwaltete Kulturzentrum Gassergasse, die GaGa, das zwar nur von 1981 bis zur gewaltsamen Räumung 1983 bestand, war ebenso ein Beispiel dafür, wie mit Druck auf die Gemeindepolitiker einige kulturelle Freiräume in der Stadt geschaffen werden konnten.
Und für mich war der Abriss der Arena im Herbst 1976 der Auslöser, zum ersten Mal an einer Protestdemo teilzunehmen und mich kurz darauf politisch zu organisieren.



















































































